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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-04-20 · Heft 16 (20.4.1880) · p. Seite 243

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 16 (20.4.1880)
Date
1880-04-20
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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243 und warum nicht? weil eben in diesen letzten 60 Jahren dasi Prireip der Gleichheit vor dem Gesetze nicht blos von der! Gesetzgebung angenommen, sondern im Volke zu einem Lebensz Moment geworden ist.. Mögen immerhin durch die jüngste Agitation und die vermittelst derselben verbreitete Stimmung, die socialen Verhältnisse der Juden für eine längere Zeit wieder etwas getrübt worden sein: für die realen und legalen Zustände hat jene sich als ohnmächtig erwiesen. Der DU-ungstrieb in den Inden. Unsere Leser müssen uns gestatten, sie um 55 Jahre zurückzuversetzen, um aus einigen kleinen Zügen den damaligen Standpunkt der Juden hinsichtlich der höheren Lehranstalten sich zurückzurufen, und von da aus einen vergleichenden Blick auf die Gegenwart zu werfen. ES war im Jahre 1325, als Schreiber dieses, ein vierzehnjähriger Knabe, in das Gymnasium der Franke'schen Stiftungen in Halle a. d. S., die Lateinische Schule genannt,' eintreten wollte. Er war der erste jüdische Knabe, der diese berühmte Anstalt, selbstverständlich als Externer, besuchen sollte. Ter Rector des Gymnasiums verweigerte deshalb die Ausnahme. Ich wandte mich daher an den Kanzler der Universität, den berühmten Pädagogen und Theologen Niemeyer, der zugleich Tircctor der gesammten Franke'schen Stiftungen war. Der ehrwürdige Greis nahm mich auf's Wohlwollendste aus, war entrüstet, daß man meine Aufnahme der Religion wegen nur in Frage stellen könne, äußerte sich dahin, daß man vielmehr Alles thun müsse, um die jüdische Jugend den höheren Lehranstalten zuzuführen, decretirte sofort meine Ausnahme und legte, als ich fortging, die Hand segnend auf meinen Kops mit der Mahnung, mich nur zu den guten Schülern zu halten. Dem Andenken des Rectors Dieck schulde ich übrigens zu bemerken, daß er aus diesem Vorgang kein Mißwollen gegen mich zog. sondern sich stets mir freundlich zeigte. Es bestand übrigens damals in Halle eine ziemlich ansehnliche jüdische Gemeinde. In meiner Vaterstadt Dessau wurde das Gymnasium vor inir erst von drei jüdischen Jünglingen besucht, von meinem älteren Bruder, von dem bekannten Philologen Ludwig Marcus, den Heine durch einen Nekrolog verherrlichte, und dem späteren Redacteur der Aachener Zeitung Lax. Als ich acht Jahre später mein Amt bei der schon zahlreichen Gemeinde in Magdeburg antrat, besuchte erst ein Knabe, der zu meinen Confirmanden gehörte, das dortige Gymnasium. In Berlin waren zu meiner Zeit etwa 15 jüdische Studenten, von denen die meisten der Provinz Posen angehörten. Diese kleinen Züge geben uns ein ungefähres Bild, das in Durchschnitt für alle Gegenden Deutschlands gilt. Und nun ein halbes Jahrhundert später? Seit einer Reihe von Jahren zeigen die officiellen Tabellen, daß die Gymnasien. Realschulen und höheren Bürgerschulen in Preußen von der jüdischen Jugend so zahlreich besucht werden, daß sie beinah den zehnten Theil der Schülerzahl cinnimmt, ungefähr 7 mal so viel, wie nach den Bevölkerungszissern aus sic käme. Dasselbe Ergebnis: in den anderen deutschen Ländern und in Oesterreich. Man wird nun meinen, daß dieses Berhältniß eben nur in diesen bildungsreichen, hochcivilisirten Staaten stattfindc. Da werden wir jedoch ans Rußland von ossieiellen Angaben überrascht, welche von einer gleichen Erscheinung unter den russischen Juden Kunde geben. Tic „Nowoje Wremja" ist ein judenseindliches Blatt, daS eine Art Feldzug gegen die russischen Juden führt. In einem Artikel „der Jude kommt'." macht sic aus den Umstand aufmerksam, daß sich ein unverhältnißmäß-g hoher Procentsatz Juden am Unterricht an den mittleren Lehranstalten betheiligt, und aus diesen, von dem herrschenden Stamm selbst verhältnißmäßig am wenigsten benutzten Bildungsstätten Nutzen zieht, lieber den unzweifelhaften Bildungstrieb der Juden freut sich das Blatt gar nicht, sondern geräth vielmehr in Angst, da cs die „russische Eigenart und Sclbssständigkeit" durch die Heranwachsende Generation intelligenter junger Juden gefährdet sieht. Sie theilt nun folgende Tabelle für das Jahr 1x77 mit: in Gymnasien in Realschulen im Ganzen Orthodoxe 32,393 (61 °,„) 7,734 (60 ",40,127 Katholiken 9,925 (18,7 " 2,447 (19,, 12,372 (1S,„" ’ Protestanten 4,511 ( 8 1,250 i 9,.»".J 5,770 ( -V.,.) Juden 5,679(lO,7 1,053 6,732 ( 10,.." „) Wenn man den Procentsatz aus je 100o Einwohner der genannten Eonfessionen nimmt, wird daS Berhältniß noch sichtbarer: Es waren 1877 in Gymnanen in Realschulen im Ganzen Orthodoxe . . la 1,4 Katholiken . . 2„, '>4 Protestanten 3,;; 4,. Juden . . . 4„ 0,7 4,„ Tic Juden lassen sogar die protestantischen Deutschen hinter sich, und die Russen müßten ihren Eifer gerade verdreifachen. um ihren jüdischen Mitbürgern nachzukommen. Wer die ungünstigen äußeren und inneren Verhältnisse der russischen Juden kennt, muß über dieses Ergebnis wahrhaft erstaunen; denn nirgendwo stehen dem jüdischen Jüngling so viele Hindernisse im Wege, um zum Studium zu gelangen, wie in Rußland, lim so mehr leuchtet gerade hieraus der außerordentliche, alle Beschränkungen durchbrechende BildungStrieb im jüdischen Stamme hervor. Dieselbe Erscheinung also durch alle Länder hindurch, im Osten, wie im Westen Europas! Es ist, als ob die so viele Jahrhunderte hindurch eingeschnürte und gefesselte Geisteskraft, da ihr nun ein freierer Raum vergönnt ist. mit um so größerer 16*

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