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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-04-06 · Heft 14 (6.4.1880) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 14 (6.4.1880)
Date
1880-04-06
Page
Seite 211 (sequence 3)
Language
German
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211 ein Stück Landes mit italienischen Einwohnern besitzt, ist die! zwingende Ursache zum Unterhalt gewaltiger Heere, und es i erinnert an die Zeit des Faustrechtes im Mittelalter, wenn j jedes Land sich mit einer Brustwehr von Festungen und Forts < gegen die Nachbarn umgiebt, so daß jetzt selbst die neutrale , Schweiz alle Zugänge zu ihrem Lande mit Befestigungen, 1 jede Schlucht und jedes Thal mit Wällen und Gräben versehen will. Der Friede Europa's hängt immer wie an einem Haare und die Nationen schauen besorgt nach den politischen Centralpunkten ihrer Gegner. Dasielbe Feldgeschrei selbst auf dem gewerblichen und kaufmännischen Gebiete: Schutz der nationalen Arbeit wird zn einem Losungsworte, das die Völker antreibt, sich die schwersten Lasten aufzuerlegen, um die Concurrenz der anderen Nationen abzuwenden. Alles dies zu der Zeit der Dampfkraft und der Electricität, wo man die Berge durchbohrt, um die Communication der Völker untereinander möglichst zu erleichtern. Aber auch im Inneren solcher Staaten, deren Bevölkerung aus verschiedenen nationalen Elementen besteht, sahen wir das Nationalitätsprinzip zn den heftigsten Kämpfen Veranlassung geben, und noch hat es lange nicht sein letztes Wort gesprochen. Der Pole in Galizien unterdrückt die Ruthenen, der Czeche in Böhmen will die Deutschen unter seinen Herrscherstab beugen; der Magyar will die an Zahl stärkeren Slaven innerhalb der Grenzen der Stephanskrone und ebenso die Deutschen in Siebenbürgen beherrschen und mundtodt machen, während der österreichische Deutsche die Suprematie über alle diese Ratio ° nalitäten sich bewahren will. Der Ire conspirirt gegen den Engländer, von dem er sich in den wichtigsten Interessen seiner Insel benachtheiligt hält. In Belgien will der französirte Wallone den Flamländer überwältigen und in Deutschland strebt man Polen und Dänen zu germanisiren. Wir sehen also, wie dieses Nationalitätsprinzip, das so erfolgreich, so unentbehrlich für die Entfaltung des nationalen Wesens zur höchsten Blüche, für die Concentrirung aller nationalen Kräfte, für das Bewußtsein der Einheit und der Zusammengehörigkeit wirkt,- dadurch, daß man es zum einzigen Faktor alles politischen, socialen und intellectuellen Lebens machen will, zu Haß und Zwietracht nach außen und innen, zu tiefer Schädigung aller anderen Elemente des Menschenthums in seiner Einseitigkeit und Herbe führt. Dieses Nationalitätsprinzip ist es nun auch, welches als ein neues Mittel der Propaganda gegen das Judentum ins Feld geführt wird. Man behauptet, daß das Judenthum unverträglich sei mit der Nationalität, daß es dem Anschluß der Juden an das nationale Wesen auf's Schärfste entgegenwirke, und daß es daher beseitigt, von den Juden aufgegeben werden müsse. Herr v. Treitschke sagt: Das deutsche Volk ist durchaus ein christlich-religiöses, und will daher in Staat und Gesellschaft kein dem fremdes Element dulden. Cohen sagt: Die deutsche Nationalität deckt sich mit der deutschen Religion, und diese ist der Protestantismus. Am offensten und schärfsten spricht sich der Magyar Molnür aus: ihm ist das Judenthum ein Separatismus, ein Partikularismus und darum dem Bla gyarenthum feindlich, es muß vernichtet, aller seiner spezifischen Formen beraubt werden. Was diese drei Herren so aussprechen, findet in weiten Kreisen Bei stimmung und wird für lange Zeit ein Losungswort sein. Freilich bedachte Molnür nicht, daß ans demselben Grunde die Juden, die in ihrer Mehrzahl unter der slavischen Bevölkerung Ungarns seßhaft sind, der slavischen Nationalität, in Kroatien der kroatischen sich zuwenden müßten, so daß also im eigenen Lande die nationalen Gegensätze nur verschärft würden. Allein wir haben es hier nicht mit Speziellem zu thun. Jede Religion ist ihrer Natur nach in ihren Grundzügen universell. Sie hat es mit Gott, Welt, Menschentbum und Erscheinungen der Natur zu thun. Wir können zugeben, daß die Religion in den einzelnen Völkern eine gewisse nationale Nuancirung annimmt; das Wesen derselben wird dadurch nicht berührt. Das Christenthum, der Islam, der Buddhismus sind durchaus universell und haben zahllose Völkerschaften in ihrem Schooße vereinigt. Was man auch sage, die Versuche, Nationalkirchen zu schaffen, sind bis jetzt gescheitert. Man brachte selbst „Landeskirchen" nur nominell zu Stande. Auch das Judenthum ist universell; als reiner Monotheismus kann es gar nicht anders sein. Die ersten und die letzten Seiten unsrer heil. Schrift sprechen cs unumwunden aus. Aber auch äußerlich giebt es sich so. Unter alle Völker zerstreut, hat es unter und mit diesen gelebt, soweit man cs ihm nur gestattete; es hinderte die Juden nirgends, sich den Nationen überall anzuschließen, soweit diese es duldeten. Die Juden nahmen unter den verschiedenen Nationen ein national verschiedenes Gepräge an, so daß die spanischen, französischen, englischen, deutschen, polnischen, russischen, orientalischen Juden in Charakter, Sitte und selbst im Ritus wesentlich differiren. Und diese Wandelungen gingen in Zeiten vor sich, die längst hinter uns liegen, in Zeiten der Ausschließung und Verfolgung. Wir sehen also im Judenthum gerade dieselben Erscheinungen, wie in den anderen Religionen: das Grundwesen ist universeller Natur, nimmt aber auf den verschiedenen Kulturstufen und innerhalb der verschiedenen Nationalitäten prägnante, der Nationalität entfließende Nüancirungen an. Dies hat sich denn auch in der neueren Zeit ' so thatsächlich erwiesen, daß es nur der Verblendung und Feindseligkeit der Parteien möglich ist, es zu verkennen. ' Wer will in den eigentlichen Kulturländern die modernen Juden, ■ die z. B. überall viel mehr Kinder in die höheren Lehranstalten schicken, als aus ihr Bevölkerungsverhältniß käme, die auf i jeder Lebensbahn bereits ihre Vertreter haben, die alle :j Pflichten gegen Vaterland und Staat mit gleicher Hingebung 14*

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