Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1880)
- Date
- 1880-05-04
- Page
- Seite 277 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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277 der wesentlichsten Stücke Leben lebten die Juden seit der Zerstörung Jerusalems bis auf den heutigen Tag in ihrem Gemeindewesen aus. Hier bethätigten sich die Ansichten und Tendenzen der Masse', deren Bedürfniffe und Wünsche mehr als selbst in den Rabbinerschulen und der Literatur, die sich einer gewisien Einseitigkeit und Ueberspannung zuneigten. Ein Gemeinwesen, sei es groß oder klein, kann aber nicht ohne Bestimmungen, ohne Statuten bestehen, in welchen der Gedanke und die Ziele, sowie die Art, in der man sie zu verwirklichen gedachte, zum Ausdruck kommen. So wichtig daher das Gebiet der jüdischen Gemeindestatuten für die Kulturgeschichte dieses merkwürdigen Stammes wäre, so unangebaut ist es noch. Einen Anfang machte Kayserling mit dem „Castilianischen Gemeindestatut" das er im IV B. des „Jahrbuchs für die Geschichte der Juden und des Judenthums", welches das Institut zur Förderung der israelitischen Literatur herausgab, S. 263 ff. veröffentlichte. Ihm schließt sich die vorliegende Schrift an, welche die alten Statuten der Mährischen Gemeinden aus einem Manuscript des österreichischen Ministeriums des Innern zum Abdruck förderte. Ter Abschluß der Hauptstatuten erfolgte im Jahre 1651. Wichtig werden dieselben allerdings erst dann, wenn die geistige Wünschelruthe angelegt wird, um die charakteristischen Züge hervorzuholen und ein überschauliches Bild daraus zu formen. Die Freuden und Leiden der Zeit spiegeln sich in manchen Zügen ab, wie z. B. die Furcht vor den Denunzianten und der Versuch den Luxus bei der Ausstattung von Bräuten zu beschränken. Ehrenvoll bleibt besonders die rührende Fürsorge für den Unterricht der Kinder und für die Pflege der jüdischen Gelehrsamkeit. Fürwahr, der Bildungstrieb in den Juden, den wir erst in vor. Nr. zu besprechen hatten, war auch in den dunkelsten Zeiten des Mittelalters lebendig. Der Freund der jüdischen Geschichte wird deshalb dem Herausgeber herzlichen Dank wiffen. — Noch eine: „Denkrede auf Herrn vr. Isaak Adolf Cremieux" gehalten von Rabb. vr. Julius David (Preßburg, Heckenast 1880). An Jesaias 11, 2. sich anlehnend, feiert der Redner in würdiger Weise und mit vielem Schwung das Andenken des großen Todten. Warum er Cremieux mit dem Doctortitel versieht und Isaak in Paranthese stellt, ist nicht gut abzusehen. — Von Lippe's bibliographischem Lexikon der gesammten jüdischen Literatur der Gegenwart und Adreßanz'eiger (Wien, Lippe. 1880) ist die 51e Lieferung, die bis Sokolow reicht, erschienen und wird recht bald der Schluß des ganzen Werkes Nachfolgen. — Die Bielschreiberei unserer Zeit ist dazu angethan, die Dinge eher verworrener zu machen, als klar zu legen. Dies ist auch namentlich mit Lcssings „Nathan der Weise" der Fall. Biele deutsche Literarhistoriker können es nicht verwinden, daß Lessing zu seinem Helden der Humanität und Aufklärung einen Juden gemacht hat, und verbrauchen daher einen bedeutenden Borrath von Sophifterein, um das Gegentheil zu erweisen. Hier hinein wieder Licht zu bringen, ist das folgende Schriftchen höchst geeignet: „Quellen und Parallelen zu Lessing's Nathan. Bortrag am 31. Jänner 1880 im Saale der Handels-Akademie zu Prag, gehalten von Bezirks-Rabbiner vr. I. O. Bloch. Wien 1880, Gottlieb." Der Redner löst seine Aufgabe nach vielen Seiten mit Scharfsinn und Schwung. Er hat hierin allerdings nicht wenige Borgänger gehabt, die er jedoch nicht anführt. *) — Le Proselytisme ehez les Juifs selon la Bible et le Talmud par Isaac Weil, Rabbin ä Phalsboorg (Lorraine). Strasbourg, Derivaux, 1880. Der Berf. behandelt seinen Gegenstand in zwei Abschnitten, indem er im ersten die Geschichte des Profelytismus bei den Juden von ihrem Ursprung an (den Erzvätern) bis zum Abschluß des Talmuds, im zweiten die den Proselyten betreffenden halachischen Gesetze, wie sie aus dem Talmud resultiren, darstellt. Er erweist hierbei eine tüchtige Kenntniß des Talmud, des Midrasch und des Maimonides. Dagegen geht ihm die Kenntniß der neueren Literatur ab, und seine Vorgänger in der Behandlung dieses Themas, namentlich die deutschen, sind ihm unbekannt. Wenn wir nun gern anerkennen, daß die vorliegende Schrift für die Aufgabe, soweit der Autor sie sich gestellt, durchaus brauchbar ist, so hätten wir doch gewünscht, daß auch die Verhältniffe, wie sie sich seit dem Abschuß des Talmuds gestalteten, und namentlich die Gegenwart, in welcher die Proselytenfragc, besonders auch von ihrer staatsrechtlichen und rituellen Seite, von Bedeutung und zum Gegenstand vieler Discussion geworden, nicht außer Acht geblieben wären. Was Herr Weil vorträgt, hat historischen Werth; von reeller Wichttgkeit sind aber die unsre Zeit bewegenden Fragen, und cs ist daher stets von besonderem Nutzen, den geschichtlichen Faden bis in die Gegenwart zu führen. — Zum 70sten Geburtstage Ludwig August Frankl's widmete der bekannte Dichter Moritz Rappaport in Lemberg seinem Jugendfreunde einen „Sonettenkranz", der sich durch seine reizende Formgewandtheit und durch den Ausdruck innigster Freundschaftsgefühle auszeichnet. — „Die kürzeste Darstellung der nachbiblischen Geschichte für die israelitische Schuljugend nach größeren Werken bearbeitet von vr. David Leimdörfer, Rabb." (Leipzig und Nordhausen. Eigendorf. 1880.) Das Büchlein ist durchaus zweckentsprechend, mit kurzer aber an-. 1) Der Verfasser widmet sein Schriftchen dem Herrn Dr. Adolf Icllinek, „dem Nestor indischer Kanzelbcredsamkeit." Nirgends sind die Verdienste Jellincks als Äanzelrcdner öfter und nachdrücklicher anerkannt werden als in dies. Zeitg. Der Autor muß jedoch wenig Kenntniß von der Geschichte der jüdischen Homiletik haben, wenn er dieses Epitheton Jellinek beilegt, während Männer wie Zunz, Herxheimer, Herzfeld und mehrere Andere noch leben, die lange vor Jellinek die jüdische Kanzel bestiegen und ihr zur Zierde und zum Muster gereichten.