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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-04-06 · Heft 14 (6.4.1880) · p. Seite 214

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 14 (6.4.1880)
Date
1880-04-06
Page
Seite 214 (sequence 6)
Language
German
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214 wenn Deäk und Zsedsnyi noch da wären, die Lösung der Frage und auch Redners Position viel leichter wäre. Möge das Haus im Geiste dieser Männer beschließen und eingedenk des Spruches „Justitia regnorura fundamentum“ des Redners Beschlußantrag annehmen. Ueber die Abstimmung haben wir bereits berichtet. Können wir mit den Resultaten derselben zufrieden sein, so hat doch die Debatte selbst verstimmend gewirkt. Nicht zu übersehen ist, daß gerade die Urheber der ganzen Verhandlung, die Orthodoxen, am schlimmsten wegkamen: sie haben nichts erreicht und find vielfach geschmäht worden. Die Kammermajorität sprach sich entschieden dahin aus, daß die Erträgnisse des Fonds vorzugsweise für Anstalten venvendet werden, welche dem Geiste der Zeit entsprechen. Das Rabbinen- Seminar hat die größte Anerkennung gefunden. Möge die Zeit auch das bald wieder beschwichtigen, was unsere Feinde vorzubringen und aufzustacheln sich bemühten! (S. noch unten die Zeitungsnachricht aus Pest.) Der Choral in -er Lyuago-e? Eon Siegfried Graf. Lehrer und Cantor in Essen. Herr L. Blumenau in Bielefeld spricht sich in Nr. '6 d. Z. d. I. in ziemlich warmen Worten für den deutschen Choral in der Synagoge aus. Hat diese Gattung Kirchenmusik wirklich eine Berechtigung in der Synagoge? Ich muß mich entschieden dagegen erklären. Zur Begründung sei mir zunächst ein historischer Rückblick gestattet. Es war in den ersten Jahrhunderten, als der christliche Gottesdienst fundamentirt werden sollte, ein großer Mangel an gottesdienstlichen Tonschöpfungen vorhanden. Die Bischöfe sahen sich deshalb genöthigt, auf die noch vorhandenen Melodien der Juden zurückzugreifen, und als diese nicht ausreichten, wurde sogar zu griechischen Melodien Zuflucht genommen. Obgleich hervorragende Geistliche sich des Kirchengesanges angenommen durch Einführung der Antiphonien (Wechselgesänge), der Re sponsorien (der vom Vorsänger angestimmten und von der Gemeinde mitgesungenen Gesänge), sowie durch Gründung von gottesdienstlichen Gesangsschulen, so war doch noch keine feste Ordnung im Äirchengesange, bis der Erzbischof Ambrosius von Mailand, der in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts lebte, energisch eingriff und einen Gesang voll melodischen Schwunges, belebt durch rhythmischen Wechsel, in dem die einzelnen Stimmen kunstvoll verwebt waren, einführte. Dieser Gesang wurde von der ganzen Gemeinde gesungen und heißt der Ambrvsianischc Kirchengesang. In den darauf folgenden Jahrhunderten verlor dieser Gesang an der alten würdevollen Einfachheit, und um den Kirchengesang vor Verweltlichung zu bewahren, trat etwa zwei Jahrhunderte später der Bischof von Rom, Gregor d. Gr., auf und schuf den langsam fortschreitenden, taktlosen, gleich tverthige Töne enthaltenden Gesang, welcher von einem Chor — weshalb der Name „Choral" —, und nicht wie bei Ambrosius von der ganzen Gemeinde, gesungen wurde. Dieser Gesang heißt der Gregorianische Kirchengesang, oder auch cantus planus oder tirmus. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte wurde dieser einstimmige Gesang (vorzugsweise durch den Mönch Hucbald aus dem Flandrischen und Franco von Cöln) zu einem mehrstimmigen. Das waren die Grundlagen des Contrapunktes. Es kommt die Zeit, irr der die kirchlichen weltliche Weisen erzeugen, wo in Deutschland die Minnesänger, in Frankreich die Troubadours, in England die Minstrels auftreten. Die Kirchenmusik war (nicht zu ihrem Vortheil) nicht mehr die einzige Gattung von Tonkunst, welche gepflegt wurde. Das Verdienst, den Choral zu einem deutschen Gemeindegesange umgeschaffen zu haben, gebührt Luther. Er schaffte den lateinischen Text ab und legte dafür einen deutschen unter. Die Begeisterung für die neue Lehre hatte, wie jede große bewegte Zeit — denken wir nur an die Freiheitskriege oder an den letzten französischdeutschen Krieg — viele Blüthen der Poesie hervorgebracht, und diese Lieder wurden unter die bekanntesten weltlichen Volksmelodien gelegt, so z. B. unter „Jnspruck, ich muß dich laffen" u. m. a. Die Blüthezeit des Choralgesanges ist die Zeit von der Reformation bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Große Meister schufen Choräle, so Johann Eccard, Hans Leo Häßler, Michael Praetorius, Schein und Scheidt und Schütz (die drei großen S damals scherzweise genannt) und vor Allem Johannes Crüger. Ich brauche wohl nicht näher auf dieselben einzugehen, denn in jedem Choralbuche findet man von diesen Chorälen zur Genüge. Die Zeit des dreißigjährigen Krieges wirft auch hier ihre Schatten. Seit den ersten Decennien des 17. Jahrhunderts schwindet mit der Begeisterung und Kraft in den Dichtungen auch diese in der Musik. Nach dem westphälischen Frieden übte das französische Wesen nicht allein auf Sitten, sondern auch auf Wissenschaft und Kunst einen nachhalttgen Einfluß aus. Durch die Oper, die aus Italien kam, wurden die Schöpfungen auf dem Gebiete des Kirchengesanges zurückgedrängt oder nicht genügend beachtet. Selbst die Choräle Seb. Bach's, des größten aller Meister und aller Zeiten der Kircheninusik, in welchem die evangelische Kirchenmusik ihren Höhepunkt gehabt hat, konnten nur wenig Eingang in die Kirche finden. Seit etwa anderthalb Jahrhunderten ist die Choraltonkunst im Rückgänge begriffen. Haydn, Mozart, Beethoven, Mendelssohn haben zwar viele unsterbliche Kirchenmusikwerke geschaffen und die alten Choräle darin verwerthet oder für

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