Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-05-18 · Heft 20 (18.5.1880) · p. Seite 310

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 20 (18.5.1880)
Date
1880-05-18
Page
Seite 310 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227306--38044-3307241
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

310 gäbe der Nuancirungen in den Empfindungen. Schreiber dieses hat in seiner Jugend auch den Versuch gemacht, fünf der Kleinen Propheten in Jamben wiederzugeben; aber er hatte wenigstens das richtige Gefühl, sich nicht auf fünffüßige Jamben zu beschränken, sondern nach dem rhythmischen Gange der Rede kürzere oder längere Zeilen eintreten zu lassen. Denn dies ist die Hauptsache: antike Verse niüffen möglichst in dem Originalmetrum wiedergegeben werden, und da die hebräische Lyrik kein Metrum sondern nur Rhythmus kennt, so muß es bei der Uebertragung das Hauptbeftreben fein, diesem Rhythmus nahe zu kommen, ihn möglichst wiederzugeben. Dies ist allerdings eine schwierigere Ausgabe, als ein gleichmäßiges Metrum anzubringen, in das die gewaltigen Glieder des Originals bald auseinandcrgezerrt, bald ver kürzt hineingezwängt werden. Aber wenn in irgend einer Art die Kraft und der ursprüngliche Geist der Schrifttextc wiedergegeben und zum Gefühl gebracht werden soll, so ist es allein diese Methode, die möglichst zu verwirklichen wir in unsrer Bibelübersetzung anstrebten. Alles dies gilt auch von den Distichen (Hexameter und Pentameter), in welchen der Vers, einige Stücke übersetzt hat. Wir wollen nur einige wenige Beispiele anführen. 1 Mos. 4, 23: „Für meine Wunden nahm ich blut'ge Rache, Den Feind, der mich geschlagen, tödtet' ich." Das ist in den Text hineingetragen, was nicht darin ausgesprochen, und die sechs Worte des Textes völlig abgeschwächt. 1 Mos. 49. 12: „Deß Augen feurig glühen wie vom Wein Und dessen Zähne weißer sind als Milch." Abgesehen davon, daß der Vers, hier die Andeutung auf den Reichthum an Wein und Milch, den das Original ausdrücken will, gänzlich verwischt, abgesehen davon, daß er willkürlich das erste ’s „wie vom", das zweite als Comparativ übersetzt, was soll hier die Beschreibung von Augen und Zähnen, mit der Hyperbel, daß die letzteren weißer seien als Milch? Will man einen rechten Beweis von der Berwäfferung in dieser Uebertragungsart, so vergleiche man nur das Siegeslied 2 Mos. 1ö, 1-1* mit dem Original oder einer gut rhythmischen Uebertragung; z. B.: „Er ist mein Gott, der bei mir wohnen soll, Ein Held ist Jao, meiner Väter Gott", oder: „Wie herrlich Jao, ward doch deine Rechte,' Wie streckte sie dahin den Feind mir Kraft!" Diese wenigen Anführungen werden genügen. Andern theils aber können wir die Wahl der Stücke nicht billigen, nämlich, daß aus größeren Piecen kleine Stücke beliebig herausgerissen werden, wodurch den weniger schristkundigen Lesern -- und für diese sind doch diese Uebertragungen bestimmt — die Tendenz, der Zweck und die Physiognomie des bez. Ganzen entzogen werden, z. B. aus dem Segen Jakob's nur die Verse auf den Stamm Juda, aus dem Segen Mosis nur die aus Ephraim und Manasse, Josua 10, 12 ohne Einleitung. So wird auch das SiegeSlied der Deborah zerstückelt u. s. w. Auf den kritischen Standpunkt, welchen der Versaffer in seinen Anmerkungen einnimmt, können wir uns hier nicht einlaffen. Jedenfalls wird der in die Bibelkritik nicht eingeweihte Leser dadurch nicht aufgeklärt, sondern verwirrt. — er?c\l*i t vig rviac jjzic pte vv. Deutschland. Berlin, 4. Mai. (Privatmitth.) Nach dem Grundsätze „priueipiis obsta" wird es durchaus zweckmäßig sein, nach dem Vorschläge des Herrn Prof. Marquardsen (s. N. 17.), eine Petition gegen die Abstimmung, welche den „jüdischen Religionsdienern" die Exemption von den Uebungen der Ersatzreserve versagte, sie aber den christlichen Geistlichen gewährte, an den Reichstag in seiner nächsten Session zu richten. Gerade weil von materieller Seite der Gegenstand so unbedeutend ist, haben wir um so mehr Recht, die ideelle Bedeutung zu betonen und aus ihr unser Verlangen zu motiviren. Wie die Correspondenz der Herren Neubürger und Marquardsen erweist, haben Sie in dem bez. Leitartikel hinsichtlich der Abstimmung einen Jrrthum begangen. Nichts dcstoweniger bleibt es sicher, daß die Gleichstellung der „jüdischen Religionsdiener" vom Führer des Centrums und nicht von einer andern Seite beantragt worden, und daß die protestantischen Conservativen den Antrag zu Falle brachten, ja sogar, wenn er angenommen worden wäre, entschloffen waren, auch den Antrag zu Gunsten der christlichen Geistlichen, der ja nur mit 10 Stimmen Mehrheit durchging, zu verneinen. Die Schlüsse also, die Sie hieraus ziehen, unterstützt von den weiter angebrachten Thatsachen, haben ihre volle Richtigkeit. — Am 1. Mai fand unter dem Vorsitz des Dr. Straßmann eine Wählerversammlung im 4. Berliner Landtagswahlkreise statt. Als Candidaten wurde I>r. Windthorst, früher Vertreter von Bielefeld, der aus diesem Wahlkreise durch den Hofpredigcr Stöcker verdrängt worden, und der als ein verdienter liberaler Abgeordneter bekannt ist, und I)r. Mendel, Mitglied des Reichstages, ausgestellt. — In der heutigen Sitzung des Reichstages wurde die Verlängerung des Socialistengesetzes in dritter Berathung verhandelt. Ein socialistischer und ein fortschrittlicher Red-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.