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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-05-25 · Heft 21 (25.5.1880) · p. Seite 324

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 21 (25.5.1880)
Date
1880-05-25
Page
Seite 324 (sequence 4)
Language
German
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324 weis, daß er eben nur auf die Verneinung auf dem religiösen Gebiete ausgegangen ist. Dies zeigt sich am deutlichsten in seinen eigentlichen Schlußfolgerungen, um derentwillen er die bisher besprochenen Sätze vorausgeschickt hat. Dem „Einzelnen" gestattet er, „ohne Furcht vor berechtigtem Widerspruch" Gott anzubetcn, sich irr Gottesfurcht zu erziehen und Gott „in seine Stimmung und Lebensgeschicke zu verflechten." Also blos dem Einzelnen — jeder Bereinigung von Einzelnen zu religiösen Zwecken aber stellt er einen „berechtigten Widerspruch" entgegen! Die einfache Consequenz wäre also, daß jede religiöse Bereinigung außerhalb des Rechtes liege und durch berechtigten Widerspruch zu beseitigen sei. Wir können kaum glauben, daß Lasker sich über diese doch zu Tage liegende Bedeutung seiner Worte klar geworden. Sie stehen so monströs allen wirklichen Erscheinungen und jedem Begriffe wahrer Freiheit entgegen, daß wir glauben müßten, Lasker habe sich dem extremsten Radikalismus neuerdings ergeben. Sie zu bekämpfen ist überflüssig. Jndeß haben wir uns nicht zu fürchten; Lasker will nicht auf diesem steinigen Wege fortschrcitcn: er will vielmehr alle religiösen Einrichtungen und Bcranstaltungen dem „Zerbröckeln" überlasten, welchem er sie bereits anheimgefallen ansieht. Er wünscht dies, darum glaubt er es. Aber er möchte sich doch außerordentlich geirrt haben. Wahr ist cs, daß von den, im Mittelalter geschaffenen Formen der religiösen Ueberzeugung vor der modernen Bildung Vieles nicht blos „abbröckelt", sondern in reformatorischem Geiste beseitigt wird. Aber so gewiß, wie die religiösen Gefühle dem Menschenherzen „tief eingegraben, der Antrieb zur Gottesfurcht natürlich" sind, was Lasker selbst zugesteht; so gewiß ebenso tiefeingegraben und natürlich das Streben nach Gotteserkenntniß und das Denken und Erkennen Gottes im menschlichen Geiste ist, was L. nicht zugestehen will — so gewiß ist es auch, daß die Religion stets auf dem Boden des Gefiihlten und Erkannten Einrichtungen für gemeinsame Gottesverehrung, Religionsunterricht und religiöse Veranstaltungen haben und erhalten wird; so gewiß ist es, daß in dem ebenso natürlichen Triebe zur Gemeinsamkeit die Einzelnen sich stets zu einem religiösen Bekenntniß und zu religiösen Institutionen vereinigen und vereinigt erhalten werden. Manchem unserer Leser wird es vielleicht bedünken, die angeführten Auslastungen Laskers seien nicht von der Bedeutung, daß wir an dieser Stelle so ausführlich darüber hätten verhandeln sollen. Dies erschiene uns aber als ein Jrrthum. Die obigen Aussprüche Lasker», ein Niederschlag gangbarer Philosopheme, allerdings mehr vom Hörensagen als aus eigenem Studium gebildet, sind bei einer großen Zahl von Individuen verbreitet, welche bei sonstiger scharf ausgebildeter Verständigkeit, die sie auf anderen Feldern nützlich und verdienstvoll anwenden und verwerthen, sich mit jenen Gedanken begnügen, um auch auf dem religiösen Gebiete einem gewisten Freisinn zu huldigen. Darum müsten sie bekämpft, in ihrer Oberflächlichkeit und in ihren Widersprüchen klar gelegt werden. Dies wird allerdings nicht mit einem Schlage erreicht werden. Und so war es mit unsre Absicht, die allgemeine Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Ist es doch besonders die Jugend, die sich von dergleichen Phrasen verlocken und blenden läßt. Nein, wir haben für den Bestand der religiösen Gesammtheit nichts zu fürchten. Aber der Religion ist es darum zu thun, ihre religiös-sittliche Einwirkung aus die Individuen, aus Alle, die ihr als ihre Bekenner zugehören sollten, nicht zu verlieren. In der That werden jetzt so viele „neue Weltanschauungen" sabricirt und der Büchermarkt damit überschwemmt, daß man genug zu thun hat, sich dieser Moskitos zu erwehren, die zwar wacker zustechen, aber doch nur — kurzlebige Kerbthiere sind. Es ist für eine fruchtbare Ebene wahrlich kein Glück, wenn ein Bergrutsch stattfindet, wenn von dem Gipfel des Feldgebirges sich große Blöcke ablösen, sich herunterwälzen und, zu gewaltigem Geröll zerschlagen, einen Theil der Aecker, Wiesen und Weinberge bedecken — und zu solchem Gerölle will man nicht blos die Religion, sondern auch die Wistenschaft zerschlagen. Da häufeln sich „selbständige Denker" aus dem Geröll kleine Hügclchen auf und verkünden von dort ihre Urtheile über die ewigen Wahrheiten, die das Menschengeschlecht in schwerer, unermüdlicher Geistesarbeit sich durch die Jahrtausende errungen und zu eigen gemacht, und ihre neuen Weisheitslehren — doch die Menge will sich nicht einnnden um sie her, und ihre Standhügel fallen unter ihrem eigenen Gewichte zusammen. Wir aber wollen treu beharren in unsren wohlbefestigten Neberzeugungen, daß der Flugsand, der aus den Wüsten der Negation und Sophisterei herüberweht, an uns vorbeiflicge, zerstreut von den Winden der Zeit! Wir wollen den Kampf um die Gotteserkenntniß fortführen, wie es unsre Väter thaten ihres Theiles, und des Spruches des Propheten gedenken: „Ob Jünglinge ermatten, ermüden, junge Männer straucheln: die des Ewigen harren, erneuen die Kraft, sie heben die Schwingen wie Adler, sie laufen und werden nicht müde, sie wandeln und werden nicht matt." (Jes. 40, 30. 31.) Ein Artikel der „Norddeutschen Äüg. Zeitung?* Die Nordd. Allg. Ztg. enthält einen Artikel, der wegen der bekannten Stellung dieses Blattes zur Regierung volle Beachtung verdient. Er lautet: „Wir haben uns bis jetzt jeder Theilnahme an der neuerdings von vielen Seiten angeregten Polemik gegen unsere jüdischen Mitbürger sorgfältig enthalten. Wir beabsichtigen auch heute diesem Grundsätze nicht untreu zu werden und keinen Anlaß zu confessionellen oder Stammesstreitigkeiten zu liefern. Ohne eine derartige

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