Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1880)
- Date
- 1880-04-27
- Page
- Seite 265 (sequence 9)
- Language
- German
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26$ Oesterreich-Ungarn. Wie«, 13 April. (Privatmitth.) Bekanntlich gelten jene Frauen als die besten, von welchen man am wenigsten spricht. Anders ist dies jedoch bei Corporationen der Fall, da ist es Recht und Pflicht, daß sie öffentlich Rechenschaft über ihre Wirksamkeit oblegen. Eigenthümlich genug gibt der Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde nur höchst selten, außer bei Wahlversammlungen, die in der Regel von einem sehr spärlichen Publikum besucht werden, irgend ein Lebenszeichen von sich. Und wahrlich der Vorstand hat keinen Grund, seine Thätigkeit in Dunkel zu hüllen und würde er dadurch nicht nur das Jntereffe der Gemeindemitglieder rege erhalten, sondern er würde auch in vielen Beziehungen beispielgebend aus andere Gemeinden wirken. Im Jntereffe der guten Sache glaube ich daher, die Analyse eines Berichtes, welchen das Vorstandsmitglied und Stellvertreter des Vorsitzenden in der Schulsection, der zugleich als Bezirksschulrath der Residenz sungirt, Herr Emanuel Baumgarten, als Vorsitzender des Bethausvorstandes nach Vollendung seiner zehnjährigen Amtswirksamkeit erstattet hat, zur Kenntniß Ihrer Leser zu bringen. (Nebenher mag bemerkt werden, daß Herr Baumgarten, bevor er sich der praktischen Thätigkeit zuwendete, als Schriftsteller insbesondere auf jüdischem Gebiete mit vielem Erfolge thätig war. So veröffentlichte er eine Uebersetzung von Bachja's „Herzenspflichten" bevorwortet von Geiger, ein hebräisches Gedicht Ruth rc.) Zunächst Ziffern: Vom Jahre 1870—1880 wurden 2615 Trauungen vollzogen, und zwar die meisten, 314, im Jahre 1872 und die wenigstens, 224, im Jahre 1876. In 359 Fällen wurden die Trauungstaxen ermäßigt und in 239 vollständig nachgesehen. Während jedoch in der Stadtsynagoge 174 Trauungen I. Claffe und 716 II. Claffe stattfanden, wurden in der Leopoldstädter Synagoge blos 34 Trauungen 1. Claffe und 270 II. Claffe vollzogen. In Summen dargestellt, betrugen die Einnahmen für die Gemeinde - Caffe fl. 35,703 in der Stadtsynagoge, und in der Leopoldstädter Synagoge blos fl. 16,162; für die Synagogen-Functionäre in ersterer fl. 63,955 und in letzterer nur fl. 35,283. Eine ähnliche Erscheinung zeigt sich bezüglich der Spenden für die Wohlthätigkeitsanstalten. In der Stadt betrugen sie fl. 67,856 und in der Leopoldstadt nicht einmal die Hälfte, nämlich fl. 28,7 59. Eine große Differenz zeigt sich auch bei den Einnahmen für die Betsitze, die hier sämmtlich vermiethet werden. In der Stadt gingen im Jahre 1879 fl. 9,630 ein, und in der Leopoldstadt, wo das Gotteshaus zwei mal so groß ist, blos fl. 8,584. Dem Wunsche, dem schrankenlosen Unsuge, welcher hier vör Beginn der hohen Feiertage bezüglich der Etablirung von Minjanim sich einstellt, mindestens beengende Grenzen zu ziehen, können wir nur aus das lebhafteste beistimmen. Dem Bethausvorstande unterstehen die Cantoren und das Chorpersonal. Letzteres zählt in der Stadtsynagoge 5 Sänger und 12 Chorknaben und in der Leopoldstadt 6 Sänger und 15 Chorknaben. Bezüglich des Gottesdienstes selbst äußert sich Herr Baumgarten wie folgt: „Zum Unterschiede des alten Judenthums, das für seinen Cultus nur den engen Raum eines Menschenherzens, die bescheidenen Pfähle der Wohnung, die beschränkte Mitgliederanzahl der Familie beanspruchte und in dem guten Beispiele den elektrischen Funken erbickte, der seine zündende Wirkung vom einzelnen Gliede aus die ganze Kette verpflanzen sollte, will das moderne Judenthum die weiten Hallen der Tempel als Stätten seines Cultus, von denen aus durch das Medium der versammelten Menge die durch den öffentlichen Gottesdienst gegebene religiöse Anregung hinausgehen soll. Ob in dieser veränderten Methode ein Fort- oder Rückschritt enthalten ist, bleibe ununtersucht. Eines dürfte jedoch kaum zu bestreiten möglich sein: soll wirklich das religiöse Bewußtsein aus diesem Wege in die Herzen und Gemüther dringen, dann muß mit Argusaugen darüber gewacht werden, daß den gottesdienstlichen Einrichtungen nicht die Weihe abhanden komme, welche allein denselben ihren heilsamen Einfluß verleiht." Aus der Chronik dieses Decenniums hebe ich zunächst hervor, daß zur Evidenzhaltung der Schriftstücke eine Registratur angelegt wurde und die Einführung eines Jugendgottesdienstes am Sabbat Nachmittag 3 Uhr. Herr Baumgarten wünscht diesbezüglich eine „strammere Behandlung". So sehr wir das Gedeihen dieser Institution wünschen, so können wir doch von einer „strammeren Behandlung" kein großes Heil erwarten und hat man auch, insofern sie die Jugend betrifft, kaum oder schwer die Mittel dazu. So viel ist gewiß, daß die Schüler und Schülerinnen der Volks- und Bürgerschulen diesen Gottesdienst nicht besuchen können, weil sie um diese Zeit Schulunterricht haben. Bei einem großen Theile der Realschüler ist dasselbe der Fall. Nun besteht aber überhaupt die Klage, daß die Schüler in den Mittelschulen überbürdet seien und da dürfte es schwer fallen, sie zu diesem Gottesdienste zu zwingen. Sehr löblich ist der Beschluß, die Chorknaben nicht mehr bei Leichenbegängniffen Mitwirken zu laffen, damit sie nicht dem Schulunterrichte entzogen werden. Ich denke, das Mitgetheilte wird hinreichen, um die Bedeutung des vorgelegten Elaborates zu würdigen. Pest, 5. April. (Privatmitth.) Der hiesige „Handwerks- und Ackerbau-Verein" hielt gestern seine diesjährige Generalversammlung ab und veröffentlichte zu gleicher Zeit seinen Rechenschaftsbericht. Angesichts der ungünstigen Zeit- 17