Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1880)
- Date
- 1880-04-06
- Page
- Seite 213 (sequence 5)
- Language
- German
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213 bildung jedes Juden leben." Er sagt: „Aber abgesehen von dieser wechselseitigen Abneigung der Juden und Nichtjuden gegen die eheliche Verbindung frage ich: Wie denken Sie sich die Fusion im Wege der Civilehe? Sie werden doch nicht durch die Gesetzgebung decretiren wollen, daß jeder nichtjüdische Mann eine Jüdin und jeder Jude eine Nichtjüdin heirathen müsse! (Lebhafte Heiterkeit.) In dieser Weise würden Sie vielleicht den Zweck erreichen und die Judenfrage wäre bald gelöst. Nur würden nicht die Juden in den Christen, sondern im Gegentheil die Christen in den Juden, in dieser constanten, conservativen Raffe ausgehen. (Ludwig Mocs-lry ruft dazwischen: Jonas würde den Walfisch verschlingen!) Sie würden wohl also die Verbindung zwischen Inden und Nichtjuden der freien Entschließung der Betreffenden überlaffen. In diesem Falle berechtigt uns nichts zu der Voraussetzung, daß zwischen Juden und Nichtjuden mehr Chen geschloffen würden, als zwischen den verschiedensten christlichen Confessionen geschloffen werden. In dieser Hinsicht sehen wir, daß die Zahl der gemischten Ehen wahrlich sehr ge ring ist. Die Fusion der Juden mit uns von der Panacee der Civilehe erwarten, hieße demnach so viel, als an dem Körper unserer Gesellschaft den Krebsschaden sich einsreffen lasten, so lange, bis wir Nichtjuden von den Juden ans allen Positionen verdrängt, allen Vernkögens beraubt, zu Sclaven der Jndenheit Herabfinken (Heiterkeit) und der vom Talmud verkündeten jüdischen Ausrottungs-Politik zum Opfer fallen." Wir brauchen solche Extravaganzen nur einfach wiederzugeben, da sie ebenso wie die Heiterkeit des Hauses nur auch die unfrige hervorzurufen vermögen. Dem Präsidenten des Hauses war es dennoch ein wenig zu viel und er forderte ihn auf, zum Gegenstand zurückzukehren. Zu welchem Hokns- Pokus sich dieser Mann verirrt, dafür nur noch ein Beispiel: „Ich frage: was nützte es dem armen Polen, daß feine Juden polnisch redeten? (Heiterkeit. Hört!' Dieser Umstand bat die Juden nicht verhindert, das polnische Volk materiell und moralisch zu ruiniren, die Macht des polnischen Staates gleich den Holzwürmern nach und nach zu zernagen, so daß der zerfreffene Baum dann unter der Einwirkung des Sturmes, der über ihn kam, würdelos in den Staub sank." Das ist wahrlich eine neue Geschichtsanschauung, und es ist zu verwundern, daß die Geschichtsschreiber, auch die polnischen selbst, wenn sie das letzte Jahrhundert des polnischen Staates, die polnischen Parteien, die Verwirrung und Corrumpirung des polnischen Reichstages und die Theilung Polens durch die drei Großmächte beschreiben, keine Ahnung hatten, daß dies Alles leerer Schein und nur die Juden die Urheber aller dieser großen und traurigen Ereignisse gewesen seien! Am Schluffe erhebt sich Jstoczy zu emem Vorschläge an die ganze Welt: „Die ungarische Regierung solle eine Vereinigung aller Staaten bewirken, um die Judensrage zu lösen." Dieser Antrag scheint aus der Ministerbank keinen Anklang gefunden zu haben, denn man beantwortete ihn von derselben aus nur mit Stillschweigen. Auch die Deputirten jüdischer Religion, und dies ist etwas ganz Anderes, hatten kein Wort der Erwiderung. Jndeß fanden sich doch einzelne Redner, welche aus Jstoczy's Jnvectiven ein Streiflicht warfen. So der Abg. Hermann, der die Charakterisirung des jüdischen Stammes durch Jstoczy als eine Erfindung desselben bezeichnet. Neben den guten hätten die Juden auch schlechte Eigenschaften, die nach dem Gesetze der Entwickelung durch den Druck, der aus ihnen andertbalb Jahrtausende gelastet, entstanden sind und in der Freiheit wieder verschwinden werden. Blasius Orbän: Die Juden müssen nicht — wie Jstoczy es verlangt — aus Ungarn verjagt, sondern durch die Bande der Brüderlichkeit, der Gleichheit, der Civilehe an uns geknüpft werden. Redners Sympathien gehören den Neologen, weil diese mehr als die ^Orthodoxen der Cultur und Civilisation zuneigen. Baron Arpud Medn yänßky erklärt sich für den Antrag Ladislaus Hegedüs'. Er kommt auch auf Jstoczy zu sprechen und sagt, im Saale der ungarischen Gesetzgebung müsse man sich hüten, solche ungerechte Angriffe und Beschuldigungen vorzubringen, wie Jstoczy es wiederholt gethan. Sympathien oder Antipathien, die nran außerhalb dieses Hauses hegt, darf man nicht ins Haus hereinbringen. Jstoczy ist so scharfsichtig, daß er bei jeder Spekulation den Juden sieht, der hinter dem Christen steht; aber er ist zu kurzsichtig, um den Christen zu sehen, der vor dem Juden steht. In der Schlußdebatte nahmen die verschiedenen Antragsteller noch einmal das Wort, wobei Moliwr abermals gegen die Orthodoxen polemifirte, und die Tendenzen der Schomer- Hadath zur Jsolirung der Juden und namentlich die berüchtigten Expectorationen des Reb Hillal denuncirte und Stellen daraus vorlas. Ihm trat Mocsüry entgegen, nachdem er Jstoczy geantwortet hatte. Er kann die Judensrage nicht als eine Machtfrage, sondern lediglich als eine sociale Frage betrachten, deren Lösung nicht die Aufgabe des Parlaments, sondern die der Gesellschaft ist; letztere könnte die > Frage nur so lösen, wenn sie statt der Ausrottungstheorie, das Princip: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst" zu ihrem Wahlspruch machen würde. Gegen Jstoczy bemerkte er: Das Treiben solcher Leute wie Reb Hillel sei vom nationalen und culturellen Gesichtspunkte nicht zu fürchten, denn ihre Lehren dringen in die Massen nicht ein. Man hat hier mehrfach aus die Schwierigkeiten der Lö sung dieser Frage hingewiesen. Redner ist überzeugt, daß