Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1880)
- Date
- 1880-05-25
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
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323 führt haben soll, daß auf metaphysischem Wege ein un-! umstößlicher Beweis für das Dasein Gottes nicht erbracht! werden könne, weil die metaphysischen Voraussetzungen| immer wieder bestritten werden können. Nun, nicht bloß! vor ihm, sondern auch nach ihm, bis auf den jüngeren! Fichte, haben Philosophen diesen metaphysischen Beweis zu! führen geglaubt, und wenn jetzt wieder eine Anzahl Jünger sich Kant zuwendet, so wird es nicht lange währen, bis das Gegentheil wieder eintritt. Um so weniger kann der Kantische Lehrsatz als das unumstößliche Endresultat für alle Zeiten angesehen werden, und nur ein in Kant wirklich aufgegangener Philosoph oder ein Dilettant kann das metaphysische Forschen mit solcher Bestimmtheit für nur eine „Hebung des Geistes" erklären, wie es Lasker thut. Uns läßt der Streit der Metaphysiker gleichgültig, da wir nicht aus metaphysischen Voraussetzungen, sondern auf dem unverfänglichsten Wege des vernunftgemäßen Denkens zur Gotteserkenntniß gelangen, und unsre Ueberzeugung aus den ewig frischen Quellen der Natur, der Geschichte und der Menschenseele schöpfen. Jndeß muß Lasker seine Schwäche selbst gefühlt haben. Denn nachdem er die für ihn nagelneue Wahrheit, das Wesen Gottes ist unergründlich, ausgesprochen, substituirt er sofort etwas ganz Anderes, nämlich: „es ist dem Menschengeschöpf verwehrt .... in irgend eine nach menschlichen Regeln erkennbare Verbindung mit Gott zu treten", und dies ist ihm die furchtbare, alle Religion beseitigende „Erkenntniß". Dies schien ihm aber noch so ungenügend, oder aber so bedeutend, daß er etwas geheimnißvoller fortfährt: „Keine Forschung erschließt dem Menschen das Berständniß, wie zu Anfang oder zuletzt Menschliches und Göttliches sich verknüpfen." In diesen Worten liegt entweder ein Mysterium, oder aber sie sind eine hohle Phrase. Eine Verbindung zwischen Gott und Mensch kann nur im Geiste ftattsinden- Wir wissen und fühlen uns Gott verbunden als unsrer Vorsehung und Vergeltung, die uns mit gewissen geistigen und leiblichen Anlagen und unter gewiffen Verhältnissen ins Leben gerufen, durch ihre Fügungen bestimmend auf uns einwirkt und uns aus dem Leben scheiden läßt; Gott verbunden durch die Liebe zu und die Ehrfurcht vor ihm, die nicht blos aus unsren Gefühlen, sondern auch durch die Erkenntniß und Folgerungen unsres Verstandes entstehen und genährt werden; Gott verbunden in allem Rechten und Guten, das wir vollbringen, weil wir hiermit unsrer Bestimmung, d. i. Seinem Willen genügen; Gott verbunden im Bewußtsein und Gefühl unsrer Schuldhaftigkeit und Seiner Barmherzigkeit, die uns zur inneren Harmonie und zu der Empfindung, vor Ihm versöhnt zu sein, bringt. In allen diesen Momenten lvifsen und fühlen wir uns in ganz erkennbarer Weise ihm verbunden und zu Anfang und zuletzt ihm verknüpft, so erkennbar, daß wir sie klar zu denken, bestimmt auszusprechen und nach unsrer ganzen Anschauungsweise zu begründen und zu erweisen vermögen, also nach allen menschlichen Regeln; ferner so erkennbar, daß wir sie im Gebete und, ein Jeder innerhalb seiner Religion, durch religiöse Akte und Cercmonien zum Ausdruck zu bringen und zu bethätigen im Stande sind. Es versteht sich, daß je eifriger wir diese Gedanken durchdenken, je inniger wir diese Gefühle durchfühlen, je aufrichtiger und wärmer das Gebet unsre Seele erfaßt, und die religiöse Handlung die Tiefen unsres Geistes erregt, und mit je lebendigerem Bewußtsein wir unser Denken und Thun davon beherrschen lasten, wir uns um so erkennbarer mit Gott verbunden, Menschliches und Göttliches verknüpft wisten und fühlen. Denjenigen aber, denen alle diese Momente entschwunden sind, die sich ihnen gänzlich entfremdet haben, muß sich allerdings die Verbindung des Menschen mit Gott als nicht erkennbar darstellen, daß sie erst auf einen elektromagnetischen Strang warten, oder auf eine Verkörperung der Himmelsleiter, die Jakob im Traume gesehen, und welche die Verbindung zwischen Gott und Mensch allegorisirt. Nach diesen Verneinungen kommt L. auch zu einer Bejahung. Er giebt zu, daß „die (religiösen) Gefühle der Menschenbrust tief eingegraben sind, ein natürlicher Antrieb zur Gottesfurcht." Wenn die Worte „tief eingegraben" und „natürlich" einen Sinn haben sollen, so bedeuten sie, daß die religiösen Gefühle, namentlich die Gottesfurcht nicht etwa von Gewohnheit und Erziehung eingeflößt, sondern naturgesetzlich, in der Organisation der Geistesnatur des Menschen begründet, deshalb von ihr untrennbar, ihr unauflöslich angchörig sind. Ties bestätigen denn auch nicht blos fünf Jahrtausende des Menschengeschlechts mit allen ihren Monumenten und Documenten, nicht blos die Geschichte aller Völker bis auf den rohesten Culturzustand herab, sondern auch die Gegenwart bei allen zersetzenden Elementen und Processen einer heftigen Geistesgährung und wuchernden Hypercultur. Nun aber ist es doch auffällig bei einem juristisch so klar und scharf denkenden Manne, wie unser Antor ist, daß ihm nicht sofort der Gedanke kam: wenn der naturgesetzlichen Beschaffenheit unserer Psyche die religiösen Gefühle und Antriebe, also die überwältigende Ueberzeugung vom Dasein Gottes und, die Verbindung zwischen Mensch und Gott einwohncn, so muß dies ein Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung, eine Ausgabe der Psychologie sein und also auch von dieser Seite Gott zum Gegenstände des Denkens und Erkennen» werden, also die Erkenntniß Gottes aus diesem thatsächlichen Vorhandensein in der naturgesetzlichen Organisation unseres Geistes nicht blos möglich, sondern gegeben, geboten seien. Dies ist cs, was wir von dem juristischen Verstände Lasker», den er in zahlreichen Fallen der Gesetzgebung erwiesen hat, erwartet hätten, und daß er dennoch so über die Oberfläche hinweggeschlüpft ist, giebt uns den Be-