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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-04-13 · Heft 15 (13.4.1880) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 15 (13.4.1880)
Date
1880-04-13
Page
Seite 226 (sequence 2)
Language
German
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den Streit Heeren der K irchen in Kampf gerathen ist, und bei aller Neigung, die Religion im Volke zu pflegen, mit der Kirche in unaufhörlichem Hader lebt! Dies in einer Zeit, )vo der Staat alle vorhandenen Kräfte für seinen Bestand und die Erreichung feiner Ziele in Anspruch nehmen und coneentriren muß! ... Es gehört in der That eine außergewöhnliche Leichtfertigkeit und Gewissenslofigkeit dazu, in einer solchen Zeit, unter solchen Verhältnissen einen der festesten Pfeiler des gegenwärtigen Staates Umstürzen zu wollen. Allein diese Leichtfertigkeit und Gewiffenslosigkeit sind erklärlich, weil jene Sophisten es doch nur auf die Juden, diesen achtzigsten Theil der Nation, abgesehen haben, und sie wähnen, durch die erneuerte Ausschließuug derselben den Staat doch nicht zu erschüttern, und weil sie meinen, hierfür die Gesinnung des Volkes gewinnen und ausbeuten zu können. Aber sie verfallen doch in einen großen Jrrthum! Tie Erfahrung hat genügend gezeigt, daß ein großes Rechtsprincip nicht mit sich schachern läßt, daß jede Verletzung desselben sich schnell über das ganze Rechtsgebiet erstteckt, daß die daraus entspringende Verwirrung das Staatsleben zu einem pfadlosen Labyrinth macht, weil eben die theilweise Verletzung das ganze Princip selbst aufhebt. Wie man aber hiermit eine Rechtsverletzung plant, so geht man nickt minder auf eine Verletzung der Freiheit aus, wenn man im Namen der Nationalität, im Namen der nationalen Einheit, d. h. Einförmigkeit, aller Individualität den Krieg erklärt. Die wahre Freiheit besteht darin, daß zwar das Gesetz die Grenzen feststellt, welche für die Machtfphäre des Individuums und der Individualität nothwendig sind, um dem Staate und anderen Individuen keinen Schaden zuzufügen, innerhalb dieser Grenzen jedoch das Individuum und die Individualität die volle Entfaltung des Wesens und der Kräfte zu gewinnen vermöge. Und daß diese Entfaltung der Gesammtheit nur zum Bortheile und in ihrem Dienste geschieht, wer könnte dies leugnen? Besteht doch die Gefammthcit nur aus Individuen, und die Summe der entfalteten Kräfte ist auch die Summe der Gesammtkrast. Eine so und so große Zahl gleichbeschaffener und gleichgeformter Krystalle macht ein großes Stück Krystall, niemals aber einen Organismus aus. Jeder Zwang gegen diese freie Entfaltung der Individualität innerhalb der gesetzlichen Grenzen, jede zwangsweise Herstellung einer völligen Uniformität, aus welchem Motive heraus, sei es die Religion, fei es die Nationalität oder dgl. ist eine Vernichtung der Freiheit, ist Despotismus. So bethättgte sich dieser in den alten Despotien, im spartanischen Militärstaat, in jeder Despotie derHierarchie, und so bethätigt er sich im Socialismus, wo jedes Individuum nichts als ein Spaten, ein Hammer oder sonst ein Werkzeug in der Hand der Gesammtheit sein soll. Ist doch die Nationalität auch nur eine Individualität in großem Kreise der Völker und wir sehen deshalb jede nach universeller Herrschaft strebende Partei, sei es eine polittsche, eine hierarchische oder socialistiscke, gerade den Nationalitäten den Krieg erklären und sich mit vollem Rechte einen internattonalen Charakter beilegen. Es ist ein gemeinsamer Zug dieser Parteien, ebenso jede nattonale wie persönliche Individualität unterdrücken zu wollen. Macht sich nun das nationale Princip deffelben Fehlers, jede, der Natton einverleibte, eingewachsene, in ihr bestehende Individualität ausrotten zu wollen, schuldig: so verletzt und vernichtet sie hiermit die Freiheit, wie es jene thun, wenn sie gegen Nattonalität und Individuum auftteten. Mit der einen Hand die Freiheit fordern, mit der anderen den Despottsmus üben, mit dem einen Rufe für sich die unbedingte Freiheit verlangen, mit dem anderen zu Zwang und Gewaltthätigkeit auffordern, um nichts zu dulden, was dem Eiferer nicht in sein System zu paffen scheint, ist ein so greller Widerspruch, daß ihn eben nur die leidenschaftliche Verblendung nicht erkennt. Es ist daher ganz daffelbe Vorgehen, welches wir oben auf dem Rechtsgebiete beobachteten, das hier, auf dem nationalen Boden, in jüngster Zeit abgespielt wird, und man thut dies mit derselben Leichtfertigkett, weil man gegen eine Minorität, gegen das Judenthum, ins Feld zieht. Es ist nach unserer Meinung ein Jrrthum, wenn man der modernen Cultur eine Nivellirungssucht zuschreibt, welche alle Verschiedenheiten unter den Menschen zu beseitigen strebe. Aus den Zeiten des Alterthums und der mittelalterlichen Uncultur hatten sich große Existenzen herausgebildet, die sich mit einer Mannichfalttgkeit grober Formen und mit einer Masse von Wahn, Aberglauben und Tyrannei bekleidet und erfüllt hatten. An diese Formen und an diesen Inhalt legte und legt die Cultur ihre Hand, um sie zu beseitigen. Dafür weckt sie das eigentliche Wesen und den gedanklichen Gehalt jener Existenzen zu neuem Leben, welches sich naturgemäß auch in reineren und minder auffälligen Formen ausgestaltet. Bei diesem Proceß walten überall dieselben Gesetze, das Gesetz der Vernunft, des Geschmacks, der Eingliederung in das Allgemeine, des Zeitbedürfniffes ob. Nicht also auf die Erscheinungen selbst legt sie die Hand, sondern nur auf das, was die Uncultur aus ihnen gemacht hatte, und wodurch sie zum Gegensatz mit der Allgemeinheit geworden, während sie gerade das Leben und die Lebenskraft dieser geschichtlichen Erscheinungen verjüngte und erfrischte. Dies ist es, was auch mü dem Judenthum geschah und geschieht. Wir leugnen ja gar nicht, daß dasselbe unter dem Einfluß des mittelalterlichen Geiste? und unter der furchtbaren Mißhandlung, die es erfahren, in seinen Formen und an seinem Inhalt Mancherlei angenommen hatte, was der Cultur widerspricht, was also auch der Nationalität ungeeignet erscheinen muß. Würde daher das Judenthum noch heute aus seiner mittelalterlichen Stufe und

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