Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1880)
- Date
- 1880-05-25
- Page
- Seite 325 (sequence 5)
- Language
- German
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325 Absicht aber glauben wir auf eine Thatsache aufmerksam machen zu müssen, die in sich zu rathen giebt, wenn sie nicht ethnologisch erklärt werden kann.'" „Keine Classe unserer Mitbürger hat in ihrer gesammten bürgerlichen Stellung in gleichem Maße durch die Einführung der Reichsverfassung und der Reichsgesetzgcbung gewonnen, als die Juden. Wenn man sicht wie unsere jüdischen Mitbürger im Vermögen, im Besitz, in der bürgerlichen und gesellschaftlichen Stellung, in der Fähigkeit, Aemter zu verwalten, in dem reichlichen Zudrang zu den letzteren sich seit der Reichsgesetzgcbung entwickelt haben, so sollte man glauben, daß sie die Wohlthaten derselben zu schätzen wüßten, und Mangel an Dankbarkeit ist im Allgemeinen kein Vorwurf den man dem jüdischen Stamme zu machen berechtigt wäre. Wie kommt es nun, daß dennoch die Juden an der Spitze fast jeglicher Opposition gegen das Reich stehen, die Clericalen allein ausgenommen? Wenn in Rußland der Stamm Israel ein auffälliges starkes Contingcnt zu den Führern der Nihilisten stellt, so geben manche russische Zustände psychologische Erklärungen dafür. Bei uns aber hat gerade das jüdische Element nicht das geringste Interesse daran, die bestehende Ordnung anzufechtcn und den Zuständen, welche nach dem Zusammenbrechen derselben eintreten könnten, mit freudiger Erwartung cntgcgenzusehen. Trotzdem findet jede Bestrebung, welche das Ansehen der Regierung zu beeinträchtigen unternimmt, in jüdischen Agitationen ihre entschiedenste Förderung. Die Verhältnisse der Presse sind bekannt und leicht durch eine consessioncllc Statistik genau zu beleuchten. Bei den Wahlen bemerkt man selten, vielleicht niemals, daß jüdische Wähler für eonscrvative oder auch nur gemäßigt liberale Candidaten stimmen. Der Fortschritt ist ihr Element, obwohl sie schwerlich beruhigter, wie die christliche Mehrheit, über das Ziel sein können, zu dem der Fortschritt, wenn er ungehemmt seinen Weg nimmt, schließlich führen muß. Jüdische Abgeordnete im Landtag und Reichstag finden wir unter den Conservativen und Frciconservativen gar nicht, im Centrum werden sie vielleicht nicht zugelassen, der nationallibcralc Boden sollte ihr eigentliches Element sein, und in der That gehören oder gehörten sic der Regel nach formell der nationalliberalen Fraction an, aber doch offenbar nur, um innerhalb derselben die sortschrittlichcn Tendenzen wirksamer und zugleich gedeckter vertreten zu können. Die Firma: Laster, Bamberger, Wolffson findet sich an der Spitze jeder regierungsfeindlichen Bewegung innerhalb der nationalliberalen Partei — in der Unterstützungsreservc für jede fortschrittliche Opposition, und in geschäftsmäßig freundlichen Beziehungen zu derjenigen des Centrums. Wenn man sich die ausnahmslose Regelmäßigkeit dieser Erscheinung vergegenwärtigt, so fragt man sich, ob in unserer Gesetzgebung nicht noch irgend eine Bestimmung vorhanden sei, welche eine gleichmäßige und dauernde Unzufriedenheit unserer jüdischen Mitbürger hervorzuruscn geeignet wäre. Wir würden uns freuen, wenn von wissenschaftlicher Seite diese Frage als eine Preisaufgabc gestellt würde, denn bei der ungewöhnlichen Begabung und dem großen Reichthum, welche den Deutschen jüdischen Glaubens eigen sind, halten wir es für wichtig genug, zu untersuchen, ob nicht dem etwa vorhandenen Uebclstandc Abhilfe geschafft werden könnte. Man kann nicht sagen, daß in Frankreich die Judeu vorwiegend aus der revolutionären Seite ständen; im Gegentheil, sie stellen ein nicht unerhebliches Contingcnt zur Vertretung der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung, denn sie haben auch dort viel zu verlieren. Auch in England findet mntatis mutandis ein analoges Verhältnis statt. Liegen also in unseren Staatseinrichtungen noch heutzutage Momente, welche die Juden nothwcndig zu unzufriedenen und oppositionellen Staatsbürgern machen? Es wäre zu wünschen, wenn dieser Frage ohne Eifer und Zorn und ohne verletzende Ausfälle in aller Objeetioität eine wissenschaftliche Untersuchung zu Theil würde." Wir waren stets der Meinung, daß Auslassungen gegen die Juden, welche den Stempel der Gehässigkeit in offenster Weise an der Stirn tragen, bei Weitem nicht so gefährlich sind, wie solche die unter dem Scheine der Gerechtigkeit und der Objectivität die schärfsten und einseitigsten Angriffe unternehmen. Zu diesen letzteren gehört dieser Artikel der „9t. .A. Z." Die Plaisanterie mit der „Preisaufgabe" lassen wir bei Seite. Würde die „31. A. Z." sie stellen, so könnte sie dieselbe füglich auch selbst lösen. Bon einer wissenschaftlichen Preisaufgabe hat man aber zu fordern, daß sic auf richtigen Voraussetzungen beruhe. Und dies ist es eben, was dem ganzen Artikel fehlt. Tie „R. A. Z." fühlte dies wohl selbst und benutzt ihren geistreichen Einfall nur zu einer scherzhaft sein sollenden Einkleidung. Bon vornherein wiederholt sie doch nur die von den Judenfeinden stets vorgetragcnen und trotz aller Wiederlegungen immer wiederholten Behauptungen vom Rcichthum der Juden und von ihrem Einfluß auf die Presse. Sie lhut dies in etwas vcrschämter Weise und wir wollen ihr dahin nicht folgen. Zwei Ansichten sind es, die sich bei ihr vordrängen, und die wir zu beleuchten haben. Tie erste ist, das; die Juden Alles nur des Vor- oder Nachtheils wegen thun. In Frankreich und England sollen die Juden auf der Sraatserhaltenden Seite stehen, weil sie sonst zu viel zu verlieren hätten. Ta sie dies in Tcurschland nicht thäten, so müßten sie sich hier noch staatlich beeinträchtigt fühlen, und cs wäre die Frage, worin diese Beeinträchtigung liege? Die zweite besteht darin, daß die deutschen Juden nicht zur conservativen Partei gehörten, sondern der Staatsregierung immer und allesammt Opposition machten. Die „N. A. Z." vergißt hier eines weseutlichen