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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-04-06 · Heft 14 (6.4.1880) · p. Seite 216

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 14 (6.4.1880)
Date
1880-04-06
Page
Seite 216 (sequence 8)
Language
German
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2lß Mi« Deutschland. I ©erlitt, 18 März. (Privatmitth.) Zwischen dem evangelischen Oberkirchenrath und der ultramontanen Presto ist ein bitterer Streit ausgebrochen. Der erstere hatte einige Notizen über Ueber- und Austritte zu und aus der evangelischen Landeskirche publizirt, wonach die Uebcrtritte von Katholiken zu dieser höchst zahlreich, die Bekehrung von Protestanten zur katholischen Kirche aber äußerst gering erschienen. Dies machte in den katholischen Kreisen großes Aufsehen, und man bestreitet nun in den ultramontanen Blättern die Richtigkeit jener Angaben, indem man aus einzelnen Provinzen Zahlen herbeischafft, die das gerade Gegentheil beweisen, die von dem Oberkirchenralh angegebenen Zahlen aber auf die Kinder gemischter Ehen bezieht. Nun, so hätten wir das Recht, die Angaben des Oberkirchenraths hinsichtlich der Juden ebenfalls zu bezweifeln, wonach im verfloffenen Jahre ungefähr 70 Juden zum Protestantismus und nur 5 Protestanten zum Judenthume übergetreten seien. Die kirchlichen Organe sind gar nicht im Stande, dies zu verifiziren, und am wenigsten controllirt zu werden. — Bei Gelegenheit der Enthüllung des Luisendenkmals ertheilte der König mehreren, an der Herstellung jenes besonders betheiligten Personen Ordensauszeichnungen, darunter auch vr. Straßman, der den Rothen Adlerorden IV. Kl. erhielt. — Der Reichstag beschäftigt fich gegenwärtig vorzugsweise mit volkswirthschaftlichen und sozialen Gegenständen, wie: Wuchergesetz, Gewerbeordnung und wahrscheinlich auch bald Tabaksmonopol. Welcher Ansicht man auch über diese Gegenstände sein mag, so kann der Einsichtige es nur billig finden, daß diese, prinzipiell längst entschiedenen Fragen noch einmal praktisch durchgeprüft werden. Denn in unserer Zeit kann das, was schädliche Wirkungen hervorbringt, nicht lange im Dunkel bleiben, und wo daher ein Rückschritt gemacht wird, zeigen sich die Folgen bald so klar, daß derselbe sich nicht lange halten läßt. ©erlitt, 19. März. Zn den Männern von Autorität, welche fich gegen die judenfeindlichen Auslastungen des Herrn v. Treitschke nachdrücklich ausgesprochen, gehört auch Carl Bogt, und es darf deshalb sein Wort in diesem Blatte nicht.fehlen. Er that dies in einem Feuilleton über das neugewählte Mitglied des französischen Senates Broca. Memand wird in Carl Bogt voraussetzen dürfen, daß er fich von einer besonderen Vorliebe für die Juden leiten ließe. Was ihn daher zu dieser gelegentlichen Aeußerung veranlaßte, war nur seine alte und getreue Antipathie gegen Alles, was Borurtheil und Unterdrückung bedeutet. Er sagt: „Wird man von dem Treiben Treitschke's, das in directem Gegensätze zu jedem Fortschritte steht, eine neue zic^ lei a. Aera des christlich germanischen Rechtsstaates datiren? Vielleicht bildet sich der edle Ritter das ein und glaubt die öffentliche Meinung in Deutschland ebenso irreführen zu können, wie zur Zeit, wo er in patriotischen Phantasien den gläubigen Philistern weismachte, die Elsäffer stürben förmlich hin in Sehnsucht nach Vereinigung mit dem deutschen Reiche. Aber solche Tendenz . . . Wahrheiten nennt man „exzessiven Patriotismus," und besten Vertreter ist Herr H. v. Treitschke, christlicher Urgermane. Wie man freilich als solcher Treitschke heißen kann, ist ein Räthsel, so gut wie eine Urzechc den Namen Rieger führen kann. Das Wort „Treitschke" kann seinen Ursprung nur aus der rastelbindenden Slovakei oder der Lausitz herleiten, schwerlich aber aus germanischem Stamme. Nun, es wäre nicht unangemessen, in dem Bölkergemische Europas nach den Stammregistern jedes Geschlechts zu suchen, aber wenn der von Slaven herrührende Germane den von Hebräern gezeugten Deutschen ihre Race an den Kopf wirft, so ist es doch wohl erlaubt, auf seinen Ursprung etwas näher einzugehen. Wenn ich mir aber die Sache recht klar zu machen suche, so komme ich auf zwei Gründe des Treitschke'scken Zornes, die mir mit denen Chesnelong's und anderer bretonischer und ultramontaner Kämpen gegen Broca eine innige Verwandtschaft zu haben scheinen. Treitschke ist der Vertreter des uckermärkischen Krautjunkerthums, das sich in den nordpreußischen Gutsbesitzern spiegelt- Der gefährlichste Feind dieser ritterlichen Claffe ist aber der sparsame, fleißige und zugleich geschäftsgewandte Jude. Einer nach dem andern dieser Ritter fällt ihnen zum Opfer, und alle Anstrengungen, welche Fürst Bismarck macht, um diese über ihr Vermögen hinaus leben wollenden Leute durch Korn- und Holzzölle flott zu erhalten, können die allmählige Verarmung und Depostedirung nur etwas verlangsamen, aber nicht hemmen. So fällt auch ein Peterspfennige steuernder, von der Klerisei ausgesogener Ultramontaner in Frankreich nach dem andern. Dann ist aber Herr v. Treitschke Profeffor, und bis vor wenigen Jahrzehnten war die Universität, in Preußen wenigstens, das Monopol der christlichen Gelehrten. Wie anders ist dies jetzt geworden! Die Conkurrenz der semitischen Race in den höheren Unterrichtsanstalten wird immer größer: ihre Angehörigen sind unleugbar rühriger, sie fasten schneller diejenigen Fragen auf, in welchen man fich einige Notorietät erwerben kann, und sind durch ihre Wohlhabenheit oder die Unterstützung, die ihnen von ihren Glaubensgenossen gerne gewährt wird, weit befähigter, die Hungerzeit des Privatdozententhums zu übersteheu. Ganz dasselbe Verhältniß in Frankreich mit den Protestanten, die ebenfalls mehr und mehr in die Fakultäten und Universitäten ein-

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