Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1880)
- Date
- 1880-04-06
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
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212 erfüllen, wie alle anderen Mitglieder des Staates ünd des Volkes, die aller Orten ihren Gottesdienst nach den Erfordernissen der Zeit umgestalten, die in wachsender Zahl gerade die absondernden Ritualsatzungen aufgeben, wer will diese mit den Juden des vorigen Jahrhunderts vergleichen? Aber dies Alles genügt Euch nicht. Ihr leugnet, oder ignorirt wenigstens diese ganze Entwickelung und thut, als ob Ihr immer noch die Juden der Ghetti vor Euch hättet. Warum? weil Ihr eben das Judenthum selbst auszurotten strebt! Eine jede Religion muß eine äußere Erscheinung, eine gewisse Form, eine Berkörpcrttng haben. Eine Religion, welche in nichts als in drei oder vier abstrakten Sätzen bestände, hätte eben keinen Bestand und, was noch viel wichtiger, keine Wirksamkeit auf die ihr zugehörenden Individuen. Diese Form, diese Verkörperung beruht aber durchaus auf traditionellem Boden, wo sie aus dem Wesen der betr. Religion herausgewachsen ist. Ohne diesen hat sie weder Gehalt noch Dauerhaftigkeit. Tie "Natur der Tradition enthält aber ebenso das Moment der Erhaltung, das konservative, wie das der Entwickelung, das reformatorische. Es ist durchaus falsch, wenn man die Tradition blos als das starre Festhalten des Ueberlieferten ansieht; ste ist zugleich die Fortbildung aus dem gegebenen geschichtlichen Boden nach den Veränderungen des Geistes und der Verhältnisse. Das neuere Judenthum hat dies vollkommen bethätigt; es lost sich nicht und kann sich nicht lösen von seinem geschichtlichen Untergrund, aber es giebt sich zugleich der Entwickelung hin und fördert diese mit aller Kraft. Alle aufrichtigen Freunde der Freiheit und des Rechts, des Fortschritts und der Fortbildung werden sich daher sagen: die Juden der Neuzeit sind auf dem richtigen Wege, und wir müssen ihnen Zeit lasten, daß sich die Wirkung ihrer Bestrebungen immer mehr auf die gesammte Maste ausdehne. Bekanntlich geht in unsrer Zeit Alles sehr schnell. Statt dessen machen sich die Eiferer für das Nationalitätsprinzip auf, was sie nur irgend noch Eigenartiges an den Juden aufzuftnden vermögen, als antinational zu brandmarken, es als das Wesen des Judenthums zu erklären und gegen dieses den Kampf bis auf's Messer anzukündigeu. Hiergegen noch einige Betrachtungen. (Lchluß folgt.) Verhandlungen im ungarischen Äbgeordnetenhause. IT. Die Discussion wogte über das Für und Wider hinsichtlrch des bisherigen Verfahrens der Regierung und betreffs der Theilung des Fonds oder der Erträgnisse zwischen Orthodoxen und Neologen hin und her. Es traten Bertheidiger der Orthodoxen aus, welche die Angriffe Molnärs auf sie zu entkräften suchten. Letzteres that besonders Mocsäry Er behauptet, daß zwischen den Neologen und Orthodoxen in der That ein dogmatischer Unterschied bestehe, beruft sich auf die Gutachten angeblicher rabbinischer Autoritäten, die sich gegen das Congreß-Statut aussprachen. Wenn man sagt — meint Redner dann — am besten wäre es, den Juden den Fond ols Reisespesen nach Palästina auszufolgen, so möge man nur glauben, daß die Auswandernden noch nicht bis Sorokf-lr gelangt wären und wir sie schon zurückrufen würden, denn wer sollte uns Privaten und dem Staate Geld borgen? (Heiterkeit.) In der Kleidung soll ein Beweis der Unkultur unserer Orthodoxen liegen? Soll der Orthodoxe seinen Kaftan mit dem Frack vertauschen? Hat z. B. Csanüdy, weil er die nationale Tracht nicht ablegt, keinen Sinn für die Cultur? (Heiterkeit.) In den Speisevorschriften findet man, namentlich Moln-lr, auch einen Beweis für die Uncultur der Orthodoxen? Sollen sie Speck und Schweinefleisch essen gleich uns? Hat Baron Sennyey keinen Sinn für die Cultur, weil er die Fastenvorschriften streng einhält? (Heiterkeit.) Daß die Orthodoxen keine Scheu vor der Cultur haben, beweise unter Anderem der Umstand, daß in Nngvär unter den 600 Schü lern des dortigen Gymnasiums 200 und unter den Schülern der Gemeindeschule 50 Prozent Juden seien. — Leskö verlangt , daß das Zahlenverhältniß zwischen Orthodoxen und Neologen statistisch eruirt und darnach das Fonderträgniß vertheilt werden solle. — Hoffmann sagt unter Anderem: Was geschah aber auf dem Congreffe? Statt der Einheit wurde die Trennung sanctionirl. Man muß das im Jnterste der Israeliten, im Interesse des Vaterlandes sehr bedauern. Man möge die Tragweite der Vertheilung des Fonds wohl ins Auge fassen; sie würde die Kluft noch erweitern. Das Haus möge dazu durch seine Beschlüsse nicht beitragen. Redner hat das Vertrauen, daß was immer geschehe, die Spaltung unter den Israeliten mit der fortschreitenden Cultur aufhören werde; es werden die Contraste sich ausgleichen, um so eher, wenn man sieht, daß das Abgeordnetenhaus nicht geneigt ist, seinerseits die Spaltung 'zu patronisiren. Das Hauptinteresse im Verlaufe der Debatte nahm Victor Jstoczy ein, der sich selbstverständlich die Gelegenheit nicht nehmen ließ, statt über den Schulfond zu sprechen, > wieder einmal eine judenftesserische Rede vom Stapel zu lassen. Sagte er doch gleich von vornherein, daß ihm die ganze Angelegenheit gleichgültig sei, er es sich aber zur Aufgabe gestellt, die Juden als eine besondere „Menschengattung" zu bezeichnen, und die Judenfrage für eine Machtsrage zu erklären. Er polemisirt zunächst gegen die Meinung, daß durch die Einführung der Civilehe die Juden aufhören würden, „eine besondere Kaste" zu bilden. Auch in Frankreich sinv die Mischehen selten. Denn „die Juden wollen nicht auf jene kühnen Weltherrschaftspläne verzichten, die in der Ein-