Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1880)
- Date
- 1880-04-20
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
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r 250 diesem Gebiete ohnehin bestehende Verwirrung nur noch $u ', vermehren im Stande sind. So z. B. (S. 12), daß die Kö-- nige von Israel, um desto entschiedener mit den religiös-politischen Einrichtungen Juda's zu brechen, ihr Jahr mit! einem andern Datum begonnen hätten, als das letztere Land, j Es soll dies dazu dienen, die Schwierigkeiten des chronolo-! gischen Parallelismus zwischen den beiderseitigen Königreichen! zum guten Theile hinwegzuräumen, ist aber im Grunde durch' keinerlei thatsächlichen Anhalt gerechtfertigt. Viel wahrschein, licher ist Oppert's Annahme, auf Grund der bei allen andern orientalischen Völkern vorhandenen Analogien, die Zeitangaben in den Büchern der Könige und der Chronik nach dem Regierungsantritte der einzelnen Herrscher zu verstehen. Auch muß man Oppert's mathematisch exakter Berechnungsweise, die man in seiner Schrift 82lomon et ses suecesseurs selbst Nachlesen möge, und die fast alle Schwierigkeiten der Chronologie der israelitisch-jüdischen Königsgeschichte befriedigend löst, entschieden den Vorzug geben vor dem Systeme unseres Verfassers, der überall Textesverfälschungen, Jrrthümer des Kopisten, Randglossen rc. annimmt: — ein Verfahren, mit dem man offenbar alles Beliebige heraus- und hinein erklären kann. Wir wollen unfern Verf. nicht auf das schwierige Gebiet der Aegyptologie und Affyriologie folgen, auf dem er übrigens nach seinem eigenen Geständniß nicht kompetent ist. Referent kann nur sein schweres Bedenken nicht unterdrücken, daß Hr. Schäfer sich gegen alle modernen Aegyptologen erklärt, die einstimmig Minephta als den Pharaoh des Auszuges bezeichnen (Duncker, Gesch. des Alterthums, 4. Aust. I 122 f. Maspero, ttistoire ancienne, S. 258 f. Brugsch. Geschichte Aegypten», S. 582 f.) Der Gegenbeweis des Herrn! Schäfer läuft auf Gründe der innern Wahrscheinlichkeit hinj aus — man weiß, wie geringen Werth diese subjektiven Ar- ' gumente den Quellen gegenüber in der historischen Kritik be-! sitzen. Die Hypothese unsers Berf., daß unter dem siegreichen, gewaltigen Ramses II. der Auszug stattgefunden habe, ]muß völlig verworfen werden. In zwei Puntten scheint uns der Berf. dagegen das Richtige gettoffen zu haben, freilich ohne darin ganz originell zu sein: einmal darin, daß er (S. 75 u. a. a. O.) die so häufig in der Bibel wiederkehrende Zeitangabe von 40 Jahren als eine ungefähre, wenn auch etwas zu ausgedehnte Bezeichnung einer Geschlechtsdauer erklärt; und daß er(S.81) Jehoram fünf Jahr hindurch Mitregent feines Vaters Josaphat sein läßt — eine Annahme, die nicht mir allein die chronologischen Schwierigkeiten dieser Regierung erklärt, sondern fich auch noch auf andere Gründe stützt. Freilich ist das kein bedeutendes Ergebniß der mühseligen Arbeit unseres Berfaffers. M. P. Keuilleton. Michel Levy von George Laad. In der Zeit, wo so viele Federn sich ein Geschäft! daraus machen, den Charatter der Juden zu verunglimpfen, und ihrer Handlungsweise die eigennützigsten Triebfedern! unterzuschieben, ist es eine würdige Aufgabe, Zeugnisse zu> sammeln, die das Gegentheil erweisen. Wir bekamen in j diesen Tagen die letzte Schrift von George Sand zu! Händen: „vernieres pages par George Sand (Paris 1877).“ ] Unter Anderem befindet sich hier ein Nachruf, welchen die Sand am 8. Mai 1875, gleich nach dem plötzlichen Tode Michel Levy's, auf diesen berühmten Buchhändler geschrieben. Des Mannes wie der Schriftstellerin wegen folge er hier in wortgetreuer Uebersetzung. „Alle Zeitungen berichteten, auf welche erschütternde Weise dieser Mann, der mit einer kräftigen Constitution und einer seltenen Energie begabt war, das Feld seiner Thätigkeit verlassen hat, auf dem er unter den Berühmtesten glänzte. Michel Levy war einer jener Männer von Paris voll Arbeitsfeuer und Geschästsgenie, deren Schöpfungen die ganze Welt erleuchteten, jener mächtigen Werkzeuge der Civilisation, jene wirklichen Kräfte, deren Erlöschen ein Ereigniß für die Allgemeinheit ist. Unter den edleren Industriezweigen steht der Buchhandel in den ersten Reihen. Michel Levy, der mit Mchts angefangen, — und mit Recht rühmte er sich dessen, — gelangte mit einer überraschenden Schnelligkeit zu einem der redlichst verdienten bedeutenden Vermögen, denn die Höhe dieses Vermögens entsprach den ungeheuren Verdiensten, die er fich um die Wissenschaft erwarb; durch ihn und einige seiner Collegcn verbreiteten fich die literarischen Ideen Frankreichs im 10. Jahrhundert nach Außen mit einer bis dahin ungekannten Schnelligkeit und Verschiedenheit der Wege; jedem gebildeten Menschen wurde es möglich gemacht, Frankreich in kürzerer Zeit kennen zu lernen und zu lesen, als sonst Frankreich selbst nöthig hatte, fich zu kennen und sich zu lesen. Die Ausgabe Charpentier, die Ausgabe Michel Levy d. h. die billigen Bücher, die der Masse zugänglich waren, das ist eine! industrielle und literarische Revolutton, die, vom materiellen j Gesichtspunkte aus, den Schriftstellern zuerst bedenklich erschien. J Wenige Jahre reichten hin, um zu erweisen, daß, indem man den Kaufpreis herabsetzte, man eine Welt von Käufern schuf ]Und daß die Männer der Wissenschaft, sowohl hinsichtlich i ihres pecuniären Interesses wie um des höheren Interesses ] ihres Namens willen, fich zu dieser Umgestaltung nur beglückj wünschen konnten.