Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1880)
- Date
- 1880-05-04
- Page
- Seite 280 (sequence 8)
- Language
- German
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280 Bei der gestrigen Verhandlung über das Socialistengesetz beantragte er zum §. 2 den Zusatz: „Zugleich wird das Gesetz auf alle diejenigen Bestrebungen ausgedehnt, welche in analoger Weise die Untergrabung der christlichen und monarchischen Grundlagen der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung bezwecken." In seiner Begründung, wenn man dieses Wort aus die Rede v. Ludwig's anwenden darf, sprach er unter Anderen von den zahlreichen Verbindungen, die außerhalb der socialistischen Verbindung beständen. Tahin gehöre die Freimauerei, dahin die Alliance Israelite, und in der That, die Kinder Israels marschierten im Geschwindschritt und hätten bereits ungeheuren Einfluß. Er schmäht dabei aus den verst. Cremieux. (Unruhe, Ruse, zur Sache!) Präsident Graf Arnim: M. H. Sehen Sie sich den Anttag des Redners an und Sie werden finden, daß ich nicht im Stande bin. den Abg. v. Ludwig zur Sache zu rufen. B. Ludwig zieht — seinen Anttag zurück —. In der That werden jetzt im deutschen Reichstage unverholen und ohne Scheu Dinge vorgettagen, die beweisen, wie sehr diese hohe Körperschaft zurückgegangen! — Unentwegt setzt der Hofprediger Stöcker seine Reden gegen die Juden in seinem Vereine und vor seinem Publikum fort, und ebenso unentwegt tritt daselbst Moritz Jsaaksohn gegen ihn aus, läßt sich auslachen und das Sprechen verbieten, worauf Stöcker salbungsreich von Neuem beginnt. Es ist nur Schade, daß einige hiesige Zeitungen noch immer ausführliche Berichte über derarttge Vereinsabende Stöckers bringen, und hiermit nur den ehrgeizigen Plänen des Mannes Vorschub leisten. — Es ist bemerkenswerth, daß im Wahlkreise Fraustadt der als Judenfresser bekannte Centtumskanditat Cremer mit mehr als 200 Sttmmen gegen den liberalen v. Puttkammer durchgefallen ist und zwar vermittelst der Stimmen der deutschen Katholiken. AuS Westfalen, im April (Privatmitth.) Die Marks- Haindorff'sche Stiftung (isr. Lehrerseminar zu Münster) hat in den letzten zwei Jahren erheblich an Schülerzahl zugenommeu. Augenblicklich befinden sich in der Anstalt 11) Schüler, darunter, was jedenfalls interessant ist, ein Hospitant evangelischen Bekenntnisses. Da die Räume bei der wachsenden Schülerzahl beschräntt find, so ist der Bau eines neuen Seminars in Aussicht genommen. — Selbstredend wttd die Ausführung des Planes auf Unterstützung im Rheinland und Westfalen rechnen müssen. In der Verwaltung der Anstalt ist mit dem 1. April dieses Jahres insoweit eine Veränderung vorgekommen, als für ein ausgeschiedenes Mitglied des Curatoriums Herr H. Jtzig zu Münster gewählt ist, und das Curatorium die Verwaltung des Secretariats (an Stelle des bisherigen Bereinssecretairs, Herrn Steuerempfänger Walbaum) dem von Steinfurt nach Münster übergesiedelten Gerichtssecretair, Herrn Hirsch überttagen hat. Es steht zu hoffen, daß der Eintritt dieser beider Herren das Interesse der Gemeinden in den beiden Provinzen für die so hochwichtige Lehrerbildungsanstalt, welche länger denn 50 Jahre so segensreich gewirkt hat, erhöhen werde. Au8 Oberschleficn, den 23. dlpril. (Privatmitth.^ Diese Zeitung berichtete vor einiger Zeit, daß in einer Stadt Oberschlesiens — ich weiß nicht mehr den Namen — trotz der Judenhetze dieses Jahres ein Jude als Stadtverordneten- Borsteher gewählt wurde. Ich kann diese erfreuliche Mitthciluug aus 3 Städten Ober-Schlesiens, wo doch der UI» tramontanismus so stark vertteten ist, bestätigen. In Leuthen wurde Dr. med. Mannheimer, in Gleiwitz Dr. med. Freund, in Oppeln der Vorstand der jüdischen Gemeinde Herr Siegs. Friedländer zum Stadwerordnetenvorsteher gewählt. Letzterer bekleidet dieses Amt schon mehrere Jahre, wurde aber vor einigen Wochen von Neuem gewählt. Er verdankt dieses Berttauen, diese Ehre, seinem makellosen Charakter und seinen von allen Consessionen anerkannten Bürgertugenden. Münster, 17. April. (Privatmitth.) Ist zwar die Stöckerei bis zum Ueberdrusse besprochen, so dürften doch die geschätzten Leser dieser Zeitung diesen Beittag als willkommen aufnehmen in Rücksicht auf den Mann, der das Treiben des Hofpredigers einer Krittk unterzieht und sich als warmer Anwalt für die Israeliten zeigt, auf die Art und Weise, wie er seinen Mann saßt, den Ort und die Zett, wo es geschieht. — Herr Medicinalrath Dr. Karsch unterwirft das Treiben des Herrn Stöcker einer vernichtenden Krittk und plädirt für die Juden, — seine Waffe gegen und für ist die Wissenschaft, so gründlich, daß es zu viel Ehre vielleicht für den Hosprediger wäre, wenn nicht die Wärme seiner Beredsamkeit, womit er den Gegner abthut, uns, seinen Schützlingen zu Gute kommen sollte. Der Ott ist Münster in Westfalen, der Provinz, deren großer Theil schon die gifttgen Saaten gegen die Juden in voller Blüthe zeigt, zu einer Zeit, da Stöcker sich anschickt, als Apostel der Antisemiten in verschiedenen Städten seine Hetzreden zu halten. — In Münster besteht seit einer Reihe von Jahren ein Verein „Freie Bereinigung", dessen Tendenz: Aufklärung in politischen, religiösen und socialen Fragen. Herr Professor Dr. Karsch gehött zum Vorstände und ist Präses des Vereins, und führen wir von seinen gehaltenen Borttägen an: „Die Naturgeschichte des Teufels" (als Buch in drei Auflagen erschienen, in Frankreich, England, Amettka, Italien und Holland übersetzt. *) „Ultramontanismus und Wissenschaft," (ein Cyclus von Borträgen), „die Seelenftage" ebenfalls ein Cyclus von Vorttägen — — und am 16. I) Wir erttanern an unire Kritik dieses Bortrages, Jahrg. 1878 3. 65 ff. — Die Redattion.