Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1880)
- Date
- 1880-05-18
- Page
- Seite 314 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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314 Namen" —- Beides Genrebilder aus dem jüdischen Leben — eine kleine, aus diesem Anlasse geschriebene Einleitung vorangehen, die wir uns nicht versagen können, hier im Wortlaute folgen zu lassen: „Meine Herren und Damen: Die Redaction des „Pester Journal" hat mich eingeladen, vor einem ausgewählten Kreise einige meiner jüdischen Geschickten zu lesen. Ich habe dieser ebenso liebenswürdigen als ehrenvollen Einladung mit herzlicher Freude Folge geleistet; ehe ich jedoch zu meinem eigentlichen Gegenstände komme, bitte ich Sie, mir einige persönliche Bemerkungen gestatten zu wollen, die Ihnen vielleicht nicht ganz uninteressant sein werden. Zwei Fragen sind es, die ich Ihnen beantworten möchte, weil sie, seitdem ich das freie, gastfreundliche Ungarn, das schöne Budapest betreten habe, immer wieder an mich gerichtet worden sind. Diese Fragen sind: Ob ich ein Jude bin und wie ich dazu komme, in letzterer Zeit vorwiegend jüdische Geschichten zu schreiben? Die „Berliner Kreuzzeitung" hat mich zum Juden gemacht, in der edlen Absicht, meiner Judenfreundlichkeit den Werth der Objectivität zu nehmen und vor Kurzem erst hat ein Frankfurter Rabbiner mich als jüdischen Talmudisten begrüßt und sogar meinen Namen' hebräisch auszulegen gesucht. Ich wäre stolz, einem Volke anzugchören, das einen Spinoza, Moses Mendelssohn, David Banin, und Heinrich Heine hervorgebracht hat, trotzdem bin ich weder Jude noch jüdischer Abkunft, im Gegentheil aus einer urchristlichen Familie, und zwar von Seite meines Vaters Sacher spanischen, von Seite meiner Mutter Mas och ungarischen Ursprunges. Wie ich dazu kam, polnisch-jüdische Geschichten zu schreiben, diese Frage läßt sich nicht ebenso rasch beantworten, wie die erste. Zuerst trieb mich eine Art Familientradition dazu. Mein Großvater und Vater waren hervorra-- gende Staatsmänner in Galizien. Durch drei Generationen war es, und zwar in einer schlimmen, inhumanen Zeit, Tradition in meiner Familie, die polnischen Juden zu beschützen. Was meine Ahnen auf polnischen Gebiete begonnen, habe ich auf literarischem fortgesetzt und vielleicht mit größerem Erfolg, denn dieses kleine Ding, das mir zur Verfügung steht, die Feder, ist heutzutage fast mächtiger als Feldherrnstab und Scepter. Ich habe die Juden überhaupt und speciell die polnischen Juden, von denen man mit Unrecht eine nicht ganz günstige Meinung hat, energisch vertheidigt, vor Allen die talmudische Moral, welche von Feinden des Judenthums häufig als Wafie benutzt wurde und habe in meinen Geschichten einen Ausspruch zu iüustriren gesucht, der gewiß viel mehr zu Gunsten der Juden ins Gewicht fällt, als meine Tlpologie derselben. Als die Judcnbill das dritte Mal im englischen Oberhause angebracht wurde, interpellirte der berühmte englische Historiker Macaulay den Primas der englischen Hochkirche den Erzbischof von Canterbury, ob es wahr sei, daß die Juden eine andere Moral haben, als die Christen. Der ebenso gelehrte als fromme Kirchenfürst erwiderte: Die Juden haben dieselbe Moral wie wir Christen, nur mit dem Unterschiede, daß sie dieselbe befolgen und wir nicht. Ich habe in meinen Dichtungen vorwiegend die fittlichen Gebräuche der modernen Welt geschildert und gegeißelt. Man hat mir dies nur zu häufig zum Borwurf gemacht; man hat mir gesagt: Zieh' aus Dir ideale Bilder, Bilder eines glücklichen sittlichen Familienlebens, beweise, daß Du auch diese Farben auf Deiner Palette hast. Die Palette und die Farben waren wohl da, aber wo die Gegenstände, wo die Gestalten zu diesen Bildern finden? wo? wo denn, sagte ich mir, wenn nicht bei den Juden und so begann ich das jüdische Familienleben zu schildern und gleichsam als Muster vorzuführen. Daß mir dies einigermaßen gelungen ist, beweist mir die liebenswürdige Ermunterung, welche mir der erste jetzt lebende jüdische Theologe Deutschlands, der 80jährige Dr. Philippson in Bonn') zu Theil werden ließ. Dr. Philippson zeigte sich indeß, in dem Artikel -) den er meinen Bestrebungen in seiner Zeitschrift widmete, weniger erstaunt darüber, daß es mir gelang, die Aeußerlichkeiten des jüdischen Wesens zu schildern, als vielmehr darüber, „daß ich meine Geschichten", wie er sich ausdrückt, „als Christ gleichsam aus dem Herzen des jüdischen Volkes herausschreibe". Ich muß gestehen, daß es eine Zeit gab, wo ich dieses Herz nicht so sehr verstand, wie heute. Seitdem ich aber selbst Ehemann, und vor Allem, seitdem ich Vater bin, verstehe ich das Herz des jüdischen Volkes und seitdem schreibe ich mit Vorliebe jüdische Idyllen, auf die Gefahr hin, von Herrn Treitschke in Berlin und Herrn Jstöcz in Budapest eines Tages nach Jerusalem verbannt zu werden. Die beiden Geschichten, welche ich Ihnen heute lesen will, gehören indeß am Wenigsten dem eben von mir berührten Genre jüdischer Idyllen an." Dem Vorträge folgte später ein dem Dichter zu Ehren veranstaltetes Banket, wo unter vielen Toasten Prof. Albert Sturm besonders die Tendenz des Gefeierten als einen Act des wahren Menschenthums, gegenüber der jetzt in Deutschland vorhandenen Agitation, rühmte. Rußland. Petersburg, 4. Mai. Die Nachricht, daß die ausländischen Juden aus Petersburg ausgewiesen worden, ist zwar 1) Wir zählen jetzt erst 68 Jahre. Redact. 2! Der Artikel befindet sich in Nr. 18, 1878. Redact.