Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1880)
- Date
- 1880-04-20
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227302--37977-3307170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
247 den öffentlichen Wahlversammlung seine Ansicht den Jnvectiven der Mehrheit gegenüber offen bekannte und mannhaft vertheidigte. In einer vor Kurzem stattgefundenen Wählerversammlung für eine vacante Senatorstelle ging man so weit, einem Kandidaten vorznwerfen, daß er in der Osterwoche communicirt habe, und dieser Candidat erklärte dies für eine Verleumdung, und brachte die Beweise eines Alibi bei! Es ist möglich, daß dieser schmähliche Vorgang, der einer ultramontanen Inquisition aufs Haar gleicht, zu einem Wendepunkt werde. Denn einige hiesige einflußreiche Blätter treten energisch dagegen auf. Das Echo du Parlement vom i>. April sagt z. B. in seiner entschiedenen Verwerfung solchen Verfahrens unter Anderem: „Nichts würde dem Liberalismus schädlicher sein als derartige Tendenzen. Der Liberalismus ist keine religiöse Doctrin; er ist keiner Religion feindlich; sein wesentliches Ziel ist, den Religionen die Freiheit zu sichern, indem er sie alle innerhalb der Domäne erhält, welche ihnen zugehört. Diejenigen verkennen sowohl die Grundprincipien des Liberalismus als auch überhaupt seine Existenzberechtigung, die ihn in einer bestimmten Religion feindlichen Ansichten bestehen lasten. Das sind Intolerante, Sectirer, und alle Sectirer sind gleichen Werthes. Wir wollen Sectirer der Freidenkerei ebenso wenig mehr wie Sectirer des Clericalismus." Das Blatt bedauert, daß in jener Versammlung sich Niemand gesunden hat, der diese elementaren Wahrheiten auszusprechen den guten Gedanken und Willen gehabt habe. Es ist offenbar, daß es die Furcht vor dem Terrorismus der Freidenker ist, welcher die Menge zu beherrschen und die einsichtsvollen Männer in Furcht zu setzen sucht. Diese werden, hoffen wir, aus ihrer Reserve endlich heraustreten. Wir begegnen überall derselben Erscheinung: sie ist hier die Freidenkerei, wie anderswo das Rationalitätsprincip, die jedwede selbstständige Ueberzeugung mit gewaltsamer Vernichtung bedroht. — Im Auslande ist vielfach die irrige Ansicht verbreitet, als ob durch den vom Staate bewilligten Cultusetat die jüdischen Gemeinden so gestellt find, daß sie der Beiträge ihrer Mitglieder entbehren können. Dies ist durchaus falsch. In Belgien ist das Ordinarium für den israelischen Cultus 10,0<X) Fr. jährlich, was noch nicht * Frcs. auf den Kopf ausmacht. Es ist dies verhältnißmäßig eine hohe Ziffer; aber Jedermann, z. B. in Deutschland, wird wissen, daß hiermit das Budget in großen oder kleinen Gemeinden nicht gedeckt werden kann. Es liegt mir ein lithographirter Rechenschaftsbericht über die Finanzgebahrung der hiesigen Gemeinde im Jahre 1879 und der Voranschlag für 1880 vor. Außer dem Staatsetat hat die Gemeinde im Jahre 1879 bedurft: 45,141 Fr. und der Voranschlag von 1880 berechnet die Ausgaben auf 42,725 Fr. Man sieht, daß die jüdischen Gemeinden durch die von den Radikalen geforderte Aufhebung der Cultusetats in keine große Gefahr gerathen würden. Selbstverständlich sind diese Gemeindebeiträge hierzulande freiwillig; aber es kostet keine besondere Mühe, sie zusammenzubringen. Man erwäge hierbei, daß in den oben angegebenen Ziffern die großen Opfer für das Armenwesen und dessen Anstalten nicht mit einbegriffen sind. Frankreich. Paris, 8. Avril. Ter Independant de Constantine bemerkt: Während bei den Europäern 82 Todesfälle auf 100 Geburten kommen, haben die eingebornen Israeliten nur 52. Die Mäßigkeit und Ernährungsweise der Juden tragen zu diesem günstigen Resultate bei. Auf 1023 israelitische Heirathen zählte man 3 zwischen Juden und Christinnen, und 4 zwischen Christen und Jüdinnen, während 19 Ehen zwischen Muselmännern und Christinnen und 22 zwischen Europäern 'und arabischen Frauen stattfanden. — Von den israelitischen Soldaten aus Algerien, die in Städten Südfrankreichs garnisoniren, kamen 150 zum Peßachseste nach Algier, um das Fest bei ihren Familien zu begehen. -Der Marinekapitän Emanuel Ber ist zum Major in derselben Waffe ernannt worden. Rußland. Petersburg, 1. April. (Privatmitth.) Die hiesigen Blätter haben die Stellung der Juden in Rußland lvieder einmal zum Gegenstände ihrer Polemik gemacht. Diesmal sinden sich jedoch in der öffentlichen Presse ebenso Bertheidiger der Juden wie Angreifer. So z. B. tritt der Golos zum Schutze der Juden kräftig auf und verlangt die volle Gleichberechtigung für sie, wogegen die Nowoje Wremja ihnen die heftigsten Vorwürfe macht. Die Handhabe hierzu giebt die vielbesprochene Frage des Nihilismus. Obschon die Regierungspresse durch ihre Zahlenangaben, die wir in diesem Bl. wiedergcgeben, erwiesen hat, daß, wenn auch die Theilnähme von Juden an der Nihiliftenpartei nach dem Bevölkerungsverhältniß nicht unbedeutend ist, sie doch im Ganzen und für das Ganze geringfügig ist, weil eben die Juden überhaupt nur eine schwache Minderheit bilden, so fahren doch die Judenfeinde fort, auf die Juden den möglichst größten Theil der Schuld zu wälzen. Es zeigt sich eben hier wieder, was überall zu finden ist: die Juden können es Niemandem recht machen. Würde unter den Nihilisten kein einziger Jude erscheinen, so würden dieselben Judenfeinde sie der Feigheit und der völligen Theiluahmlosigkeit an dem im Volke vor sich gehenden Acten beschuldigen und sie so recht als Fremdlinge brandmarken. Jetzt, wo einige Inden unter den Nihilisten auftreten, beschuldigt man sie des verrätherischen Geistes, und frägt, mit welchem Rechte sich diese Fremdlinge in das Leben des russischen Volkes und in dessen Bewegungen eindrängen. Da in der großen Zahl derjenigen, welche sich