Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1880)
- Date
- 1880-05-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Mttgemeine Zeitung des Zudenthum Ein unparteiisches Organ für altes jüdische Interesse.! Diese Zeitung erscheint wöchentlich!! einmal in 2 bis 2'/, Bogen. Preis >! Vierteljährig 3Mart. Inserate werden i mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren! Raum berechnet. ] Alle Postämter (Postzeitungsliste Rr. »5.) und Buchhandlungen nehmen Bestellungen an. Heransgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippen in Bonn. Verlag von Baumgärtucr s Buchhandlung in Leipzig. In redactionellen Angelegenheiten ' j wende man sich an l)r. j. piiilippfon in j Bonn: hinsichtlich der In,erste an R.! i Masse in Leipzig und dessen Filialen > i in Berlin, Breslau re. > Z nskrale, welche bis Donncr»la>>eingeheii, iinden in der daranfsolqende'n Rümmer 1 [ Berücksichtigung. j Beilagen werden mit 12 Mark berechnet. 44. Jahrgang. Leipzig, den 18. Mai 1880. JVo. 20. Inhalt. Leitende Artikel: Religionen und Religion von Victor Hugo. — Literarischer 'Wochenbericht. Die Broschürenliteratur. lll. — Zeituugsuachrichten: Deutschland: Berlin, Hamburg, Dresden, Münster. — Oesterreich Ungarn: Aus Ungarn, Pest. —Ruß land: Petersburg. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Cor respondenz: C ob lenz, 2. Mai. SeiteiiPc fclct'itict'. Bonn, 12. Mai. Religioue« und Religion von Victor Hugo.') Einst trat ein jüdischer Dichter, der einige gute lyrische Gedichte versaßt hatte und seitdem an etwas Größenwahnsinn litt, bei uns ein und sagte, indem er aus einige beschriebene Blätter wies: Jetzt habe ich eine neue Bibel geschrieben, die, wenn sie die alte nicht verdrängt, sie stützen und erheben wird! Wir haben seitdem nichts wieder davon gehört. Sicherlich glaubt Bi clor Hugo dasselbe von dem neuesten Erzeugniß seiner Muse, da er durchaus nicht bescheidener von sich denkt als jener kurzlebige Dichter; ja, noch mehr, er ist überzeugt, er habe die alte Bibel vernichiet, und auf deren Trümmern eine neue aufgebaut! Diese Poesien Hugo's sind erschienen, aber wir meinen nicht, daß sie von langer Dauer sein werden. — Es war im Anfang der fünfziger Jahre. Die Enttäuschungen, welche so schnell auf die gewaltigen Bewegungen von 1848 und 4i> gefolgt waren, das Scheitern so vieler Hoffnungen, der scheinbare Untergang so vieler politischen Ideen, die Vergeblichkeit des Kampfes um die Verwirklichung lang gepflegter Prinzipien hatten alle Welt in eine trübe, gedrückte Stimmung verll Victor tluso. Religions et Religion. Park. Isis»'. Calmann Levy. seyt, in welcher man an sich und an Anderen, an Ueberzeugung und Thatkraft zweifelhaft ward, und von dieser schwermüthigen Verfassung hatten ebenso die siegreichen Reaetionäre wie die besiegten Liberalen ihren Theil. Fühlten sich doch jene in ihrem Siege nicht sicher, wie diese in ihrer Niederlage ohne Aussicht. Damals empfand alle Welt das Bedürfniß nach einem befreienden, erlösenden Worte, nach einem neuen Aufschwung in das Reich des Idealen ohne die Last dessen, was man aus beiden Seiten erfahren hatte, wenigstens nach einem frischen Trünke aus dem ewig sprudelnden O.uell der Hippokrene. Ta verlautete, daß der seit langer Zeit schweigsame Heinrich Heine ein neues Dichtwerk veröffentlichen iverde, und die allgemeine Hoffnung richtete sich aus die neue Erscheinung. Tausende von Exemplaren waren im Voraus bestellt. Ter Romanzero erschien und man fühlte sich getäuscht. Manche schöne Verse, das Ganze nüchtern, mit kleinlichen Fragen beschäftigt, Witz, aber keine Er Hebung des Geistes. In Frankreich wird sich dies gegenwärtig mit der Schrift Victor Hugo's wiederholen. Ter Kampf zwischen Staat und Kirche ist dort auf's heftigste entbrannt. Es ist ein rein politischer Kampf, denn die politischen Parteien haben sich deffclben bemächtigt und streiten um ihre Existenz: alle Monarchisten aus der einen, die Mehrheit der Republikaner aus der anderen Seite, denn die Intransigenten, so todtfeind sie dem Klerus sind, kämpfen zugleich gegen die gemäßigten Republikaner. Dabei Mangel an Entschiedenheit, viele Worte, aber wenig Thateu. In diesem Wirrsal sehnen sich die Franzosen nach einem be- 20