Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1880)
- Date
- 1880-05-18
- Page
- Seite 307 (sequence 3)
- Language
- German
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307 Alles, das Feuer, das Licht, die Himmel, der unermeßliche Magnet, Die Tage, die Nächte, Alles ist Ziffer; Er ist die Summe. Vollkommenheit für sich, ist Er das Unendliche für den Menschen. Ein Dogma machen und Ihn hinein versetzen! O, Traum! Gott ersinden! Er ist! Begnügt Euch in der Welt mit diesem Bckenntniß! Was! Religionen willst du machen, Du, Mensch! Die Augen öffnen, genügt; ich ziehe cs vor. Begnüge Dich zu glauben an Ihn; begnüge Dich Mit der Hoffnung und deren großem Flügel, dem Glauben; Begnüge Dich, bestürzt zu schlürfen diesen Ausspruch; Begnüge Dich zu sagen: Er ist, weil die Frau Wiegt das Kind mit einem geheimnißvollen Liede; Er ist, weil der Geist schauert wißbegierig; Er ist, weil ich die Stirn erhoben trage; weil ein Herr, Ter nicht Er ist, mich entrüstet und nicht das Recht zu fein hat; Er ist, weil Cäsar zittert vor Patmos; Er ist, weit Er es ist, den ich in den Worten fühle: Ideal, Absolut, Pflicht, Verstand, Wiffenschast; Er ist. weil meinem Fehler Er Seine Geduld schuldet, Weil die Seele mir dient, wenn die Begier mir schadet. Weil Er einen großen Tag auf meine tiefe Nacht schuldet! - Der Gedanke, indem er zu Ihm aufsteigt, wird zum Riesen. Mensch, genüge dich mit diesem brennenden Durste; Aber richte nicht gegen Gott deine Fähigkeit, Furcht und Unreckt zu erfinden. Deine thörichten Katechismen, deine Korane, deine Grammatiken Und dein trauriges Geräth, Chimären zu schmieden. Lebe und mach' dein Tagwerk; liebe und mach' deinen Schlaf. Sieh' über dir das hochrothe Firmament; Betrachte in dir den tiefen Himmel, den man Seele nennt; In diesem Abgrund, im Zenith strahlt eine Flamme. Ein unzugängliches Centrum von Licht ist da. Außer dir, wie in dir glänzt dies und glänzte; Hier unten, ganz im Grunde, hoch am Abgrund. Diese Klarheit, immer frisch, immer günstig, Unterbricht sich niemals und erblaßt niemals; Sie bietet sich unbeweglich dem ewigen Verlangen, Immer verweigert sie sich und immer giebt sie sich; Das ist die ungeheure und einfache Evidenz, die verzeiht; Das ist die Fluth der Strahlen, sich ergießend In Sternen an dem Himmel, in Rosen auf dem Felde; Das ist hier, da, überall, droben, drunten ohne Rast, Gestern, heute, morgen, in der That, im Traume, Im Gewimmel der Strahlen und der Stimmen, An allen Horizonten des Abgrundes auf ein Mal, Am blauen Firmament, im ungesättigten Schatten, Im Sein, der unermeßlichen Fluth des Lebens! Das ist die Blendung, an welche der Blick glaubt. Aus diesen Flammen entsteht das Wesen, das Gute, das Recht; Es glänzt geheimnisvoll in einem Wirbel von Sternen; Die Stürme, die Schatten, die Geißeln, die Mißgeschicke Zerschmelzen vor seiner ungcmeffenen Gluth, und Alles In Kraft, in Freude, in Ruhm, in Liebe löst sich auf; Wenn eS mächtige Herzen giebt, feste Seelen, Das kommt von dem Strom des Odems und der Keime, Der in Wellen fällt, hüpft, fließt und von allen Seiten Ans diesem lebendigen Feuer ausströmt zerstreut auf unsre Häupter. Er ist! er ist! Schau hin, Seele. Er hat seinen Sonnen» stillstand: Das Gewissen; er hat seine Are: die Gerechtigkeit; Er hat seine Tag- und Nachtgleiche, das ist die Gleichheit, Er hat seine weite Morgenröthe, das ist die Freiheit. Sein Strahl vergoldet in uns, was die Seele erschafft. Er ist! Er ist! Er ist! Ohne Ende, ohne Anfang, Ohne Dämmerung, ohne Nacht, ohne Ruh, ohne Schlaf. Entsage, Erdenwurm, die Sonne zu schaffen." — Wenn wir diese glänzende Llpostrophe von aller lieberschwänglichkeit der Worte und der Bilder befreien, was sagt sie uns? Daß die Grundlage alles menschlichen Daseins der Glaube an Gott, die unerschütterliche Ueberzeugung vom Dasein Gottes ist. Gott ist, er ist das Unendliche, das i Absolute, das Ideale; er ist die Quelle der Pflicht und des Hechtes; er ist die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit.! Diese Ueberzeugung schöpfen wir aus der Herrlichkeit der! Natur, in den Gestirnen am Himmel und in der Rose am Sie geht aus der Dunkelheit hervor, sie erglänzt aus den dem Felde, aus der ewigen Ordnung der Natur; dann aber Gipfeln; aus unsrer eignen Seele, aus der Liebe, aus dem ewigen Der Haß ist Nacht, Schatten ist Zorn! Verlangen nach Gotteserkenntniß, aus der Vergeltung in der Sie bewirkt das Unerhörte: sie erleuchtet. Geschichte, aus dem Bedürsniß nach Versöhnung rmd Vervoll- Du löschest sie nicht aus, wenn du sie lästerst; kommnung, aus dem Gewissen, der Gerechtigkeit, der Gleich- Sie begeisterte Orpheus, sic erhitzte Hermes; heit und der Freiheit, welche unfern Geist beherrschen und Sie ist das furchtbare und ruhige Wunder; um die und nach denen wir ringen; aus der Vernunft und Der Vogel hat sie in seinem Nest, der Baum in seiner der Wissenschaft. Nun, lehret die h. Schrift Israels, lehren Wurzel; MoseS, die Propheten und die h. Sänger nicht dasselbe? Alles besitzt sie und Nichts kann sie erfassen; Und von wem hat Hugo dies Alles, wenn nicht von jenen 20"