Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1880)
- Date
- 1880-05-18
- Page
- Seite 313 (sequence 9)
- Language
- German
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313 Hader schwere Körperverletzungen beigebracht, obgleich sie erst wenige Tage vorher das heilige Sakrament der Ehe empfangen hatten, welches die Christgläubigen mit so reichen Gaben überschüttet, die den Juden ewig vorcnthaltcn bleiben. Betrunkene Juden seien ihm niemals jn Gesicht gekommen, wohl aber habe er fast täglich Gelegenheit, über die Straße wankende und vor Trunkenheit torkelnde Christen zu sehen und zu beobachten, auf welche Weise diese die christliche Sonntagsfeier begingen. Freilich gebe es unter den Juden ja auch Leute, die mit Recht der Verachtung preiszugcbcn wären, aber haben andere Glaubensgemeinschaften etwa keine schlechten Subjecte aufzuwcisen? Ganz verkehrt fei cs zumal, das Wucherthum mit dem Semitismus zu identifiziren: Wucher gebe es eben überall und es fei deshalb geradezu ein Verbrechen, aus all den angeführten hinfälligen Vorwürfen so gegen die Juden aufzutretcn, wie das gerade dem Herrn Stöcker beliebe. In der Judenfrage soll, nach Stöckers Aussage, der Schwerpunkt der socialen Frage ruhen, der Semitisnius, predigt Stöcker, müsse ansgetrieben werden. Run heiße es aber im Gesetz (3. B. Mos., 19. 33,34): „Wenn ein Fremdling bei dir in eurem Lande wohnen will, den sollt ihr nicht schinden. Er soll wie ein Einheimischer unter euch wohnen und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen im Egyptenland!" Sagt nicht Christus, er sei nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben, sondern zu erfüllen! — und meint Herr Stöcker es sei christlich, wenn man dieses humane Gesetz für sich nicht maßgebend erachte?! Auch. die Schulen sind nach Stöcker nicht gut eingerichtet, und hier sind wiederum die Juden die Sündenböcke; was alles er ihnen in die Schuhe zu schieben sucht, man sollte es kaum für glaublich halten, wenn man nicht in der letzten Landtagssession Gelegenheit gehabt hätte, in dieser Beziehung recht sonderbare Erfahrungen zu machen. So sei es gewiß noch allseitig erinnerlich, wie der Herr Hofprediger im Landtage bittere Klage darüber führte, daß in der christlichen Volksschule Lieder zum Memoriren eingeführt waren, die — o Graus — Juden zu Verfassern hatten. Die hoch schönen und sinnigen Morgen-, Abend- und andere Lieder, um die es sich hier handelte, und die bald nach der gehaltlosen Klage Stöcker's in einem großen Theile der deutschen Presse zum Abdruck gelangten, habe der Herr freilich nicht angreifen können, da sie ihrer tadellosen Form und musterhaften Inhalts wegen keine Handhabe zum Angriff boten; nach Etöcker'schen Begriffen aber war es unverantwortlich, daß diese Gedichte, weil von Juden verfaßt, Ausnahme in die christlichen Schulbücher gefunden und da mußte natürlich Klage erhoben werden. Aber warum verfahre der Herr Hofprediger nicht consequent, da er im Gegentheil den König Hiskias, der sich noch überdies als schwach und ungläubig erwies, und welcher doch auch ein Semite war, und das ganze Alte Testament, das ebenfalls, so viel bekannt, von Semiten stamme, der Schule bewahren wolle? Jene Gedichte befinden sich schon seit den Zeiten des Ministers v. Mühler in der Sammlung, und doch ist es dem Herrn Stöcker nicht eingefallen, früher Klage dagegen zu erheben, jetzt freilich nach der Aera Falk, passe das weit besser." © öfter re i ch-Uiigarn. Aus Ungarn, :>. Mai. lieber den scheußlichen Vorfall in Nagy-Suranier schreibt „Pastor Naplo" vom 2.: Ter Vorsteher der isr. Cultusgemeinde, die Gefahr sehend, telegraphirtc sogleich nach Tardos-Kedd, denn er fürchtete, das; die Zahl der Opfer sich noch vermehren könnte. Die Assistenz trat am andern Morgen ein. Damals war schon einigermaßen Ruhe eingetreten. Die vom Stuhlrichter gesandten Panduren arretirten die Haupträdelssührcr, welche morden wollten. Am 29. 2lpril erschien der Stuhlrichter und begann die Untersuchung, die bis in die Rächt währte. Charakteristisch ist folgender Fall. Ter Gemcinderichter und der Geschworene des Marktes waren gleichfalls dort, statt aber die wüthenden Slovaken zu beschwichtigen, rief vielmehr der Geschworene, Johann Zitta: „Wenn ich der Rachbar der Juden wäre, lägen sie schon in den Flammen." Ter Gemeinderichter redete kein Wort, sondern verhielt sich passiv. Das Volk verhinderte die Rettung, denn wer immer helfen wollte den schlug man nieder. Ein Weib wurde jämmerlich zerschlagen, Zweien verwundete man die Füße, Einem wurden die Ohren abgehauen. Andere stieß man auf die Seite und warf sie zu Boden. Ter Haupträdelssührcr fitzt im Gefängnisse. doch wäre zu wünschen, daß energische Maßregeln getroffen werden, um weiteres Unheil zu verhüten. Am Samstag ließ der Stuhlrichter im jüdischen Tempel eine Kundmachung verlesen, worin die Mitglieder der isr. Gemeinde ermahnt werden, beruhigt zu fein und auf die strengste Gerechtigkeit des Gesetzes zu vertrauen. Pest, im April. (Privatmitth.) Gestatten Tie mir, auf ein Vorkommniß zurückzukommen, das Ihrem geehrten Corresp. entgangen, und doch wohl von Bedeutung ist, noch dazu, wenn wir die Zeit desselben berücksichtigen. Am 22. Febr. hielt hier der weit bekannte Schriftsteller Sacher-Mai och auf Veranlassung des „Pester Journals" eine Vorlesung aus seinen eigenen Schriften, und zwar jüdischen Inhalts. Tie zahlreiche Zuhörerschaft bestand aus der Elite des Pester Publikums; Lißt, Baron Edelsheim - Gyulai, J>-kai, Gras G-Za Zichy, Frau Lilla v. Belyovsky u. A. waren zugegen. Ter Vortrag fand durch Form wie Inhalt einen ungetheilten Beifall. Sacher-Masoch ließ den beiden Piecen, die er vortrug: „Tie Venus von Groß-Kanizsa" und „Ter Handel um den -O