Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1880)
- Date
- 1880-04-20
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
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244 Energie den Durchbruch erzwinge. Uebersehen wir jedoch auch nicht, daß die vielfach angefochtene talmudische Form des Judenthums durchaus nicht verkümmernd auf das Geistesleben der Juden gewirkt haben müsse, um sie so nach anderthalb Jahrtausenden der Geistesbildung fähig und nach ihr dürstend erhalten zu haben. Man hat in Deutschland mehrfach versucht, diesen starken Besuch der höheren Lehranstalten durch die jüdische Jugend zu erklären. Man blieb zuletzt bei dem äußeren Umstande stehen, daß die Juden vorzugsweise in den Städten wohnen, ohne zu bedenken, daß die Gymnasien ff. doch auch nur in gewiffen Städten bestehen, so daß die Juden außerhalb derselben ihre Kinder doch auch nach diesen schicken müffen. Man sagte ferner, die Juden seien wohlhabender. Dies ist sicherlich nicht der Fall; vielmehr bringen sie leichter größere Opfer für die Erziehung ihrer Kinder, und scheuen sich nicht, um dieser willen die Unterstützung ihrer Glaubensgenoffen nachzusuchen. Wie dem aber auch sei, ein so großer Procentsatz kann sich nur aus einem mächtigen Bildungstriebe in der Jugend wie in deren Eltern erklären lassen und dieses wollten wir hiermit constatiren. — Daß es in allen diesen Ländern engherzige, von kleinlicher Leidenschaft beherrschte Menschen genug giebt, welche aus dem gedachten Umstande eine Gefahr wittern, eine gewisse Angst heucheln, ist bekannt. Die Vorstellung, daß jede Vermehrung der Volksbildung ein Gewinn für Volk und Gesellschaft, für den Staat und die Nation ist, daß jede höhere Entfaltung schlummernder oder unterdrückter Kräfte dem allgemeinen Wohl dient, liegt solchen Geistern fern. Noch erbärmlicher ist diese Angst, wenn sie von zehn gegen einen empfunden wird, noch dazu, da im christlichen Volke seiner ungeheuren Mehrheit nach dieser Bildungstrieb sich noch unbeschränkt erweitern kann, während er bei den Juden doch wohl schon die äußerste Grenze erreicht hat. Glücklicherweise steht diesen engherzigen Menschen kein Mittel zu Gebote, um den Juden den Zutritt zu den höheren Lehranstalten zu verkümmern. Jeder Einsichtsvolle hingegen wird denselben Geist hegen, welcher jenen erleuchteten Mann beseelte, dessen wir am Ein- I gang dieses Artikels erwähnten. q: i<2AX\^\^<^yV\<X^XAC^CcVY. Deutschland. Berlin, im April (Privatmitth.) Sie haben es der A. Z. d. I. stets zur Ausgabe gestellt, die dem jüdischen Stamme entsprossenen bedeutenden Männer besonders von Seiten ihres Charakters aufzufassen, und für Mit- und Nachwelt zu fixiren. Es geschah dies einestheils, um den aufwachsenden Geschlechten zum Borbild zu dienen, andrerseits um jenem Vorwürfe thatsächlich zu begegnen, den unsre Feinde seit alter Zeit uns zu machen sich gestatten, der Vorwurf des Mangels an Charafter und Charakterfestigkeit. Keiner der hergebrachten Borwürfe ist aber in dem letzten Jahrhundert mehr entwaffnet worden, als dieser, und zwar durch eine glänzende Reihe der edelsten und lautersten Charaftere. Diesen ist auch der eben verstorbene Heinrich Bernhard Oppenheim zuzugesellen, und um dies zu erhärten, mögen einige Worte dreier glaubwürdigster Zeugen aus ihren Reden am Sarge des Dahingeschiedenen angeführt werden. Forkenbeck gedachte in kurzen, von warmer Empfindung getragenen Worten der Bedeutung des Verstorbenen für die liberale Partei, zu deren streitbarsten Bor- und Mitkämpfern er gehörte, deren Sache er in Wort und Schrift von Anbeginn an mit warmer Ueberzeugungstreue geführt, ohne jemals in ihrem Dienste müde zu werden; wie er ein echter, treuer, fördender Freund gewesen, der nie aushörte anzuregen und zu ermuthigen. — Friedrich Kapp hielt eine ergreifende Gcdächtnißrede. Achtunddreißigjährige Freundschaft hatte den Redner mit Oppenheim verbunden, aus dem Lehrer war er ihm zum Freunde, zum Kampfes- und Leidensgenoffen geworden. Aus dieser imtimen Kenntniß des Menschen. Gelehrten und Politiker heraus zeichnete Kapp ein lebenswarmes Bild des Freundes. Er erzählte von dem großen Einflüsse, den Oppenheim schon zu einer Zeit, wo Andere sonst erst zu lernen ansangen, als Lehrer auszuüben wußte, wie seine Schüler an ihm hingen und wie sie heut noch die Erinnerung an die große von dem jugendlichen Docenten ausgegangene Anregung in sich lebendig erhalten haben. Dann sprach er von den Jahren des Kampfes gegen die Reaktion, den Oppenheim mit den schärfsten Waffen des Geistes, mit größter dialektischer Kraft und oft mit hinreißendstem Schwünge in einer Reihe von Schriften gegen die Feinde der freiheitlichen Entwicklung der deutschen Verhältnisse führte. — Zuletzt trat Berthold Auerbach an den Sarg, um als einer der ältesten Freunde des Geschiedenen das letzte Wort zu ergreifen. In dem gastlichen Hause seiner Ellern zu Frankfurt am Main wäre ihm Bernhard Oppenheim zuerst entgegengetreten, als rothwangiger Student, von Göttingen kommend, zu jener Zeit, wo sieben Göttinger Professoren um des Rechtes willen in die Verbannung gingen. Das Recht sei der Speer gewesen, der, wie er nach Homers Spruch den Mann anzieht, so Oppenheim von Jugend auf an sich gezogen und sestgehalten habe. In seinem Leben bis zum letzen Augenblick sei er für die Freiheit und die Humanität eingetreten; ein politischer Mann, mit den offensten