Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1880)
- Date
- 1880-05-18
- Page
- Seite 311 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227306--38045-3307242- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ner nahmen Gelegenheit, den Gegensatz zu betonen, daß die socialistische Bewegung durch ein Ausnahmegesetz unterdrückt, während die schmähliche Judenhetze offen geduldet werde. Der Abg. Liebknecht meinte: Die Socialdemokraten würden der Polizeiwillkür ausgesetzt, während man in Berlin die Judenhatz des Herrn Stöcker dulde und vielleicht selbst protegire, diese schimpfliche Judenhatz, welche bereits that sächlich zu Ausschreitungen geführt habe und die um so verwerflicher sei, als hier Verachtung und Claffenhaß im Namen Christi, im Namen der Religion der Liebe, verbreitet rverde. Solchen Versuchen, die Gesellschaftsordnung zu untergraben, müsse man entgegentreten (Sehr wahr! Beifall links), nicht aber der stets das Beste wollenden socialistischen Bewegung. Wie bezeichnend für die heutige Aera sei es, daß heute, hundert Jahre nach der ersten Aufführung des Nathan im Vaterlande Lessings, in der Hauptstadt dieses Vater landes, eine öffentliche Judenhatz ungehindert gepredigt werde. — Der Abg. Günther (Fortschritt) sagte: „Dem Centrum, aus deflen Reihen hervor so oft unannehmbare Anträge gestellt würden, empfehle er einen Antrag, die Bestrebungen der Antisemitenliga und der Christlich-Socialen mit unter das Socialistengesetz zu stellen. (Sehr wahr!) Damit würde das letztere wenigstens einigermaßen verbessert werden. Berlin, im Mai. Zu näherer Charakterisirung geben wir den Bericht der „Nat. - Ztg." über die oben erwähnte Versammlung. Behufs Nominirung eines Abgeordneten für den verstorbenen Dr. jur. Ed. Zimmermann waren am Sonnabend Abend im großen Saale des „Schützenhauses" (Linienftraße 5) die Wahlmänner des vierten Berliner Landtagswahlbezirks äußerst zahlreich versammelt. Ter Borfltzende, vr. W. Straßmann eröffnete die Versammlung mit einem längeren Nachruf fiir den verstorbenen Zimmermann und für den ebenfalls jüngst verschiedenen Dr. med. Ries. Die Versammlung ehrte das Andenken der Dahingeschiedenen durch Erheben von den Plätzen. Kaufmann Lazarus schlug, unter stürmischem Beifall der Versammlung, für die vorzunehmende Neuwahl eines Abgeordneten den Landgerichts-Rath Windthorst (Bielefeld) als Canditaten vor. — Kaufmann Max Schulz: Ich kann die vorgeschlagene Canditatur nur in jeder Beziehung unterstützen. Herr Landgerichtsrath Windthorst hat allerdings auf eine private Aufrage meinerseits geantwortet: er könne Familienrücksichten halber ein Mandat für den Landtag nicht annehmen. allein ich gebe mich dennoch der Hoffnung hin, wenn Herrn Windthorst mitgetheilt wird: der Wahlmannskörper habe ihn einstimmig als Candidaten designirt, er sich trotzdem zur Annahme eines Mandats bereit erklären wird. Meine Herren! Es dürfte Ihnen bekannt fein, daß Herr Windthorst von dem Manne in Bielefeld verdrängt worden ist, der unfern allverehrten Vorsitzenden in gröblichster Weise beleidigt hat. Ich meine Stöcker. Wir vollziehen deshalb eine Ehrenpflicht, wenn wir gerade hier im vierten Berliner Landlagswahlbezirk Herrn Windthorst wählen. (Beifall.) Ter Charakter und die politische Vergangenheit WindthorstS ist allzubekannt, als daß es weitere Worte bedürfte. Ich ersuche sie also trotz des erhaltenen ablehnenden Bescheides Herrn Windthorst einstimmig als Candidaten zu acceptiren. (Stürmischer Beifall.) — Kaufmann Franke schlug den Landgerichtsrath Dr. Eberty als Candidaten vor. — Stadtverordneter Gericke schlug den Stadtschulrath D>. Bertram vor. — Lehrer Maul plaidirte für den Stadtverordneten Gerth. Dieser Vorschlag stieß auf allgemeinen Widerspruch. Magistratssecretär Schallhorn empfahl Gymnasial-Tircetor I>1°. Schottmüller als Candidaten. — l)r. mf*d. Mareuse plaidirte für den Dr. „».-.1. Mendel (Pankow, Israelin. — Lehrer Schulz (Turnwart an der kvnigstädtischen Realschule): Meine Herren! Herr Dr. Mareuse hat die guten Eigenschaften deS Herrn Dr. Mendel geschildert, ich erlaube mir. Sie daran zu erinnern, daß Herrn Dr. Mendel eine Eigenschaft abgeht, die ein Abgeordneter zunächst haben muß. Herr Dr. Mendel ist bekanntlich kein deutscher Mann. (Stürmische Rufe der Entrüstung!» Vorsitzender Dr. Straßmann: Herr Schulz, Sie haben soeben Herrn Dr. Mendel beleidigt, ich rufe Sie deshalb zur Ordnung. (Lebhafter Beifall.) — Lehrer Schulz: Ich erlaube mir zu bemerken, daß... — Vorsitzender: Herr Schulz, ich habe sie wegen ihrer Rede zur Ordnung rufen müssen und kann ihnen das Wort nun nicht weiter gestatten. — Schulz: dann protestire ich gegen diesen Ordnungsruf und verlange erst recht gehört zu werden. (Heftiger Tumult. Rufe: Raus! raus, Unverschämtheit.) —- Bositzender: Ich stelle an die Versammlung die Frage: ob der Ordnungsruf gegen Herrn Schulz gerechtfertigt ist? (Rufe: Ja, ja.) Wer den Ordnungsruf für gerechtfertigt findet, den ersuche ich die Hand zu erheben. Ties geschah von fast sämmtlichen der Anwesenden. (Stürmischer Beifall.) — Lehrer Torner schlug den Fabrikanten Keilpflug vor. — Hand schuhmacher Gerlach empfahl den Reichstagsabgeordneten Kaufmann Hugo Hermes. — Bei der alsdann erfolgten Abstimmung wurden Windthorst (Bielefeld) einstimmig, Dr. Mendel fast einstimmig als Candidaten acceptirt. Es erhielten ferner die nöthige Unterstützung Tirector Dr. Schottmüller und Hugo HermeS. —; Hamburg, 7. Mai. (Privatmitth.) Durch den kürzlich erfolgten Tod der Frau Dr. Leo Wolf verw. Marburg kam!das Testament ihres ersten Mannes zur Erledigung, durch! welches unsere Nachbargemeinde Altona in Stand gesetzt Iwird, alljährlich an dreizehn dort wohnende, bedürftige jüd. Gewerbtreibende, welche mindestens feit fünf Jahren ununterbrochen der Gemeinde angehören, je sechshundert