Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-05-25 · Heft 21 (25.5.1880) · p. Seite 322

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 21 (25.5.1880)
Date
1880-05-25
Page
Seite 322 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227307--38057-3307255
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

322 lich mit dem Vorbehalt, daß die Meinung der anderen Partei während des Compromiffes und durch denselben überwunden werden würde. Nun müssen wir aber Herrn Lasker sagen, daß auf dem echt religiösen, auf dem aufrichtig und innerlich religiösen Gebiete keine Politik getrieben werden kann und darf. Schlimm genug, daß die Religion in ihrer äußeren Erscheinung, in ihren äußerlichen Institutionen zum Werkzeug der Politik gemißbraucht worden, und heut zu Tage erst recht wieder gemißbraucht wird. Betreffs der wahrhaft religiösen Ueberzeugung und der Beziehungen des Menschengeistes zu ihr ist alle Politik und somit auch alles Compromißtreiben ein Gaukelspiel, von dem wir uns nicht irreführen lassen wollen. Seitdem unser Autor die citirten Worte niedcrgeschrieben, hat er bittere Erfahrungen gemacht, daß es selbst in der Politik mit den Compromissen eine böse Sache ist, ein Blendwerk, das plötzlich sich auflöst und zeigt, daß man durch jene nur rückwärts gegangen und dem Gegner gedient hat. Prüfen wir daher die Sätze Lasters etwas näher. „Die Natur hat dem Menschcngeschöpf verwehrt, das Wesen Gottes zu ergründen, das ist die Erkenntniß, mit welcher diese zweite (unsre) Periode dem Abschluß entgegcngeneigt." Wie? Dies soll eine Erkenntniß sein, der sich der Mensch jetzt erst entgegcnneigt? Das Wesen Gottes ergründen, das heißt doch einen vollkommenen und erschöpfenden Begriff vom Wesen Gottes erlangen. Daß dies dem endlichen Menschen, der Unendlichkeit Gottes gegenüber, unmöglich ist, das ist eine sehr alte Wahrheit, welche schon die heilige Schrift wiederholt ausspricht. Herr Lasker kennt so gut wie wir den tiefsinnigen Ausspruch 2 Mos. 33, 13 ff. Moses will das Wesen Gottes ergründen und --,z~ rx n: und die Antwort lautet: „Du vermagst nicht mein Wesen zu schauen, denn kein Mensch schauet mich und lebet," d. h. so lang er lebet auf Erden, wie Lasker sagt, „so lange der Mensch auf Erden weilt." Wie dies also erst das Resultat unserer Zeit sein soll, ist nicht erfindlich. Aber wie? ist es denn dem Menschen gegeben, das Wesen irgend eines Dinges zu „ergründen", auch der sinnlich wahrnehmbaren Dinge? Vermag irgend ein Naturforscher wirklich zu sagen, was die Elektricität in ihrem Wesen ist? was das Wesen des Magnetismus, der Anziehung und Abstoßung des Stoffes? Wir ziehen täglich vor der Sonne vorüber, kann Jemand sagen, er habe das Wesen der Sonne ergründet? Weiß der Botaniker, was das Wesen der Pflanze ist, durch das sie keimt und sprießt, Säfte anzieht und Luft und Licht und sie in ihre Organe verwandelt und blüht und Saamen schafft? Weiß der Chemiker uns das Wesen seiner Chemikalien, die er zersetzt und verbindet, zu demonstriren? Weiß Herr Lasker vielleicht uns das Wesen unsres Denkens und Fühlens zur Erkcnntniß zu bringen? Will er uns das Wesen dieses sinnlich wahrnehmbaren Universums erklären, wo uns schon die bloßen Zahlen der Entfernungen aus der wirklichen Vorstellung entschwinden? Nein und abermals nein! Ist daher mit dem Worte „das Wesen Gottes zu ergründen" auch das Geringste von nachhaltiger Bedeutung gesagt? Nein, das Wesen der Dinge vermögen wir nicht zu ergründen, wohl aber zu kennen und zu erkennen! Wir beobachten die Wirkungen eines Dinges, unterscheiden sie von den Wirkungen anderer Dinge, wir erkennen ihre Eigenschaften, die eigenthümlichen Symptome ihres Daseins, die Beschaffenheit ihres Werdens und Vergehens, und hiermit haben wir sie kennengelernt und erkannt, sie sind für uns gekannte und erkannte Thatsachen. Und nichts Anderes ist unsre Kenntniß und Erkenntniß Gottes. Das Dasein Gottes ist uns eine gekannte und erkannte Thatsache. Wir erkennen sein Dasein, seine Wirksamkeit, seine Eigenschaften in der Zweckmäßigkeit, Ordnung und Schönheit der gesummten Schöpfung und aller ihrer Gebilde, der kleinen wie der großen, wir erkennen es in der sittlichen Weltordnung, wie sie sich uns in der Entwickelung des Menschengeschlechts, in der durch diese sich entfaltenden Herrschaft des Rechts und der Liebe als Grundprincipien der menschlichen Gesellschaft und in der Entwickelung jedes einzelnen Menschen erweist; wir erkennen es hu Rechtsbewußtsein und den Gefühlen der Liebe, die dem Menschengeiste einwohnen, so mangelhaft oder so ausgebildet sie in ihm auch erscheinen mögen, in der ganzen Beschaffenheit des menschlichen Geistes, in seinem unwiderstehlichen Triebe zur Erkenntniß, in seinem unerschöpflichen Verlangen nach Höherem und nach Befriedigung. In allen diesen Momenten erkennen wir durch das Mittel unseres Verstandes, durch Beobachtung, Urtheil und Schluß, durch die unabweisbare Verbindung von Wirkung und Ursache in unserem Geiste das Dasein Gottes, seine Wirkung, seine Eigenschaften, und so wird uns Gott eine gekannte und erkannte Thatsache. Auch hierzu fordert uns die h. Schrift an unzähligen Stellen auf und leitet uns an, da sie sich auf die Natur, auf die Geschichte und auf den Geist des Menschen, diese „Leuchte Gottes" beruft (in der angeführten Stelle V. 19. 23). So vermögen wir allerdings Gott zu kennen und zu erkennen, nicht aber sein „Wesen zu ergründen", d. h. einen vollkommenen und allumfassenden Begriff von seinem Wesen zu erlangen, noch weniger als wir überhaupt das Wesen irgend eines Dinges, auch des sinnlich-wahrnehmbaren zu „ergründen" vermögen. — Hier aber ist es, wo wir Lasker auf einem Fehlgang betreffen. Er spricht zuerst vom „Ergründen des Wesens", schiebt aber die Erkenntniß und dann die Kenntniß unter, so daß er schließlich jede Kenntniß und Erkenntniß von Gott verneint! Dies ist nicht gerade und offen, und falsch erst recht, und hat etwas von Diplomatie und politischer Jntrigue an sich, und das müssen wir ernst zurückweisen. Lasker weiß, daß Kant den Beweis ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.