Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-04-13 · Heft 15 (13.4.1880) · p. Seite 232

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 15 (13.4.1880)
Date
1880-04-13
Page
Seite 232 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227301--37961-3307147
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

232 reiteeinen so langen Zeitraum segensreicher Wirksamkeit hinter sich hat, sort inid fort blühe und wachse. Dresden, l. April. Im Leben wie in der Geschichte tritt nicht selten die Vergeltung in überraschenden Beispielen und Thatsachen hervor, und namentlich die Geschichte der Juden ist reich an Vorkommnissen, welche eine Neberzeugung bekräftigen, die den Leidenden und Schwachen so großen Trost gewährt. Wir geben deshalb einen ausführlichen Bericht über einen hier stattgefundenen eklatanten Vorgang. In Dresden erregt gegenwärtig eine Gerichtsverhandlung , die vor mehreren Tagen stattfand, die allergrößeste Sensation. Man entsinnt sich noch, daß ein Herr vr. Me hnert an der Spitze eines „Reform-Vereins" stand, der ungefähr das bezweckte, was die „Antisemiten-Liga" in Berlin anstrebte und was der Herr Hofprediger Stöcker in seinen Bier-Predigten propagirte. Nun hatte aber über Herrn Dr. Mehnert, den Vorsitzenden dieses „Reform-Vereins" und über dessen Vater, der sich vom Kleinbürger zum Abgeordneten der Sächsischen zweiten Kammer, zum Director des Landwirthschaftlichen Credit-Vereins und zum Millionär „heraufgebracht" hat, die in Dresden erscheinende „Dresdner Zeitung" allerlei Mittheilungen veröffentlicht, welche Herrn Mehnert senior als eine Art von Wucherer darstellten und seinen Sohn als Helfershelfer bezeichneten. Es war eine Reihe von Fällen angeführt, wo Herr Mehnert nicht nur zu wucherischen Zinsen Baugelder dargeliehen, sondern zugleich durch schlau ausgestellte Verträge Personen um ihr Hab und Gut gebracht, von ihrem ländlichen Eigenthum nach und nach vertrieben hatte. Darauf hin hatte Herr Mehnert senior durch den Advoeaten Lesky Klage gegen den verantwortlichen Redaeteur der „Dresdner Zeitung" anstellen lassen. Es wurden verschiedene Personen vernommen, so z. B. ein Ehepaar Delfow, das von seiner Besitzung in Mecklenburg durch Herrn „Bankdireetor Mehnert" vertrieben worden war, indem das Gut, das das Ehepaar ursprünglich besetzen hatte, schließlich durch allerlei Schiebungen an Herrn Mehnert, den Sohn, überging. Die Frau deponirte unter Thränen ihre Aussage, und ebenso wurde eine Reihe von anderen Aussagen vorgebracht, die für die Sache des Herrn Mehnert von niederschmetternder Wirkung waren. Während der Advocat des Klägers für die Berurtheilung des Verklagten plaidirte, ttat der Advocat Richard Schanz für den verklagten Redacteur ein und erklärte ganz offen, nach den neuen Wuchergesetzen wäre Herr Mehnert bereits criminell sttafbar, und wenn hier Mitglieder der zweiten Kammer zugegen wären, so würden dieselben sofort eine ehrengerichtliche Untersuchung gegen ihren „Collegen" verlangen. Das Geschäftsverfahren, das Herr Mehnert beobachtetet habe, sei allerdings ein solches, von dem man behaupten müsse, daß die betteffende Situation in strafbarer Weise ausgebeutet worden wäre. Auf solche Weise habe sich Herr Mehnert vom kleinen Mann zum Millionär heranfgebracht. Der Proceß endete mit der Abrveisung des Herrn Mehnert und seiner Berurtheilung in die Kosten, während der verklagte Redaeteur freigesprochen wurde, unter besonderer Anerkennung Seitens des Gerichts, daß es in der That die Pflicht der Presse sei, derartige Zustände, eine derartige Handlungsweise zu geißeln. Dieser Ausgang des Processes muß natürlich auch zugleich von vernichtender Wirkung für die Stellung des Herrn Mehnert sein. Mehrere landwirthschaftliche Kreisvereine des Königreichs Sachsen hatten bereits erklärt, so lange mit dem landwirthschaftlichen Kreisverein in Dresden außer jedem Verkehr bleiben zu wollen, bis Herr Mehnert zurückgetteten wäre. Jetzt ist der Rücktritt in der That erfolgt. Auch als Abgeordneter wird Herr Mehnert wahrscheinlich sein Mandat niederlegen müssen und ebenso wird er vermuthlich durch die öffentliche Meinung veranlaßt werden, seine Positton als Director des landwirthschaftlichen Creditvereins aufzugeben. Die Entlarvung erregt um so größere Sensation, als eben Herr Mehnert junior, der in diesem ganzen Processe, theils indirect, eben als Sohn seines Vaters, theils direct wegen seiner Theilnahme an den eben beregten Geschäften eine so ttaurige Rolle spielt, an der Spitze desselben „Reform- Vereins" steht, der sich in die Brust warf und voll von sittlichem Pathos erklärte, zum Heil des Deutschen Vaterlandes müsse mit den bösen Juden aufgeräumt werden, weil diese in Handel und Wandel nicht Treu und Ehrlichkeit übten und weil .... es gar vorgekommen sein soll, daß sich Juden sehr hohe Procente haben zahlen lassen. Oesterreich-Ungarn. Pest, 21. März. (Privatmitth.) Daß es bei uns Biele giebt, die mit der Ansicht über die Reden des Abg. Molnär soweit sie das Judenthum selbst betteffen, welche im Leitartikel von Nr. 13 ausgesprochen wurde, nicht übereinsttmmen, crgiebt sich aus den Glückwünschen und Danksagungen, die sowohl von einigen Cultusgemeinden als von zahlreichen Privaten an Molnür gerichtet wurden. Jndeß darf hierbei nicht übersehen werden, daß wohl bei vielen dieser Adressen die Dankbarkeit vorwaltete für die erfolgreiche Art, mit welcher Molnür die Angriffe der „Orthodoxen" auf den Schulfond abwehrte und den Versuchen der Theilung desselben ein Ende machte, während sie seine Auslassungen gegen die Juden und das Judenthum selbst übersehen wollen. Molnär veröffentlicht folgendes Schreiben in den hiesigen Blättern. „Für meine im Abgeordnetenhause in der Frage des israelitischen Schulfonds am 9. und 12. März gehaltenen Reden und den von mir eingereichten Beschlußantrag erhielt ich bis hellte aus vielen Gegenden des Landes, von ifr.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.