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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-05-18 · Heft 20 (18.5.1880) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 20 (18.5.1880)
Date
1880-05-18
Page
Seite 315 (sequence 11)
Language
German
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315 von hier aus, wie es schien officiös, dementirt worden. Aber diesem Dementi gegenüber werden Thatsachen angeführt, welche jenen wenig Vertrauen übrig kaffen. Ter B. C. macht einige der ausgewiesenen Kaufleute namhaft: Abelsohn aus Königsberg, Rauthenberg aus Frankfurt a. Main, Nordheim aus Hamburg. Er theiltweiter mit, daß außer deutschen Unterthanen auch englische und französische Unterthanen jüdischen Glaubens ausgewiesen worden sind. Speziell ein englischer Unterthan hat sehr lebhafte Remonstration gegen die Ausweisung erhoben, hat aber die Erfahrung machen müssen. daß der englische Botschafter keine positiven Blaß regeln ergreifen konnte, da Graf Loris Melikoff, von dem die Maßregel ausgeht, sich auf ein altes Gesetz stützt, welches bestimmt, daß nicht heimathsbercchtigte Personen jüdischen Glaubens sich nicht länger als dreimal vierundzwanzig Stunden in Petersburg anfhaltcn dürfen. Der „Königsberger Hartung'schen Zeitung" wird von zuverläffigcr Seite geschrieben: Ein Telegramm aus Petersburg vom 1. Mai erklärt es für „vollständig erfunden und absolut unwahr, daß alle augenblicklich dort anwesenden jüdischen Ausländer ansgewiesen werden sollen." Das ist ein Dementi, wie so viele andere. Ob alle jüdischen Ausländer aus Petersburg ausgewiesen werden sollen, ist nicht bekannt; Thatsache aber, daß mehrere Königsberger jüdische Kaufleute in letzter Zeit aus Petersburg polizeilich ausgewiesen sind, und zwar, wie sie behaupten, lediglich wegen ihrer Religion. Diese Behauptung erscheint um so glaubhafter, als ein anderer hiesiger Kaufmann jüdischer Abkunft kürzlich in Petersburg von dem gleichen Schicksale bedroht war, aber mit der Ausweisung verschont wurde, als er der Wahrheit gemäß zu Protokoll erklärte, daß er Christ sei. Um hiesigen Kauflcuten ohne Ansehung des Glaubens bei ihren häusig unumgänglich uöthigen Geschäfts-Reisen nach Rußland zu verschaffen, und gehörig visirten deutschen Päffen, wie sie die Betheiligten in allen obigen Fällen besaßen, auch in Rußland Anerkennung auszuwirkcn, hat das Borstehcramt der hiesigen Kaufmannschaft auf Beranlaffung dieser Vorgänge vor wenigen Tagen die Intervention des Auswärtigen Amtes des Deutschen Reiches angerufen. Gerüchtweise verlautet übrigens, daß gleich hiesigen auch Berliner und Hamburger Kaufleute jüdischen Glaubens aus Petersburg ausgewiesen sein sollen. — Man hat keinen Grund, an den angeführten Thatsachen zu zweifeln, und da hier weder ein politisches noch ein sittliches Moment aufzusinden ist, so wird man unwillkürlich an die Nationalität des Grafen Loris-Melikoff erinnert, der bekanntlich der Sohn eines armenischen Kaufmanns ist. Tie armenischen Kaufleute sind aber, wie allgemein bekannt ist, die geborenen Feinde der Juden, deren Concurrenz sie fürchten. Unter diesen Umständen flößt die Mittheilung, daß voni Ministerium aus die in einigen Gouvernements vorgekommenen Versuche, die Juden aus ihnen zu entfernen, zurückgewiesen worden seien, ebensowenig Vertrauen ein, wie die Erzählung der Ruffisch-Deutschen Correspondenz, nach welcher sich Baron Ginsburg, Bankier in Petersburg, an den Großfürst-Thronfolger mit der Bitte um Schutz gewandt, worauf dieser erwiedcrte, daß die vollständige Emancipation der Juden bloß noch eine Frage der Zeit sei und daß er seinerseits Alles thun werde, ihre Lösung zu beschleunigen. — Die Nachrichten aus Petersburg über die Verfolgungen, welchen neuerdings die Juden in der Hauptstadt wie in einigen Provinzen und zwar von amtlicher Seite unterworfen werden, sowie die Beschuldigung der Theilnahme der Juden am Nihilismus machen in allen Theilen der eivilisirten Welt ein gerechtfertigtes Aufsehen. Die „Times" und der „Pester Lloyd" (vom -1. Mai), sprechen sich darüber folgendermaßen aus: Aus Petersburg kommt die Kunde, daß die Militär- Deputationen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns am dor tigen Hofe eine außerordentlich freundliche Aufnahme gefunden haben; beide seien mit großer Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit begrüßt worden. Von dem Separat-Empfang der deutschen Deputation wird noch besonders berichtet, daß General Trcskoff dem Czar einen eigenhändigen Brief des Kaisers Wilhelm übergeben, daß der Czar diesen Brief vor dem gesammten Hofstaat eröffnet und gelesen hat und daß er nach Verabschiedung der Deputation seiner Umgebung eröffnete, Kaiser Wilhelm meinte es noch immer so freundschaftlich mit ihm wie je zuvor. Nach einer anderen Version soll der Czar erzählt haben, daß ihm Kaiser Wilhelm den Rath ertheile, sich auf einige Zeit nach Livadia zurückzu,ziehen, um dort mit seiner Familie der Ruhe zu pflegen. Mit dem Nihilismus zugleich wird in Rußland das Judenthum bekämpft, welches man in russischen Beamtenkreisen als einen Bundesgenossen des Nihilismus betrachtet. Vor wenigen Tagen ist Berlin durch die Nachricht alarmirt worden, daß alle fremdländischen Juden aus Petersburg ausgewiesen werden sollen. Tie Naärricht wurde dementirt; was aber nicht dementirt werden kann, ist die Thatsache, daß die Juden in den russischen Gouvernements - und zwar die cingcborncn Inden — der Gegenstand unausgesetzter Verfolgung sind, und daß sic wie wilde Thicre ganz nach Laune und Willkür bald aus dem, bald aus jenem Distrikt verjagt werden. Die Bundesgenossenschast mit dem Nihilismus allein könnte solches Verfahren nicht rechtfertigen. Es steckt darin etwas von der religiösen Intoleranz, welche eine Eigenart der slavischen Raren ist. Ein russisches Organ, die „Nowoje Wremja", hat ausgerechnet, daß 7 Perzent der gesammtcn Nihilisten jüdischer Abstammung sind. Solch eine Rechnung muß schon darum sehr gewagt und unzuverlässig erscheinen, weil die „Nowoje Wremja" gewiß nicht in der Lage ist, die Zahl der Nihilisten zu kennen und gewiß auch 20*

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