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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-05-18 · Heft 20 (18.5.1880) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 20 (18.5.1880)
Date
1880-05-18
Page
Seite 306 (sequence 2)
Language
German
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306 freienden, erlösenden Worte, nach einem, die Wahrheit klar bekundenden Ausspruch, nach einem Leitstern, nach welchem sie ihr herumgewirbeltes Fahrzeug richten könnten. Da erscheint Hugo's Gedicht unter dem vielverhcißenden Titel „Religionen und Religion." Man ist enttäuscht. Masse gereimter Phrasen, zumeist in Knittelversen, mit einer geringen Zahl von Gedanken zum Inhalt, Witzeleien, Piquanterien, phantastisches Gaukelspiel von Schattenbildern, nichts weiter. Hugo richtet seine Schärfe gegen alle positiven Religionen, insbesondere gegen die christliche Geistlichkeit, die Kirchen, die Dogmen, die Sakramente. Jndeß begnügt er sich nicht, gegen diese die Waffen des sog. gesunden Menschenverstandes und des Humors zu wenden, namentlich gegen alle hierarchische Herrschaft, gegen die Dreieinigkeit, die Erbsünde und die Erlösung durch den Tod eines Gottmenschen, gegen die kirchliche Lehre von Gott und dem Teufel; er geht noch weiter: über alle Wiffenschast, Philosophie, Durchforschung des Alterthums, Entwickelung des Menschengeschlechts ruft er sein Nichts, sein zermalmendes Verbiet aus; er ist unerschöpflich, alles menschliche Denken, Fühlen und Thun als eitle Schatten in dunkelster Färbung zu malen und den grellsten Pessimismus zu predigen. Nur muß man sich nicht denken, daß dies mit einem großen Aufwande von Geist und in irgend welcher tieferen Auffaffung geschieht! Hugo macht es sich leicht; er nimmt Alles von der Oberfläche weg und in seiner äußeren Erscheinung. Nehmen wir einige Beispiele, wie sie uns interessiren. Er beginnt mit dem Sonntag und macht ihn lächerlich, weil an diesem Tage keine Briefe und Journale erscheinen, seine irländische Magd eine weiße Haube aufgesetzt hat, die Glocken läuten und Gott geruht haben soll. Dies der Streit gegen eine Institution, welche seit Jahrtausenden ihre segensreiche Wirksamkeit geübt, und für die menschliche Gesellschaft ebenso unentbehrlich wie für das Bewußtsein des Menschen ist, eine Institution, die mehr werth ist als alle Gesetze aller ftanzöfischen Gesetzgeber von Mirabeau bis Victor Hugo, denn auch dieser ist als lebenslänglicher Senator Gesetzgeber — man denke, welche Fluth! Daß in dem Heranrücken der menschlichen Arbeit an das göttliche Schöpfungswerk die höchste Würdigung der ersteren, eine Verwirklichung der menschlichen Gottebenbildlichkeit ausgedrückt ist, das versteht Hugo nicht. Ebenso wohlfeil ist sein Witz über den Apfelbaum, von welchem Gott dem Menschen zu essen verbietet. Wir wissen nach dem Schrifttext von keinem Apfelbaum, sondern „vom Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen", dem Baum des wahren Lebens für den Menschen, und von dessen „Frucht". Wir bezweifeln sehr, daß Hugo in seinem langen Dichterleben je eine so tiefsinnige Allegorie geschaffen hat, wie die Geschichte des Paradieses darbietet. Nein, wir bezweifeln es nicht, wir verneinen es. In unserer Zeit ist es leicht, über alle Dinge, heilige und profane, seinen Witz loszulaffen. Man hat nichts dafür zu fürchten, und rechnet auf das Beifallklatschen einer großen Menschenklaffe. Dafür aber fordert die Gegenwart Ernst und Tiefe und läßt sich nicht lange von schillernden Worten bethören. Neben diesen Witzeleien nehmen den Hauptraum des Buches die pessimistischen Schilderungen ein, welche den einfachen Gedanken „Es ist alles eitel!", mit einer ungeheuerlichen Fluth von Worten, von geschichtlichen und mythologischen Namen und gesuchten dunklen Bildern überschwemmen. Hugo theilt sein Buch in mehrere Abschnitte: Streit, Philosophie, Nichts, Stimmen und Schlußfolgerung. Aber alle enthalten nur immer dieselbe Gedankenreihe. Priester, Philosophen, Heroen, Gelehrte, Göttergestalten, Ideale, menschliches Thun, sie sind dem Staube verfallen, haltlos, nichtig. Das ganze Bauwerk, die ganze Arbeit des Menschengeschlechts taugt nichts, aus ihr zu schöpfen, sich auf sie zu berufen und zu stützen, ist Blendwerk. Doch nein! — Hugo ist doch Dichter, hat Herz und Empfindung. Sollten diese gar nicht zum Durchbruch kommen? sollten sie ganz erloschen sein und das blöde Auge des greisen Dichters wirklich nur noch auf Trümmer und Oede schauen? . . . Nein! er kann das Gefühl, daß „die Tugend doch kein leerer Wahn" nicht erdrücken. Schon in dem Abschnitt „Stimmen" macht sich dies geltend. Er läßt Stimmen gegen den Werth der menschlichen Tugend mit Stimmen für denselben wechseln, wenn er auch den ersteren eine stärkere Lunge und eine schroffere Sprache zu Gebote stellt. Der Gedanke des „Nichts", den er mit so vielen barocken Bildern ausgestattet hat, wird ihm selbst unerträglich, und er endigt den Abschnitt mit den Worten: „Oh! nimm dies Nichts zurück. Abgrund, und gieb uns lieber Satan wieder!" Noch unwiderstehlicher ist ihm der Glaube an Gott. Nachdem Hugo allen Glauben, alles Wißen, alles Erkennen dem menschlichen Geiste abgesprochen, nachdem ihm die ganze Anschauungs', Beobachtungs-, Gedankenwelt des Menschen wie ein verworrener Knäuel erschienen, deffen Fäden sich nicht auseinanderlösen laßen, oder wie Fäden, die in der Luft verflackern, bricht ihm aus all' dem Qualm von Worten, Bildern und Phrasen doch der Gottesgedanke, die Ueberzeugung vom Dasein Gottes mit unbesiegbarer Gewalt hindurch, und er schließt das lange, meist ungenießbare Gedicht mit einem Bekenntniß, auf das wir unter diesen Umständen ein nicht geringes Gewicht legen, und das wir deshalb hier in wortgetreuer Uebersetzung wiedergeben. „Er ist! doch kein Schrei eines Menschen oder Engels, kein Schrecken, Keine Liebe, kein Mund, bescheiden, zärtlich oder stolz. Kann deutlich stammeln dieses Wort! Er ist! Er ist! Er ist! Er ist unzweifelhaft! Eine

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