Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1880)
- Date
- 1880-04-20
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227302--37982-3307175- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
252 besonders in den letzten Jahren, haben ihn beweint und werden ihn immer vermiffen. Bon seiner strengen Redlichkeit will ich nicht sprechen: sie ist sprichwörtlich, und die bewunderuugswerthe Ordnung, welche in seinen Geschäften herrschte, erleichterte die minutiöse Pünktlichkeit, mit der er feinen geringsten Verpflichtungen nachkam. Er erklärte die meisten Wortbrüche, welche im Handel Vorkommen, durch den Mangel an Ordnung, und er hatte Recht. Was seine Strenge in den Verträgen betrifft, so war sie die unvermeidliche Folge eines fortwährenden Kampfes gegen die Strenge der industriellen Ereignisse. Ich will und muß sagen, daß, als ich vor fünf Jahren ernste persönliche Interessen mit ihm zn verhandeln hatte, ich schließlich jeden Rath und jede Vermittelung mir verbot und nur seine Billigkeit anrief, um die Fragen zu lösen. Er hat sie zu meinem Bortheil gelöst. Die große Firma, die er gegründet hat, wird in den Händen seines Bruders und Associ«s Calmann Levy bleiben. Die beiden Brüder liebten sich zärtlich und hatten Beide nur einen Willen; damit habe ich genugsam gesagt, daß das große literarische Unternehmen, das den Fortschritt so sehr interessirt, durchaus nicht gehemmt werden wird. Lin kleines Maus -em Stillleben deutscher Inden. Ja wohl, wer die Wahrheit, wer die Wirklichkeit kennen lernen will, der muß sich aus dem Gewühle polemischer Kämpfe entfernen, wo doch nur leidenschaftliche Befangenheit das Steuer führt, und sich in das Leben des Volkes selbst versenken. Wie find die deutschen Juden wirklich beschaffen? Welche Stufe der Gesittung nehmen sie ein? wie sind ihre Bestrebungen geartet? Um dies zu beantworten, genügt es nicht, die Straßen jener, zu bewältigender Größe herangewachsenen Städte zu durchwandern, wo zwar die Intelligenz vorherrscht, und die mächtigen Resultate der Civilisation zeitigt, wo aber auch das Raffinement und die grenzenlose Verwirrung der Verhältnisse die häßlichsten Erscheinungen und eine widerwärtige Verschrobenheit Hervorbringen. Das Land ist größer; es ist langsamer, aber sicherer in der Entwickelung. und das Gros der Bevölkerung gehört ihm an. Ich führe daher den freundlichen Leser heute nach einer kleinen Landstadt, wo auch die jüdische Gemeinde nur eine geringzählige ist. Er mag sich mit mir nach dem freundlichen Remagen versetzen, das, am Ufer des Rheins liegt, da, wo die Ahr aus dem Gebirge hervorbrechend, ein reizvolles Thal durchlaufend, in den Rhein mündet. Wer diesen anmnthigen Winkel der Erde einmal besucht, den stattlichen Bau der Apollinariskirche beschaut und die Bictoriahöhe und den Reisberg bestiegen, und die köstliche Aussicht stromauf- und abwärts und in das Ahrthal hinein genossen hat, wird diesen anmuthigen Platz niemals wieder vergessen, selbst vor der Großartigkeit der Hochgebirge nicht. Jndeß haben wir nicht vor, eine landschaftliche Schilderung zu entwerfen. Wir führen den Leser vielmehr in eines der Wohnhäuser der Stadt, einfach und propre, in welchem sich eine Versammlung von etwas über 20 Männern befindet. Es geht da völlig parlamentarisch zu; ein Vorsitzender leitet die Verhandlung, ein Schriftführer protocolirt; es wird ein Bericht abgestattet, Decharge ertheilt, eine Neuwahl vorgenommen, eine Statutenveränderung berathen, und über die Interessen der Gesellschaft gesprochen. Die Discusfion ist lebhaft, aber durchaus ordnungsmäßig und die Abstimmungen gehen in Ruhe vor sich. Was ist dies für eine Versammlung? Die Generalversammlung einer Chebrah, des jüdischen Armen- und Krankenvereins, der jedoch auch die Umgegend der Stadt befaßt. Er zählt 33 Mitglieder. Bor uns liegen die gedruckten Berichte über die Jahre 1877 und 1878. Hier stehen wir an dem charakteristischen Zeichen. Wenn die großen Gemeinden in den Hauptstädten, deren Mitgliederzahl auf viele Tausende steigt, wenn die Vereine daselbst, deren Jahresbeiträge zu vielen Tausenden von Mark sich erheben, eine strenge Ordnung in ihrer financiellen und ihren Zwecken dienenden Gebahrung einhalten, und in regelmäßigen Berichten die Bereinsführung darlegen, was wäre da zu verwundern? Aber hier ganz dasselbe in würdigster Weise in einer kleinen Landstadt, bei einem kleinen Vereine zu finden, ist das nicht höchst erfteulich und ein schlagender Beweis für die Bildung und Gesittung, die auch bei den Juden auf dem Lande Platz gegriffen? Sehen wir uns die Berichte an. Der Verein von 33 Mitgliedern hat im Jahre 1878: 271 M. eingenommen und 180 ausgegeben, das Vermögen desselben besteht in 1048 M. Aber interessanter find die Zwecke des Vereins. Er besteht am wenigsten für die Mitglieder selbst. Es werden Arme und Kranke im ganzen Bezirke unterstützt, es wird besonders für die Unterbringung armer Knaben zur Erlernung eines Gewerbes gesorgt und gezahlt. Für diesen Zweck hat der Verein in den letzten Jahren 450 M. ausgegeben und ausbilden lassen: 2 Bäcker, 2 Schuster, 2 Klempner, 1 Kaufmann und 1 Maurergeselle. Wenn dies nicht ein Zeugniß für gesunden Sinn und wackeres Streben ist, so wissen wir kein anderes. Aber ebenso weiß der Verein nach religiössittlichen Zielen zu streben. Er läßt sich regelmäßig religiösmoralische Borträge halten, wofür er natürlich zahlt, er sorgt für Bestattung armer Leichen, und für die Abhaltung des Gottesdienstes in den Hausern der Verstorbenen. Ist dies nicht wahrhaft ideal? Schlägt da nicht dem wahren Menschenfteunde das Herz höher? Wir kennen die Persönlichkeiten dieses Vereins nicht und er hat keine Ahnung davon, daß , wir ihn in die Oeffentlichkeit ziehen, denn derartige Vereine