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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-04-27 · Heft 17 (27.4.1880) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 17 (27.4.1880)
Date
1880-04-27
Page
Seite 258 (sequence 2)
Language
German
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258 die marokkanische Regierung danach, das ganze Protektivnsrecht zu beschränken oder gar auszuheben; sie verweigert die auswärtige Naturalisation marokkanischer Einwohner anzuerkennen. Einen Bundesgenosien soll sie hierbei in der spanischen Regierung finden, welche nämlich seit längerer Zeit auf den wachsenden Einfluß der Engländer, Franzosen und Italiener in Marokko eifersüchtig ist und ihr Ansehen daselbst schwinden sieht. Wir fußen hierbei auf die Angaben besonders der Daily J^ews und des Temps. Die Madrider Regierung war cs, welche deshalb einen zu Madrid abzuhallenden Congreß für Mai oder Juni c. vorschlug, und schon am 15. März berichtete eine Depesche, daß Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien, Portugal, die Bereinigten Staaten und England diesen Vorschlag angenommen haben. Wahrscheinlich werden die bez. Gesandten in Madrid damit beauftragt; ein marokkanischer Gesandter soll daran Thcil nehmen und der spanische Minister des Aeußeren den Vorsitz führen. Nach dem Temps vom 17. März machen sich aber schon judenseindliche Einflüsse geltend und man sängt an, Geschichtchen zu erzählen, durch welche die Schuld aus die Juden gewälzt werden soll. Man muß überhaupt von dem specicllen Gegenstände keine zu große Meinung haben. Die Zahl der israelitischen Prot^gvs in Marokko beläuft sich zusammen auf nur 103, nämlich 4 Deutsche, 26 Amerikaner. 6 Oesterreicher, 2 Belgier, 25 Franzosen, 36 Italiener, 4 Schweden. Spanien ist also nur negativ daran bethciligt. Die internationale Conferenz wird also nur das Protektionsrecht im Allgemeinen und über diese 103 Israeliten in Besonderem verhandeln. Das Schicksal der vielen Tausende marokkanischer Juden bleibt dabei unberührt. Es ist nur eine staatsrechtliche, nicht aber eine humanitäre Frage, über welche beschlosien werden soll. Unsere Hoffnungen find daher nur so gering, wie sie von Madrid aus nur sein können, noch dazu, nachdem der Berliner Congreß nach der praktischen Seite eher ein nachtheiliges als ein nützliches Resultat für die Juden gehabt hat. Für uns bleibt cs nur wünschenswerth, daß der europäische und amerikanische Einfluß in Marokko zu einer wirklichen Suprematie anwachse, was freilich in Frage steht, sobald auch hier die Rivalität der einzelnen Staaten sich fühlbar macht. Wir verlassen uns auf die Macht der Verhältnisse, die stets über alle diplomatische Künste und Ergebnisse hinausgeht, und diese Macht der Berhältniffe steht allein in der Hand der göttlichen Vorsehung! Literarischer Wochenbericht. Die Broschürrnlitrratur. 1. Bonn, 13. April. Während des jetzt glücklich durchgesührten Streites hat sich bei uns auch eine Masse anderweitiger Broschüren ausgehäust, denen wir jetzt gerecht zu werden eilen. Wir legen diesem Zweige der Literatur eine nicht geringe Wichtigkeit bei. Er nimmt die Mitte zwischen der strengen Wissenschaft und der Tagespreffe ein, und bringt so manchen Gedanken der Zeit zu gründlicherem und prägnantem Äusdruck. Außerdem dient er oft zu kleinen Monographien, welche neben den umfangreichen Schriftwerken der Wissenschaft ein dienliches Material zuführen. Endlich erachten wir es für eine besondere Pflicht der Zeitpresse, über solche Broschüren zu berichten, die sonst späterer Aufmerksamkeit leicht entgehen können. Dennoch müssen wir an die Spitze dieses Artikels eine solche stellen, welche der stattgefundenen Polemik sich anschließt, Dr. OswaldMarbach, Profeffor an der Universität zu Leipzig, hat in der dortigen Freimaurerloge eine Rede gehalten, die in der freimaurerischen Monatsschrift „Am Reißbrete" erschienen ist, und die der deutschisraelitische Gemcindebund nochmals veröffentlicht hat. Diese, vom wahren Humanitären Geiste beseelte Rede malt in lebhaften Färber die ganze Verwirrung, welche in die gegenwärtige Gesellschaft eingedrungcn, insbesondere die Reclame, den Schwindel und den Communismus, die um die Gunst der Menge buhlende Wiffenschaft, den abergläubischen Spiritismus und Alles unterwühlenden Nihilismus. Er fährt dann fort: „Wie groß die Verwirrung bereits geworden, geht am augenfälligsten daraus hervor, daß die verschiedenartigsten, ja entgegengesetzte Parteien bereits angefangen haben im Gefühle der eigenen Schwäche und zur Beschönigung der eigenen Fehler einander vorübergehend die Hände zu reichen, um gemeinsam solche Menschenklaffen, die sie aus den verschiedensten unedlen Motiven beneiden, verachten und Haffen, zu verderben. Sie möchten dieselben zum Sündenbocke machen für alle die Schlechtigkeiten und Nichtsnutzigkeiten, welche sie selbst sich haben zu Schulden kommen laffen. Das ist ein ehrloses Manöver, deffen immer nur in der Rathlosigkeit der Verzweiflung leidenschaftlich erregte Menschen sich schuldig gemacht haben, während die Besonnenen aller Parteien es als nichtswürdig von jeher verurthcilt haben. Wie tief sind die Menschen der Gegenwart gesunken, wenn wirklich wahr wäre, daß in unserm so oft bewunderten, so viel gepriesenen Zeitalter, daß hier im deutschen Volke, in welchem sittliche Bildung seit Menschenaltcrn so sorgfältig gepflegt worden, noch einmal eine der Menschheit zur äußersten Schande gereichende Erscheinung auftreten könnte — eine Judenverfolgung, wie sie unter barbarischen Völkern : alter und neuer Zeit leider so oft stattgefunden hat. Das ' Herz und der Verstand streuben sich, an die Möglichkeit der Erneuerung dieser Schmach unter uns zu glauben. Aber leider kann nicht geleugnet werden, daß bereits laut von den! verschiedensten Seiten auf die Juden hingewiefen worden ist, | als seien diese die Urheber des Nothstandes, in welchen die

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