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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-04-27 · Heft 17 (27.4.1880) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 17 (27.4.1880)
Date
1880-04-27
Page
Seite 260 (sequence 4)
Language
German
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260 trachteten, auf welchem ihre Anerkennung in der menschlichen Gesellschaft, in welcher sie lebten, einzig und allein beruhte, nach Reichthum, ist daraus den Geknechteten ein Borwurf zu machen, oder denen, welche ihnen in brutalster Weise Gewalt anthaten? — Aber in dem Maße, in welchem die Bedeutung des den Juden schmachvoll ertheilten Privilegiums sich ab' schwächte, weil es von den Nichtjuden nicht mehr respectirt wurde. Zinsnehmen aufhörte für unehrenhaft zu gelten, und mehr und mehr alle Welt deffelben sich befleißigte, sowie in dem Maße, in welchem allmälig die Gleichberechtigung der Juden im Staats- und Gemeindeleben zur Anerkennung gelangte, ganz in demselben Verhältnisse haben die Juden in den Culturstaaten den übrigen Bewohnern sich assimilirt, haben aufgehört als Fremdlinge im Lande zu wohnen, haben mit Gut und Blut dem Vaterlande gedient und haben in allen Berusskreisen, die ihnen zugänglich wurden, sich durch Fleiß und Geschicklichkeit hervorzuthun gesucht. Ist das tadelnswerth oder lobenswerth? Ich meine das letztere; aber freilich die Faulen und Ungeschickten Haffen und verfolgen die Fleißigen und Geschickten, welche ihnen Concurrenz machen; und die Armen Haffen die Reichen; und die Dummen Haffen die Klugen; und die Fanatiker Haffen jeden, der auf andere Weise selig zu werden sucht als sie selbst, und Fanatiker giebt es nicht nur auf religiösem Gebiete, sondern in allen Kreisen der Gesellschaft, im Tröffe derjenigen, welche nicht selber denken, sondern andere für sich denken laffen, hinter denen sie schreiend und tobend herlausen. Wehe dem Staate und jeglichem Gemeinwesen, in welchem das blinde Wüthen des Haffes zur Geltung kommt, das Verderben ist sein Loos; darum sehe ein Jeder zu, daß der Haß niedergehalten werde und helfe der ihn überwindenden Liebe zum Siege. Ich habe aus gewiffenhafter Ueberzeugung eine Zeichnung entworfen von den Juden, gegen welche jetzt der verderbliche Haß loßstürmt in widerwärtigster Weise, aber ich habe dabei nicht bestreiten wollen, daß es auch unter den Juden schlechtes Gesindel aller Art giebt wie unter Christen, Mohammedanern und Heiden auch, und überhaupt in allen Schichten und Klaffen der Menschen. Aber für dieses Gesindel find die Juden nicht verantwortlich zu machen, so wenig wie die Christen für die Gauner und Bösewichter, die unter ihnen sich herumtreiben. Eine jede Genoffenschaft hat am meisten selbst zu leiden durch die schlechten Gesellen, die sich für ihre Zugehörige ausgeben. Wir die hier Versammelten kennen das alte Testament so gut wie das neue und wiffen wohl, daß das Judenthum keine andere Sittenlehre hat als die, zu der alle edlen Menschen von jeher sich bekannt haben, und dazu kommt noch für die Christen unter uns, was der Stifter unserer Religion, der selbst ein Jude war, gesagt hat: „ich bin nicht gekommen auszulösen das Gesetz und die Propheten, sondern zu erfüllen." Weil wir das Alles wiffen. haben wir die Juden, welche Einlaß begehrten bei uns, als vollkommen gleichberechtigte unter uns ausgenommen unter denselben Voraussetzungen und Bedingungen wie andere, die sich uns anzuschließen verlangten. Es haben viele Juden seit einem Menschenalter unter uns verkehrt als vollberechtigte Mitglieder unserer Gesellschaft; so können wir wohl ein gültiges Zeugniß über sie oblegen. Mir ist in 27 Jahren keine Klage über eins unserer jüdischen Mitglieder zu Ohren gekommen, als der sich ein unfreimaurerisches Betragen habe zu Schulden kommen laffen. aber auch keine Klage, daß ein jüdisches Mitglied unter solchem Betragen zu dulden gehabt hätte. Wäre das gesellige Berhältniß zwischen Christen und Juden überall daffelbe, wie hier bei uns, so würde nie und nirgends mehr von einer Judenverfolgung die Rede sein können. Es wird also nur daraus ankommen, daß der Geist der Zucht und der rechtschaffenen Liebe überall in der menschlichen Gesellschaft so zur Geltung komme wie bei uns; — dann wird Friede und Freude auf Erden sein und Freiheit in der Uebereinstimmung des menschlichen Willens mit dem Gotteswillen, aus welchem eben so das Sittengesetz wie das Naturgesetz hervorgegangen ist." — In dem weitern Berichte verdient wegen seines raschen und prompten Erscheinens die erste Erwähnung der „illustrirte israelitische Volkskalender aus 56-11 (1880-81) von Jakob W. Pascheles. Prag, 1881." Neben dem gewöhnlichen Kalenderinhalt bringt er recht lesenswerthe bibliographische Aufsätze von S. Kohn und G. Klemperer über Wolf Wertheimer und die Prager Rabbiner nach dem „hohen Rabbi Löw." — Fügen wir dem zunächst einige Predigten hinzu. Adolphe Crvmieux. Gedächtnißrede gehalten bei dem öffentlichen Trauergottesdienste am 7. März 1880 in der Synagoge zu Basel von vr. Alexander Kisch, Rabb. (Basel 1880). Dem Redner war, nachdem Rabb. Nordmann vorher Crsmieux als Jude geschildert, die schwierige Aufgabe gestellt, ihn als Rechtsgelehrten und Staatsmann zu zeichnen, als den patriotischen Bürger, wie er sich in so vielen bedeutenden Lagen und Krisen seines Vaterlandes bethätigt hat. Dies in dem engen Rahnien einer Rede zu thun, wo kaum ein umfangreicher Band für die mehr als 60 Jahre bespannende politische Thätigkeit Cremicux' genügte, war, wie gesagt, eine schwierige Ausgabe, die der Redner mit klarem Blick und warmem Eifer auf eine würdige Weise löste, und über das Ganze eine innige Gemüthlichkeit zu breiten verstand. — Antrittspredigt gehalten in der Synagoge zu Stettin am Sabbathe vor dem Purimseste 5640 von Rabb. vr. H. Bo gelstein. Der Redner legt in sinnigster Weise das Schriftwort: „Mardechai war ein Mann, ein Jude" aus, indem er die tiefere Bedeutung dieser beiden Worte darlegt und dann aus das Amt anwendet, das er mit diesem Tage antrat. Wir können ihm zu dieser einfachen, des fremden Schmuckes entratheuden

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