Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1880)
- Date
- 1880-05-25
- Page
- Seite 326 (sequence 6)
- Language
- German
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326 Unterschiedes zwischen England und Frankreich einerseits und Deutschland andererseits. In jenen Ländern denken auch die Conservativen nicht daran, das Princip der Gleichstellung anzugreifen und die Juden wieder ihrer bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte zu berauben. In Deutschland haben die Conservativen nicht allein der Gleichstellung den hartnäckigsten Widerstand entgegengesetzt, nicht allein immer wieder Versuche gemacht, den bez. Artikel aus der preußischen Verfassung wieder zu entfernen — wir errinnern an den Antrag Wagener 1856 — sondern sie haben in ihrer Presse und in Versammlungen seit 1850 bis zum heutigen Tage unermüdet gegen die Juden geeifert und geschmäht und immer wiederholt die Absicht kundgegeben, Ausnahmsgesetze und Beschränkungen für die Juden wiederherzustellen. Ist es da nur möglich, daß die Juden in den Reihen der Cvnservativen erscheinen können? Wenn daher in Frankreich und England jüdische Wähler und Gewählte allen Parteien angehören, ergiebt sich dies eben nicht daraus, daß man ihnen in diesen Staaten die völlige Freiheit läßt, ihrer persönlichen Ueberzeugung zu folgen, während man sie in Deutschland zwingt, sich der conservativen Partei um ihrer eigenen Existenz willen zu enthalten? Hieran schließt sich als eine andere Folge, daß conservative, ja gemäßigt liberale Wahlkreise keinen Juden wählen, und wenn daher zufällig ein Jude zum Abgeordneten gewählt wird, so geschieht dies nur von vorgeschrittenen Wählern, und dieser Jude muß also von vornherein dieser politischen Richtung huldigen. Liegt es also klar, daß die Juden zu den Conservativen in Deutschland, wie diese einmal geartet sind, nicht gehören können, so ist es doch völlig unrichtig, wenn die „N. A. Z." behauptet, daß die jüdischen Wähler nicht zu den National- Liberalen gehören, sondern allein zu den Fortschrittlern. Dies ist durchaus unwahr und der Gegenbeweis kann aus allen Kreisen erbracht werden, in welchen die National-Liberalen einen Theil der Wähler bilden. Die „N. A. Z." kann sich hierüber selbst in Berlin, wo die Zahl der National-Liberalen so gering ist, Gewißheit verschaffen. Hier ist es, wo wir ein für allemal zwischen den Juden als Wählern und den Abgeordneten jüdischer Religion unterscheiden müffen. Die letzteren sind keine Vertreter der Juden; sie sind vom gesammten Volke gewählt, also Vertreter des Volkes, wenigstens der Mehrheit ihres Wahlkreises. Ihre politische Richtung ist ihre persönliche Sache, nicht die der Juden, und ihre Gegner sollten doch wenigstens so viel Gerechtigkeitsgefühl besitzen, die Juden im Allgemeinen von jenen zu unterscheiden. Diese können sich weder die Verdienste dieser Männer zurechnen, noch deren vermeintliche Nachtheilc. Sie gehören allein ihren Wählern zu. Uebrigens gehörten Lasker und Bamberger viele Jahre zu den Führern der National-Liberalen und wenn sie jetzt diese Stellung verlaffen haben, so geschah dies nicht, weil sie ihrem bisherigen Wege ungetreu wurden, sondern weil sie der Staatsregierung auf der Umkehr von ihrer bisherigen nationalökonomischen Richtung nicht folgen zu können glaubten, wie dies andere bedeutende Männer auch nicht vermochten. Hier ist überhaupt der wunde Fleck der „N. A. Z.", den man dem gouvernementalen Blatte Nachsehen kann, der jedoch ihre vorgeschützte Objektivität in schweren Verdacht bringt. Sie geht von der Ansicht aus, daß jede von der Staatsregierung abweichende Meinung dem Staate, hier dem deutschen Reiche, eine feindselige sei. Dies ist gewiß eine grundfalsche Meinung, und das Blatt begeht dabei den Fehler, an England zu erinnern. Welche der jeweiligen Regierung schärfer entgegengesetzte Opposition konnte es geben, als die Partei Gladstone's? Nun, dieser Gladstone ist jetzt Premier-Minister, also sicherlich kein Feind des Staates und der nunmehrigen Staatsregierung. Wir wiffen sehr wohl, daß Deutschland nicht England ist. Aber dahin muß es doch auch bei uns kommen, daß nicht jede von der zeitweiligen Richtung der Staatsregierung abweichende Meinung als eine principielle Feindschaft gegen den Staat angesehen werde. Es gäbe sonst keine Partei, die Conservativen und Nationalliberalen eingerechnet, die nicht zu Zeiten dieser Staatsseindseligkeit geziehen werden müßte. Die eben beendete Session des deutschen Reichstages hat dafür genügende Beweise geliefert. Und so müffen wir uns schließlich mit aller Kraft gegen die Insinuation der N. A. Z. erheben, als ob die politische Richtung der Juden lediglich vom Bor¬ oder Nachtheile derselben abhänge. Dies ist bei uns durchaus nicht mehr der Fall, als bei allen anderen Bürgern. Wir fühlen uns von demselben Patriotismus erfüllt wie unsre christlichen Mitbürger. Wir stehen ihnen auch nicht im geringsten Maße darin nach, und alle Behauptungen, die ein Anderes aussagen, erklären wir für unwahr und unerwiesen. Kam es doch jüngst in England vor, daß der liberale Gladstone die Juden als unpatriotisch brandmarkte, weil sie, so weit sie der liberalen Partei angehörten, ihm in seiner auswärtigen Politik nicht folgen konnten und wollten. Jetzt, da er Premierminister geworden, verdammt er selbst in dem an den österreichischen Gesandten gerichteten Schreiben seine bisherige Politik und alle seine Reden darüber. Wer hat nun Recht behalten? Wer war wahrhaft patriotisch? . . . Aus dem ganzen Artikel der N. A. Z. bleibt als wahr nur allein übrig, daß die Juden als Wähler und Gewählte in Deutschland nicht zu den Conservativen gehören, dies aber aus dem Umstande hervorgeht, daß die Conservativen die Juden ausschließen und sich als ihre energischen Gegner verhalten, wozu denn noch bemerkt werden muß, daß die Staatsregierung glücklicher Weise selbst auch nicht zu diesen eigentlichen Conservativen gehört.