Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1880)
- Date
- 1880-05-18
- Page
- Seite 312 (sequence 8)
- Language
- German
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312 Mark puro als Benesicium zu geben. — Wahrlich ein menschenfreundliches Testament! — Ehre dem seligen Verstorbenen! Dresden, 4. Mai. (Privatmitth.) Ter Berwaltungsbericht der hiesigen israelitischen Gemeinde aus das Jahr 187l>, der soeben ausgegeben worden, enthält viel Interessantes, worüber wir hier berichten wollen. Im verflossenen Jahre traten 41 Mitglieder ein, wogegen 21 Personen durch Ableben oder Wegzug zu streichen waren. Die Zahl der stimmberechtigten Mitglieder stieg von 401 aus 419, da unter den Aufgenommenen auch zwei Frauen sind. Die letzte Volkszählung von 187 5 ergab in Dresden 1050, in Leipzig 2504, in Sachsen überhaupt 5300 Juden unter 2,70.0,508 Einwohnern. (Es kamen also aus 515 Einwohner ein Jude. Auf den Gymnasien war der 41. Schüler Jude, auf den Realschulen I der 00., auf den Realschulen II der 70. Schüler Jude.) Bemerkenswerth ist, daß in den höheren Volksschulen ungefähr der 200., in den mittleren der 322., dagegen in den einfachen Volksschulen unter 353,071 Schülern nur 4 Juden waren. Dieser Ausfall auf der untersten Stufe deckt die große Mehrheit in den höheren und den oberen Volksschulen. — In den Vordergrund treten die Reformen im Gottesdienste, die theils im verflossenen Jahre eingeführt, theils für 1880 beschlossen worden, und unter denen die wichtigeren die folgenden sind. Die Thora wird — mit Ausnahme von Neujahr und BersöhnungSsest — ohne Trop vorgelesen. Der Wochenabschnitt aus der Thora wird am Sabbath Vormittag zur einen, am Nachmittag zur andern Hälfte vorgelesen. Die Unterbrechung des Borbeters durch boruch hu uworuch schmau wird untersagt. Die Predigt soll höchstens 25 Minuten dauern (!!). Nach einer sorgfältigen Prüfung der vorhandenen verschiedenen Gebetbücher wurde beschlossen, das von Stein einzuführen, wobei sich Oberrabbiner Landau einzelne Abänderungen vorbehält. Es heißt hierbei im Berichte: Es galt hierbei den Wunsch nach Uebereinstimmung des Herzensbedürfnisses mit der gottesdienstlichen Weihe zu beftiedigen, die aus Opfcrdienst und Rückkehr nach Jerusalem bezüglichen Gebete auf das gebührende Maß geschichtlicher Rückblicke zurückzuführen, dem Gemüthe und Schönheitssinn durch Einfügung deutscher Gebete und Lieder zu entsprechen, hierdurch aber den religiösen Sinn zu wecken und den lauernden Judenhaß zu entwaffnen. Man sieht, daß die Wandelung im Gottesdienst der hiesigen Gemeinde seit der Zeit des sel. Z. Frankel ziemlich groß gewesen! Um bei allzu großem Zudrang am Versöhnungstage jedem Unglück vorzubeugen, wurde eine zweite gußeiserne Treppe für die Galerien angebaut. Auch wurde die Gasbeleuchtung eingefübrt nebst Neuanstrich und Neubedachung der Synagoge mit einem Gesammtaufwande von 10,300 Mark. Am 31. August 1879 wurde ein dreifaches Fest gefeiert: der 150. Geburtstag Moses Mendelssohns, das50jährkge Bestehen des Mendelssohn-Vereins und das 40jährige Lehrerbez. das 25jährige Rabbinerjubiläum des Oberrabbiners Dr. Landau. Die Gemeinde widmete dem letzteren, der das Ritterkreuz I. Elasse des Albrechtsordens erhalten, ein Ehrengeschenk und eine schön ausgeführtc Adreffe, worauf der jüdische Gemeindcrath dem Gefeierten einen Brillantring überreichte. Die Einnahmen der Gemeinde beliefen sich auf 53072 M., die Ausgaben einschließlich der oben erwähnten Baukosten auf 04,509 M., so daß der Bestand der Gemeindecaffe von 40,202 M. auf 28,705 M. fiel. Hervorheben wollen wir noch, daß die Gemeinde auch einen Lehrerpensionsfond besitzt, der bereits 10,000 M. erreicht hat. Münster, 4. Mai. (Privatmitth.) Der in Nr. 18 skizzirte Vortrag des Herrn Medicinalrathes Dr. Karsch ist in den Nummern der „Westfälischen Provinzial-Zeitung" vom 1. und 2. Mai abgedruckt erschienen. Wer ihn liest, wird ein gestehen, daß er noch viel mehr hält, als was der ged. Eorresp. in Nr. 18 verhieß. Wir empfehlen denselben dem „Gemeindebunde" zum Abdruck als Flugblatt. Wir wollen hier nur eine Stelle hcrausheben: „Will man sich nun wundern, daß die so Geknechteten sich der einzigen ihnen erlaubten Thätigkeit mit allem nur möglichen Eifer Hingaben? In unserer Zeit haben sich bei uns diese. Verhältnisic ja ganz erheblich gcbesiert, und doch sei auch heute noch den Juden so manches Gebiet der öffentlichen Thätigkeit verschlossen, wie das z. B. der Umstand zeige, daß sich kein Jude unter dem Lehrerstande der höheren Schulen, die Universitäten ausgenommen, kein Jude im Ofsieierstande besindc. Herr Stöcker befürchte das drohende Uebergewicht der Juden im öffentlichen Leben, schon seien ihm auf den Gymnasien viel zu viele jüdische Schüler. Somit schrecke ihn also auch das doch gewiß sehr erfreuliche Bildungsbedürfniß der Juden, ob er aber schon einmal einen Blick in die Gefängnisse und Zuchthäuser geworfen und wie viele Juden in dieser Verbrecherwelt gesunden, davon sage der Hr. Hofprediger nichts! Redner kann allen den mit der ausgesuchtesten Gehässigkeit gegen die Juden ins Werk gesetzten Machinationen gegenüber nur mit aufrichtiger Freude die guten Eigenschaften betonen, durch welche sich gerade dieser so viel geschmähte Volksstamm vor andern auszeichnct. Gern gedenkt er des musterhaften Familienlebens, das bei den Inden, wie kaum irgendwo anders, herrsche: des Fleißes, der Nüchternheit und Sparsamkeit, welchen Eigenschaften gegenüber man sich doch nicht wundern solle, wenn die Juden vorwärts kommen. Das Familienleben betreffend, habe Redner in der langen Reihe von Jahren, während welcher er mit allen Ständen und Parteien in Verkehr gekommen, nie bei Jude»», wohl aber sehr oft in christlichen Familien Unzufriedenheit, Zank und Streit gefunden, ja wiederholt christliche Eheleute, welche sich in ihrem