Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1880)
- Date
- 1880-04-20
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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249 Amerika. New-Hork, im März. Es wird intcressiren, zu lesen, wie in einer der bestredigirten amerikanischen Zeitungen, der New-Aorker Times, über die antijüdische Bewegung in Deutschland und zwar ganz im amerikanischen Geiste geurtheilt wird. Es heißt in diesem Blatte vom 27. Februar: „Uns in Amerika erscheint es seltsam, daß im Jahre 1880 ein solcher Rassenkampf in einem Lande von so großer intellectueller und liberaler Prätension, wie Deutschland, vor sich gehen kann. Das den Juden zur Last gelegte Verbrechen scheint ausschließlich in ihrer financiellen Wohlfahrt zu bestehen. Kein Verbrechen erscheint in den Augen der Erfolglosen so strafwürdig als der Erfolg Anderer. Es wird die Beschuldigung erhoben, daß von den 600,000 Israeliten in Deutschland nur sehr wenige Ackerbau und Industrie betreiben, sondern daß sie den Handel controlliren, den Geldmarkt beherrschen und das Land durch ihren Geldgeiz aussaugen. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich nicht besonders von andern Menschenkindern; sie liegen solchen Beschäftigungen ob, zu welchem sie sich am besten geeignet glauben und woraus sie den meisten Gewinn ziehen können. Sie besitzen die Fähigkeit billig einzukaufen und find deshalb im Stande mit gutem Profit zu verkaufen. Warum sollten sie nun den Handelsstand mit dem des Bauern oder des Arbeiters vertauschen, auf welchem sie sich kaum ernähren könnten? Sie besitzen kein Monopol für ihren Beruf, denn dieser steht ja einem Jeden offen. Der Handel ist ebenso moralisch, ebenso patriotisch als der Ackerbau oder die Industrie. Wären die Juden Deutschlands arm, so würden sie sicherlich nicht solchen Angriffen ausgesetzt sein. Aber sie sind, wenigstens viele von ihnen, sehr reich und dies wird ihnen als Verbrechen angerechnet. Das Vorurtheil gegen die Juden scheint demnach nur eine andere Phase der Frage von Capital und Arbeit zu sein. Es behauptet Niemand, daß die Juden schlechter als andere Leute sind. Die Cultur der Deutschen ist eine verhältnißmäßig junge, und die jetzt herrschende Feindseligkeit gegen eine Raffe, die sich nichts Schlimmeres hat zu Schulden kommen laffen als das Geldmachen, beweist nur, daß dieser Cultur noch Vieles zur Vollkommenheit fehlt. Gemeine Raffenvorurtheile gehören leider selbst in Staaten, die sich aufgeklärt nennen, nicht zu den Seltenheiten, aber das ist merkwürdig, daß fähige und gelehrte Köpfe in Deutschland am heftigsten und unversöhnlichsten für dieses Vorurtheil ohne allen Grund eintreten. Man könnte versucht sein zu glauben, daß da drüben in Deutschland die Zeit um einige Jahrhunderte zurückgegangen ist." Bonn, 11. April. (Notizen.) Die „Germania" läßt sich aus Graz in Steyermark schreiben: Um das schöne Graz in einem noch helleren Lichte erscheinen zu lassen, schreibt man uns von dort: Graz hat 91,000 Einwohner. Unter den 48 Mitgliedern des Gemeinderaths ist kein Jude, desgleichen nicht unter den 34 Mitgliedern der Handelskammer (!!!) Unter den 69 Advocaten ist kein Jude, desgleichen nicht unter dev 20 Actuaren. Unter den 124 Aerzten sind 4 Juden. Bei den 4 täglich erscheinenden Zeitungen ist kein Jude beschäftigt. Unter den 112 Prosessoren, Docenten, Assistenten an der Universität ist 1 Jude. Im Ganzen leben in der Stadt, zu 7/ S in den unteren Ständen, 400 - 500 jüdische Familien." — Nun, wir könnten dem edlen Jesuitenblatte mit einem Berzeichniffe der — nicht Städte, sondern Länder entgegentreten, die „in einem helleren Lichte erscheinen," weil seine Patrone und Ideale, die Jesuiten, daraus verbannt find. — Wie aus Mannheim geschrieben wird, ist vr. Steckelmacher, ein Zögling des Breslauer Seminars, zum Rabbiner der dortigen Gemeinde gewählt. — In Seinand (Araber Komitat) starb am 25 v. M. die 93jährige Wittwe Fanny Schrey er mit Hinterlaffung von 6 Kindern, 65 Enkeln, 85 Urenkeln und 14 Ur-Urenkeln. — Zu unserer Notiz über die Cremieuxfeier in Galatz ist hinzuzufügen, daß das betr. Heft auch die treffliche Rede enthält, welche M. I. Meisels am 24. Febr. gehalten. — In vielen deutschen Gemeinden wurde die am 8. Peßachtage stattfindende Gedächtnißfeier benutzt, um das Andenken des sel. Crvmieux zu begehen; so auch in Aschersleben von dem dortigen Cultusbeamten Japhet in sehr ergreifender Weise. — Vom Rhein, 31. März. (Literarische Notizen.) Die ohnehin beträchtliche Zahl der Arbeiten über biblische Cronologie ist durch eine neue von vr. Theol. Aloys Schäfer vermehrt worden: „Die biblische Chronologie vom Auszuge aus Aegypten bis zum Beginne des babylonischen Exils mit Berücksichtigung der Resultate der Aegyptologie und Assyriologie. Von der theologischen Fakultät zu Würzburg gekrönte Preißschrift. Münster 1879, Adolf Ruffel." Der Fleiß des Berfaffers der vorliegenden Schrift ist höchst anerkennenswerth; mit rühmlichem Eifer war er bemüht, nicht nur die exegetischen Untersuchungen, sondern auch die Forschungen auf dem Gebiete der altorientalischen Geschichte für den schwierigen und viel umstrittenen Gegenstand zu verwerthen, mit dem er sich beschäftigt. Indessen lann man nicht sagen, daß derselbe durch die vorliegende Arbeit wesentlich gefördert worden wäre. Zunächst wollen wir bemerken, daß Herr Schäfer mit einer Konsequenz, welche deutlich die Absicht verräth, keinen einzigen jüdischen Ausleger der h. Schrift oder jüdischen Orientalisten — mit Ausnahme Oppert's, den er freilich nicht umgehen konnte — anführt. Dieser „Antisemitismus" auf wissenschaftlichem Gebiete ist doch ein recht bedenklicher Mangel. Außerdem läßt sich der Berf. Willkürlichkeiten zu Schulden kommen, welche die auf IÜ