Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1880)
- Date
- 1880-05-18
- Page
- Seite 316 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 1× ep/1000834
- hazzan 1× ep/1004827
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316 kein Standesregister über die Confessionen derselben besitzt. Thatsache ist allerdings, daß von den in Odessa und Kiew verurtheilten Nihilisten einige jüdischer Abkunft waren. Unter den Sechs, die im December vorigen Jahres in Odessa vcrurtheilt wurden, waren zwei Juden, und unter den Acht, welche in Kiew vor dem Richter standen, waren gleichfalls zwei Juden. Die „Times" widmen diesem Thema einen Artikel, der die Frage mit so viel Objectivität als Gerechtigkeit behandelt. Sic sagt: „Durch ihren eigenen Jnstinct sind die Juden, solange sie den Schutz einer Regierung genießen, Freunde der Ordnung. Tic jüdischen Gemeinden im Mittelalter waren der Gegenstand aller möglichen Verdächtigungen, allein auch die wildeste Phantasie hat niemals die jüdischen Händler der Conspiration gegen einen Souverän und dessen Dynastie angeklagt. In früherer Zeit hatte die russische Regierung keine loyaleren Unterthancn, als die jüdische Bevölkerung. Unglücklicherweise wurde den Juden in Rußland in der letzten Zeit der Schutz des Staates entzogen. Bon Zeit zu Zeit wurden traurige Berichte bekannt über Bcrfolgungcn und Ausschreitungen gegen die Inden, welche durch die Regierung weder verhütet noch bestraft wurden. Andere Länder haben mittlerweile in der Toleranz große Fortschritte gemacht. Im Norden und Westen, im Süden und in Mitteleuropa haben sich die Menschen allgemach entwöhnt, zu denken, daß die Aufrichtigkeit ihres eigenen Glaubens durch ein sociales Stigma gegen Andersgläubige zu bethätigen sei. Tic Juden Rußlands haben von diesen Fortschritten nichts prositirt. Ta es ihnen nun verboten war, sich als einfache Russen zu fühlen, so mußten sie nothwendig Ideen ausnehmcn, welche aus anderen Ländern hcrüberkamcn. Sie wußten, daß sie an geistiger Begabung der Bevölkerung, unter der sie lebten, mindestens gleichgestellt sind; sic wußten, daß ihre Intelligenz und ihr Fleiß dem russischen Reiche mindestens so viel zusührte, als sie von demselben beanspruchten, allein das russische Bolk fuhr fort, sie als Parias zu betrachten, und die russischen Herrscher haben diese Bolksstimmung getheilt. Hätten die Ausschreitungen des Panslavismus nicht alle Elemente interner Agitation in Bewegung gebracht, dann würden auch die russischen Juden nicht in den Krieg gegen die staatliche Ordnung eingetreten sein. Da aber alle unbefriedigten Elemente sich erhoben, so war es begreiflich, daß das Judenthum, verachtet und niedcrgetrctcn wie cs war, seine Hilfstruppen stellte. Dabei ist jedoch der Antheil des Judcnthums an dem Nihilismus nicht mehr specisisch jüdisch, als der Antheil, den Studenten der Medizin nehmen, ein Antheil der medizinischen Wissenschaft genannt werden könnte. Ter Nihilismus ist eben das gemeinsame Reservoir, in welches jede Bewegung der Unzufriedenheit mit dem russischen Regime und der russischen Gesellschaft nothwendig sich ergießt." Bonn, Mai (Notizen? Man schreibt uns aus Fürth: In Bezug auf die Notiz in Nr. 18 der A. Z. d. I., laut welcher am 11. April 1680 in einem ifr. Tempel in Paris 10 Trauungen stattfanden, möge auch rcgistrirt werden, daß in hiesiger Stadt, deren jüdische Bevölkerung über 3000 Seelen beträgt, am 20. April 6 jüdische Trauungen vollzogen wurden. Zur Zeit befinden sich 30—32 israel. Brautpaare hier. — Der besonders als musikalischer Schriftsteller rühmlichst bekannte Chasan am Pariser Tempel S. Naumburg ist am 1. Mai zu Sanct-Mandi, wohin er sich wegen einer unheilbaren Krankheit zurückgezogen hatte, verstorben. In Bayern geboren, hat er zuerst in Bcsan>.on und Straßburg und seit 1815 in Paris fungirt. Seine musikalischen Werke Schire- Kadosch, Agudath - Schirim und die Herausgabe der Eompositioncn von Rossi haben ihm verdiente Anerkennung verschafft. Seine Menschenfreundlichkeit und Wohlthätigkeit bereiteten ihm in vieler Herzen eine dankbare Erinnerung. — I-euill'elon. Evrrespondenz. (Sotten i Mai. In dem unlängst ausgegebenen Rechenschaftsbericht der Achawa wird es wiederholt als ein unverzeihlicher Fehler gerügt, daß eine verhältnißmäßig fo geringe Zahl ifracl. Lehrer Deutschlands dem Bereine als Mitglieder angchörcn, ja daß es noch so viele giebt, die nicht einmal t> M. jährlich zu entbehren haben, um dadurch nicht allein ihre und der Ihrigen Zukunft einigermaßen zu sichern, sondern auch zu diesem edlen Werke mindestens ihr Scherflein beizutragen. Wenn nun, wie die Erfahrung lehrt, so viele Lehrer ihre Zukunft dem Zufall überlassen, da kann es uns nicht wundern, wenn traurige Bcrhältniffe eintreten, wie ein Solches in eiucm in die Eobl. Z. übergegangencn Eorrespondenz-Artikel geschildert wird, den wir daher auch zu allgemeinem Nutz und Frommen wörtlich wiedergcbcn: Der älteste active Lehrer Nassaus, ja wir möchten kühn behaupten Deutschlands, ist unstreitig der isr. Religionslehrer Abraham Lcvi Dickstein zu Heriegen, Amts Limburg. In einem Alter von mindestens 100- 105 Jahren (genau weiß er's selbst nicht) unterrichtet er noch immer, bezieht aber leider ein Gehalt von nur 120 Mark. In Folge dessen (Vermögen hat er nicht) lebt er in den allerbedürstigsten ’ Verhältnissen und ist größlentheils auf die Mildthätigkeit seiner