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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-04-27 · Heft 17 (27.4.1880) · p. Seite 264

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 17 (27.4.1880)
Date
1880-04-27
Page
Seite 264 (sequence 8)
Language
German
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264 der Vergünstigungen, die den für den Handelsverkehr der Breslauer Kaufherrn unentbehrlichen polnischen Juden von den gebornen schlesischen gewährt wurde, geschieht, indem der Verfasser bemerkt: „Glücklich derjenige Jude, der den Nachweis führen konnte, Laß er aus Racwicz oder Zduny kam: der Thorschreiber erklärte ihn sodann für einen „Grentz und Mäckeljuden" und gegen einen Zoll von zwei Gulden durste er länger als vierzehn Tage in Breslau weilen. Wollte jedoch sein Unstern, daß er ein Inländer und 6et*' spielsweise bloß aus Auras war, so konnte er für 8 Ggr.,: die er am Thore zu erlegen hatte, das Recht erkaufen. I vierundzwanzig Stunden auf seine Kosten in der Stadt zu leben. Wer nun gar tiefer aus Polen stammte und dem hochmögenden Thorschreiber Geld oder Geldwerth aufweisen konnte, wurde beinahe wie ein Mensch, will für damalige Zeiten sagen, wie ein Christ behandelt. Alle Wege waren ihm geebnet. Er konnte frei aus- und eingehen, in der Stadt verweilen, so lange es ihm beliebte." Es ist kein geringer Ruhm für das damalige Geschlecht, unter solch niederdrückenden Verhältnissen nicht verkümmert zu sein, sondern eine so große Anzahl trefflicher hochstrebender Männer hervorgebracht zu haben, die mit ungebrochenem Muthe das Ziel einer Verbesserung ihrer Zustände und Hebung ihrer Genossen sich stellten. Dieses Ziel verfolgte auch die Gesellschaft der Brüder, unter welchen Hinderniffen, welchen Formen und Wandlungen, darüber gibt das Schriftchen außerordentlich interessante Nachweise. So ist es überraschend, aus demselben zu entnehmen, wie die Geheimbündelei, die am Ende des vorigen Jahrhunderts einen so bestrickenden Zauber ausübte und die zahlreichen Gesellschaften der Rosenkreutzer, Jlluminaten u. a. m. erzeugte, auch in den jüdischen Kreisen und Gesellschaften ihre Nachahmung und Pflege fand und dadurch uns Moderne so fremdartige und doch auch wieder herzlich anmuthende Einrichtungen erzeugte, wie sie von Brann nach den Statuten der Gesellschaft vom Jahre 1790 geschildert werden. Jndesien ging die Gesellschaft der Brüder nicht wie viele andere Gesellschaften in solchen Förmlichkeiten auf, sie verfolgte kräftig ihre Ziele der Wohlthätigkeit und der Schaffung eines befriedigenden Gottesdienstes, sie schuf nach einander mehrere der jetzt noch bestehenden Synagogen, zuletzt 1829 diejenige, die bis zum Bau der jetzigen neuen Synagoge, die eigentliche Gemeindesynagoge war und in der auch Geiger seine Thätigkeit entfaltete. Seitdem die Pflege des Gottesdienstes sodann Sache der erst allmälig sich bildenden Gesammtgemeinde geworden war, konnte die Gesellschaft sich speciell auf die Ausübung der Wohlthätigkeit beschränken. Möge der Verein in der Bethätigung derselben auch sein zweites Jahrhundert und noch weitere erreichen und am Schluffe eines jeden mit so voller Befriedigung auf den Verlauf desselben zurückblicken können, als er es jetzt am Schluffe des ersten thnn darf. Dem Berfaffer seiner Geschichte, der in derselben zugleich ein so anziehendes Bild der ganzen Zeit gegeben hat, wünschen wir balv auf einen weiteren Gebiete wieder zu begegnen. Breslau, 13. April. (Privatmitth.) Einen neuen Beweis seiner wahrhaft fürstlichen Gesinnung in Bezug auf die konfessionellen Reibungen hat unser Kronprinz jüngst wieder gegeben. Der Kronprinz hat nämlich an Herrn Rabbiner 1>r. Münz in Kempen anläßlich der Ueberreichung seiner „Drei Reden politischer Tendenz", welche die wichtigsten konfessionellen Fragen vom allgemein religiös-menschlichen Standpunkte vorurtheilslos und lichtvoll behandeln, eigenhändig folgendes Schreiben zu richten geruht: „Die mir von Ihnen überreichte Schrift habe ich mit „Vergnügen empfangen und sage Ihnen für die mir er- „zeigte Aufmerksamkeit meinen besten Dank. Berlin, 9. April 1880. Friedrich Wilhelm. Kronprinz. Hamburg, 12. April. (Privatmitth.) Dr. Anton 35ec, der Dircctor der isr. Stiftungsschule von 1815), ist vom hies. fortschrittl. Wahlcomit« als Eandidat statt des bisherigen Reichstagsabgcordneten, welcher sich veranlaßt sah, sein Mandat niederznlegen, ausgestellt und hat große Aussicht gewählt zu werden. Fürth, 8. April. (Privatmitth.) Nachdem in der Reichshauptstadt die Judenhetze in Sand verlaufen, werden aller Hand Versuche gemacht, sie nach den Provinzen zu verlegen und man hat sich hierzu besonders unser Franken ausersehen, wo man bei den Landbewohnern Anklang zu finden hofft. So fand am Ostermontag Nachmittags eine, von zahlreichen Landleuten besuchte „conservative Versammlung" statt, in welcher ein Prof. Pfaff aus Erlangen, ein Lieutnant a. D. Beckh und ein Privateur Ott das große Wort führten. Sic sprachen in heftigster Weise über Allerlei, besonders aber gegen den Liberalismus und die Juden, wobei sie behaupteten: die Liberalen tanzen wie die Juden pfeifen! Das deutsche Münzfystem, die Gewerbefreiheit und Gewerbeordnung und vor Allem die Juden wurden als die Urheber aller vorhandenen Uebelstände verurtheilt. Zunft und strenge Kirchenzucht wären das einzige Mittel der Befferung und Wiederherstellung. Bor allem eiferten sie dagegen, daß Juden in die Verwaltung, den Richter und Ofsiciersstand eintreten sollten! Daß die „Fränk. Ztg." derartige E^pectorationen mit Beftiedigung und in aller Breite aufnimmt, andere Blätter z. B. die „Neueste Nachr." sie gehörig geißeln, versteht sich von selbst. Solche „Conservative" bringen nur in einem sehr beschränkten Kreise Wirkung hervor, und in ihnen selbst liegt ihre beste Widerlegung.

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