Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1880)
- Date
- 1880-04-20
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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251 } 1 S? •* s Wenn diese sich so schnell vollzog, so verdanken wir dies nnr der fieberhaften Thätigkeit und besonderen Intelligenz der großen Verleger. Es wäre Undankbarkeit, diese Thatsache zu verkennen. Ich erinnere mich der noch gar nicht fernen Zeit, wo wir zu den Verlegern, die uns die Erfolge der Zukunft darlegten, sagten: „Ja, wenn es Euch gelingt, so wird Alles gut sein; aber, wenn es fehlschlägt, wenn nach einer ungeheuren Auflage der Bücher, Ihr nicht den Geschmack an der Lecture verbreitet, seid Ihr verloren und wir sind es mit Euch!" Unter anderen machte ich Michel Levy auch den Einwand, daß die frivolen und unsittlichen Bücher die Maffe auf Kosten der nützlichen und moralischen Werke interesfirten. Er antwortete mit jener praktischen Intelligenz, die er im höchsten Grade besaß: „Möglich und selbst wahrscheinlich, daß dies so am Anfang sei, das liegt im Wesen der menschlichen Dinge; aber bedenken Sie, daß die schlechte Lecture eine unausbleibliche gute Wirkung hat: sie macht dem Menschen Lust zu lesen, sie gewöhnt ihn daran und aus der Gewohnheit wird ein Bedürfniß. Ich setze es durch, daß, noch ehe zehn Jahre um sind, ein Buch mit derselben Ungeduld erwartet wird wie ein Mittagsbrod, wenn man hungrig ist. Esten und Lesen, die Bereinigung dieser beiden Bedürfniffe muß geschaffen werden, und dann werdet Ihr Anderen, Ihr Künstler sagen, daß wir Euer Problem: „Der Mensch lebt nicht nur vom Brode" gelöst haben." Die zehn Jahre waren noch nicht verflostcn, als die großen Verleger die Prophezeihung von Michel Levy verwirklicht hatten, und dies führte mich zum Nachdenken über den Werth und die Bedeutung des Mittelmäßigen in der Kunst. Ich habe berühmte Collegen gehabt, die ernstlich darüber verzweifelten, daß der ungeheure Erfolg von Werken dritten Ranges den bei Weitem überstieg, den sie für sich erhoffen konnten, und welche glaubten, daß das Erscheinen des billigen Buches eine Aera des Verfalls eröffnen würde. Im Angesicht einer Frage der Zeit haben sie sich getäuscht; wenn wir uns in einer allgemeinen Decadence befinden, was mir noch nicht erwiesen scheint, so liegt die Ursache nicht hierin. Sie liegt in den, beim Beginne immer schweren Folgen der bedeutungsvollen Neuerungen. Als die Eisenbahnen eingeführt wurden, glaubte man, daß eine Menge Jndustrieen ruinirt würden, und man täuschte sich. Die Eisenbahnen erforderten mehr Wagen und Pferde, mehr Arme und Beine, ohne von der Intelligenz zu sprechen, als es die früheren Fortbewegungsmittel gelhan. Ebenso hat der bedeutende Consum des Mittelmäßigen das Verlangen, kennen zu lernen und zu beurtheilen erweckt. Sobald sich das llrtheil bildet, tritt auch die Unterscheidung ein. Das Mittelmäßige, ja selbst das Schlechte, ist der Hammer, der den ersten Stein der Höhle zum Falle bringt, in der die Intelligenz im Finstern eiugemauert liegt. Der Hammer ist grob, aber die Hand, die ihn ergreift, ist auch grob und könnte keinen geeigneteren wählen. Das prosaische Buch, die niedrige Literatur hat der Ungebildete nöthig, um den ersten Lichtschein zu erfaßen; der Tag wird nach und nach kommen, wie er für das Kind kommt, das zur selben Zeit verstehen wie lesen lernt, und wenn fünfzig Jahre vergangen, werden das Schlechte und Mittelmäßige keine Verleger haben, weil sie keine Leser mehr finden. Es schien mir nöthig, diese Betrachtungen über das Werk, besten Initiative einigen mit dem Genie ihres Faches begabten Männern angehört, auszusprechen, um die kräftige und fruchtbringende Verwendung des so reich ausgesüllten und viel zu kurzen Lebens von Michel Levy zu charakterisiren. Nicht nur ein reicher Mann ist dahingegangen, sondern eine geistige Kraft ist uns genommen worden. Sie wird ersetzt werden, wird man sagen. Ja, ohne Zweifel; aber auf andere Weise, und selbst wenn ganz und gar, io, schulden wir nichtsdestoweniger dem Andenken eines unserer mächtigsten Schöpfer unseres neuen literarischen modus vivendi eine ehrenvolle Erinnerung. Um in einem Unternehmen, das eine so schnelle und umfaffende Entwickelung genommen, zu reussiren, ist etwas Anderes als die Liebe zum Geld nöthig. Auch besaß Michel mehr Ehrgeiz nach Ruhm, als Streben nach Reichthum, und Jnles Simon als Unterrichts minister ließ ihm Gerechtigkeit wiederfahren, als er ihn dekorirte. Er hatte erkannt, worin die dem Fortschritte geleisteten ungeheuren Verdienste bestanden. Nur auf diese war Michel stolz, denn kein Mensch hat sich, in materieller Hinsicht, seines Vermögens weniger bedient als er. Er lebte einfach, mäßig und ruhte sich von seiner angestrengten Arbeit nur aus, indem er ein Buch las oder einem Theaterstücke zuhörte. Er war ein Liebhaber der Künste, besonders liebte er Musik und Malerei, er war überall, wo irgend ein Talent die Schwingen erhob, selbst auf Gebieten, die seinem Fache fremd waren. Er fühlte, daß im Reiche der Intelligenz Eines das Andere hält, und er interessirte sich für jede Art des Erblühens, für alle Versuche der Entfaltung. Zehn Minuten vor seinem Tode wohnte er einem neuen Stücke bei und er erzählte einem meiner Freunde, daß er am Morgen bemüht gewesen, mir einen Dienst zu erweisen, und daß er pch den nächsten Morgen auch noch damit beschäftigen werde. Er war der gefälligste und hingehendste Freund, den es geben kann. Nicht Jedermann liebte er. Jedoch er liebte viele Menschen und verstand zu lieben. Zu jeder Stunde seines arbeitsvollen Lebens fand man ihn bereit. Alles liegen zu lasten, nicht nur um dem Anderen nützlich, sondern auch um ihm gefällig zu sein. Unter einer etwas rauhen Hülle besaß er das feinste Zartgefühl und wahrhafte Güte. Diejenigen, welche ihn genau gekannt, wie ich ihn gekannt, und 16*