Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1880)
- Date
- 1880-04-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.; Diese Zeitung erscheint wöchentlich j einmal in 2 bis 2»/» Bogen. Preis I Vierteljährig 3Marl. Inserate werden! 1 mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren | ' Raum berechnet, j Alle Postämter (Postzeitungsliste 1 Rr. 35) und Buchhandlungen nehmen! I Bestellungen an. Herausgegeben von Nabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag van Banmgärtuer's Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit 12 Mark berechnet. In redactionellen Angelegenheiten! wende man sich an Or. £. phuippfon in j ] Bonn: hinnchllicb der Inserate an R. > Moffc in Leipzig und denen Iilialcn! i in Berlin, BrcSlau :c. . Znlcralc, welche bis Donnerrtag eingeben, finden in der darauffolgenden Rüuiiner! [ Berücksichtigung. 44. Jahrgang. Leipzig, den 13. April 1680. A'o. 15. . Inhalt. Leitende Artikel: Eine neue Propaganda gegen das Judenrüum. II. — Tie Confcrenzverhandlungen in. Budapest. — »zettungsnachrlchten: Deutschland: Berlin, Wolfenbütrel, Dresden. — Oesterreich-Ungarn: Pest, Wien, Brünn. — Rußland: Petersburg. Marokko: Paris, Madrid. — Bonn. Notizen, Literarische Notizen. — Feuilleton: Änlipessimisti>'che Denksprüche. •£ci fc t iDc tl : li l:ct’. Bonn, 7. April. Eine nette Propaganda gegen das Zudenthnm. ii. In unserer Zeit, wo die Sophistik wieder die Oberhand gewonnen, kann es nicht ausfallen, daß auch der große Rechtsgrundsatz der Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen ohne Berücksichtigung der Religion und Consession von den extremen Parteien wieder angegriffen und bekämpft, von Pseudoliberalen, die ihren Uebergang zu den Conservativen verdecken wollen, wie Herr v. Treitschke und Genossen, bemängelt und unterwühlt wird. Der Ultramontanismus und der ihm verwandte protestantische Pietismus sind hiebei offen und entschieden, und glauben auch der Begründung und Beweisführung nicht zu bedürfen. Der Syllabus stellt einfach diesen Staatsrechtsgrundsatz aus die Liste der Anatheme. Ihm gegenüber erklärt ebenso einfach der europäische Areopag im Berliner Congreß denselben Grundsatz als die erste Bedingung jedes Culturstaates. Aber jene Pseudoliberalen versuchen es dennoch, dieses Bollwerk des Rechtsstaates, das der Ultramontanismus nicht zu erstürmen vermag, durch ihre Sophistereien zu unterminiren und später in die Luft zu sprengen. Nach ihnen steht es „im Ermessen des Staates, politische Rechte zu gewähren und zu entziehen," als ob einem I solchen „Ermessen" die rechtliche Grundlage fehlen dürfe, wenn es nicht zu jeder Art von Willkür und Unterdrückung führen soll. Nach ihnen war es „eine bedauerliche Doctrin, daß der Staat in der Gewährung der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte von der Religion abstrahiren müsse." Es verficht sich, daß, wenn diese polirischen Phrasenmacher augenblicklich noch nicht bestimmte Folgerungen ans jenen Sätzen ziehen, für sie dies nur eine Frage der Oportunität ist. Sie gedenken sie so oft zn wiederholen und zu variiren, bis das große Publikum sie allmälig wie ein Schwamm die trübe Flüssigkeit in sich ausgenommen hat. Der Staat soll also wieder eine Staatsreligion anerkennen, dann eine Slaatskirche, wie z. B. ein Anderer den Protestantismus für die deutsche Religion, also für die deutsche Reichskirche erklärt, woraus dann die Ausschließung aller Andersgläubigen aus der Verwaltung und von allen politischen Rechten naturgemäß folgt. Im Hintergründe steht wieder die consessionelle Inquisition, die, wenn auch nicht Kerker und Scheiterhaufen, doch Mittel und Mittelchen zu Zwang und Truck genug besitzt. Und dies in einer Zeit, wo die freie Bewegung des Geistes und die freie Forschung zur Lebenslust alles geistigen Thuns und Schaffens geworden, von welchem doch wieder alle übrigen Lebensfunctionen des Staates und der Gesellschaft abhängen! Dies in einer Zeit, wo in allen Religionen und Confessionen zahllose Individuen sich über die kirchlichen Dogmen und Formen hinausgesetzt haben, und sich in keine Zwangsjacke wieder zurückbringen lassen! Ties in einer Zeit, wo der Staat in fast allen Eulturländern mit 15