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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-04-27 · Heft 17 (27.4.1880) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 17 (27.4.1880)
Date
1880-04-27
Page
Seite 259 (sequence 3)
Language
German
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25y gesellschaftliche Ordnung bereits gerathen ist. Bon den verschiedensten Seiten, sagte ich, aber immer von solchen, welche in dem Wahne leben, daß sie berufen seien die Führer und Tonangcber Anderer zu sein und welche die verdrießliche Erfahrung machen, daß sie nicht mehr die gewöhnte Ancrkennung finden. Der einzige Ueberrcst der Völker des Altcrthumes, denen die Menschheit ihr Culturleben verdankt, die Juden, werden für alle Fehler und Thorheitcn verantwortlich gemacht, welche mehr oder weniger alle abwechselnd do minirenden Parteien der Neuzeit sich haben zu Schulden kommen lasien und sollen nun deren schlimme Folgen auf ihr Haupt nehmen. Bon allen Seiten ertönt aus dem Munde der Unbesonnenen und Sittenlosen der Parteien, die ihre Unfähigkeit zur Führung der Menschheit bewiesen haben: „Die Juden sind an allem Schuld; sie haben die Menschen verführt zu allen Schlechtigkeiten; sie haben geerntet, wo wir gesäet haben; diese Semiten haben durch den übertriebenen Beifall, welchen sie den Vorkämpfern im Streben nach Fortschritt entgegengebracht, zu verderblichen Uebereilungeu verlockt; sie haben das Volk angcsteckt mit ihren Lastern: mit der Sucht nach unredlichem Gewinne, mit dem hartherzigen Eigennutze, mit der an Nichts glaubenden, Nichts hoffenden, Nichts liebenden Gortvcrgessenheit, welche die Menschheit dem Untergange entgcgcntreibt!" — O Wahnsinn über Wahnsinn! Wodurch sind die Juden gerettet worden bei dem Untergange der alten Welt? gerettet worden trotzdem, daß sie durch die gewaltthätigen Römer aus ihrem'Lande vertrieben und über alle Völker der bewohnten Erde zerstreut wurden? Weil das, was die alten Eulturvölker der Griechen, Römer und Egvpter zu Grunde gerichtet hat, nicht bei ihnen sich eingenistet hatte: die lasterhafte Genußsucht. Und was hat sic vor dieser behütet? Ihr weiser Gesetzgeber Moses, welcher anknüpfend an den schlichten Glauben an Einen weisen, gerechten und starken Gott, der die Welt geschaffen aus Nichts und den Menschen nach seinem Bilde gemacht hat, das geistige wie das leibliche Wohlbefinden fördernde Satzungen aufgestellt hat, roelche in allen Wandlungen der Geschichte sich erprobt haben, und eben darum allzeit von denen, welche ihnen nachlebten, geachtet und von den Vätern den Söhnen empfohlen worden. Tie Juden haben unter allen den verschiedenen Völkern, unter welche sie zerstreut wurden, sich conscroirt, weil sie bei ihren Satzungen sich wohlbefanden, aber auch darum, weil sie um dieser ihrer Satzungen willen verhöhnt und verfolgt worden sind. Die Heiden haben die Juden verfolgt, weil diese die unwürdigen Vorstellungen der Heiden von ihren Göttern und die Laster der Heiden verabscheuten, was diese in ihrem Stolze nicht sich wollten gefallen laffen. Und die Christen, auf welche allmälig die Weltherrschaft bei der Zerbröckelung des Römischen Reiches überging, haben die Juden gehaßt und verfolgt, weil diese den als Messias nicht gelten ließen, welchen die Christen als den Heiland der Welt verehrten. Aber schon längst ist unter gesitteten Menschen anerkannt, daß aller Haß und alle Verfolgung um des Glaubens willen nicht nur überhaupt unsittlich, sondern auch speciell unchristlich ist. Während des Druckes, unter welchem die Juden Jahrhunderte lang zu dulden hatten, indem sie von der sich herausbildenden Organisation der Gesellschaft ausgeschlossen blieben und gezwungen wurden im sklavischen Dienste den Gewalthabern durch die Aufbringung von Geldsummen, deren diese bedürftig waren, sich nützlich zu machen, zogen sich die Verfolgten und Gemißhandelten in sich selbst zurück und pflegten namentlich ein inniges und ehrbares Familienleben und eine immer bereitwillige Wohlthätigkeit gegen die Armen unter den Stammesgenosfen. Freilich verhinderte die siete Furcht vor ihren Peinigern und Verfolgern lange eine zutrauliche Annäherung an diese, bis nach und nach im Volke, in welchem sic zu leben gcnöthigt waren, das sittliche Bewußtsein so weit entwickelt war, daß ihnen (anfänglich nur zögernd und widerwillig) die Gleichberechtigung im staatlichen und socialen Leben gleich andern Glaubens- und Stammesgenossenschaften zucrkannt und gesetzlich festgestellt wurde. Inzwischen hatten die Juden doch schon unter allen Völkern an der geistigen Entwickelung der Menschheit auf den Gebieten der Künste und Wiffeuschaften den allerregsteu und einflußreichsten Anthcil genommen, wie sie auch, begünstigt durch ihre Zerstreuung unter allen mehr oder weniger civilisirten Staaten, den wirthschastlichcn und Handelsverkehr in die Hand nahmen und überall da als Vermittler eintraten, wo andere Angehörige des Staats- und Gemeindelebens aus Vorurtheil oder Trägheit sich zurückhielten selbst Abhilfe der Noth zu schaffen. Mit dem in Folge deffen ihnen zusließenden Reichthume haben sie aber nicht bloß denen sich dienstbar gemacht, welche mit Gewalt sie dazu zwangen, sondern auch freiwillig die industrielle Thätigkeit eifrig gefördert, deren allmälige Emancipation, d. h. Befreiung aus den Feffeln des Vorurthcils und des Privilegiums, mit ihrer eigenen gesellschaftlichen Erlösung Hand in Hand ging. Sie haben daher auch an dem Gewinne, welcher aus dem Aufschwünge der Industrie sich naturgemäß ergab, in rechtlichster Weise sich betheiligt. — Während der langen Zeit des Druckes, der auf den Juden lastete, war ihnen von all den Privilegien, welche als Freiheiten galten und unter die Menschen damaliger Zeit vcrtheilt waren, nur Eines verliehen worden, das gefährlichste und von jeher verhaßteste, nämlich das: Geld auf Zinsen auszuleihen. Dieses Privilegium stand im grellen Widerspruche gegen die jüdischen Satzungen, welche alle Art von Wucher und Zinsnchmen auf's Strengste verbieten; aber sie wurden gezwungen desselben sich zu bedienen und den Fluch der Verachtung, der damit verbunden war, auf sich zu nehmen. Wenn nun daraus folgte, daß die Geknechteten nach dem ir*

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