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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-04-06 · Heft 14 (6.4.1880) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 14 (6.4.1880)
Date
1880-04-06
Page
Seite 210 (sequence 2)
Language
German
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boreben. Hierzu gesellte sich fast die gefammte Literatur, welche bas Bekehrungsgeschäft der Juden in der manigfaltigsten Weise betrieb, und das vielbewegte Leben mit dem Drange seiner materiellen, sozialen und intellektuellen Verhältnisse. Allen diesen Versuchen, all' dieser Entfaltung wir tungsreichster Motive widerstand das zerstreute, jedes Mittelpunktes und Zusammenhanges entbehrende Häuslein, nur gehalten durch die tiefeingewurzelte religiöse Ueberzeuguug, die sich zugleich zu einer geschlossenen Lebensnorm ausgestaltet hatte. Daß eine solche Neberzeugungstreue ihre volle Berechtigung in sich trage, ja daß dieselbe im Dienste der Menschheit selbst zur Erhaltung der reinen Gotteslehre, des wahren Monotheismus und des aus diesem fließenden moralischen und sozialen Gesetzes stehe, diese Einsicht brach sich schließlich eine Bahn und gelangte in der Gegenwart immer öfter zum Ausdruck im Munde unparteiischer Zeugen. Aber so nachhaltig wie die Abwehr, ebenso unermüdlich ist der "Angriff, und nicht blos auf religiösem, sondern auch auf politischem und sozialem Gebiete wendet jede neue Erscheinung entweder die verlockende Hand oder die scharfe Waffe, oder beide zugleich alsbald gegen das Judenthum. Es kann daher nicht auffallen, daß bei der jüngsten Bewegung gegen die Juden, wie sie in Deutschland auf's heftigste auftrat, in anderen Ländern schwächer nachklang, die Bekehrungslust sich verspürbar machte. Neben der Denunziation, die sich auf das Judenthum richtete, machte sich auch die Bertheidigung verspürbar, die darauf hinauslief, den Juden den Weg zeigen zu wollen, auf welchem sic all' diesen Hetzereien, Feindseligkeiten und etwa daraus folgenden Mißhandlungen entgehen könnten. Einen schwächlichen Versuch der Art machte der Missionär Caffel, indem er zugleich die modernen Juden der Religions- und Gcmüthlofigkeit be züchtigte. In ansprechenderer Weise gingen die Führer der freireligiösen Gemeinden vor, welche die welthistorische Mission des Judenthums anerkannten, die Juden wegen ihrer Treue gegen dieselbe lobten, jene aber nun in die freireligiöse Ge meinschaft aufgehen sehen wollten. Eine bemerkbare Wirkung kann dies nicht haben; aber eine viel stärkere Propaganda trat und tritt in dem bis zum Extrem sich gestaltenden Nation alitätsprin zip auf. Daffelbe hat in der Gegenwart eine so große Geltung erlangt und ist so energisch in die Machtsphäre cingedrungen, daß es unsre ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen muß. Wir datiren nicht von gestern, wie die gewaltigsten Schreier des Nationalitätsprinzips in der Gegenwart. Der Schreiber dieses kann darauf Hinweisen, daß er in seinen literarischen wie publicistischen Arbeiten — wir verweisen z. B. auf unsre Schrift: „Die Resultate in der Weltgeschichte" (Baumgärtner 1860) — seit fünf Decennien der Entwickelung des nationalen Wefens das Wort geredet, daß er stets seine Glaubensgenossen in den verschiedenen Ländern auf dem Wege zu fördern und anzuspornen gesucht hat, ans welchem sie sich immer mehr in das nationale Wesen der Völker, zu denen sie gehören, versenken, sich ihm anschließen und es in sich aufnehmen; er hat stets gerade die Fortschritte auf dieser Bahn und die Thalsachen, in denen sie sich bekundeten, mit Vorliebe verzeichnet, und, soweit er es vermochte, zu allgemeinerer Kunde gebracht. Wir haben niemals das Wesen des Judenthums hiermit in Widerspruch gesehen, und die innerste Natur der Juden selbst zu dieser Liebe für das vaterländische und nationale Wesen besonders geneigt erkannt. Wir erachteten, daß die Juden aller Länder, was sie in der Neuzeit errungen, der allgemeinen Cultur und besonders der nationalen, in welcher jene sich zur eigenartigen höchsten Bildung entfaltet, zu verdanken haben, somit ihr Heil nur in dem innersten und innigsten Anschluß an dieselbe finden. Dies sind alles Ansichten und Lehren, die wir nickt seit gestern, nicht seit zehn Jahren, nicht seit dem Wiederaufflammen des deutschen Nationalbewußtseins, sondern seit 18.83 ununterbrochen vortrugen und einschärften, natürlich nicht blos für die deutschen Juden, sondern für jedes Culturland, auch für Rußland so gut wie für Frankreich, für Ungarn, wie für Italien. Wir glauben daher vor der Anschuldigung sicher zu sein, als ob wir der Obherrschaft und Entwickelung des nationalen Wesens weniger zugethan oder gar zuwider wären und irgend einer Ausschließlichkeit huldigten, wenn wir uns gegen die Extravaganzen des Nationalitätsprinzips, wie sie jetzt geltend gemacht werden, offen erklären. Wie jedes große, ja für die Menschenseele heilige Prinzip seine Grenzen hat, die leicht überschritten und zu großem Nachtheil der Wahrheit, des Rechts und der Sitte verrückt werden können; wie die Religion, wie die Liebe zur Kirche zu hierarchischen Zwecken, zu Druck und Verfolgung Andersgläubiger gcmißbraucht; wie die Freiheit zur Anarchie, zum Terrorismus, zum Nihilismus getrieben; wie die sociale Gerechtigkeit zum Communismus und Socialismus zugespitzt werden kann, und dadurch diese großen Prinzipien zur Verwilderung und Verwüstung entarten: so kann dies auch mit dem Nationalitätsprinzip geschehen und geschieht mit ihm. Betrachten wir zuerst seine Wirksamkeit auf dem politischen Gebiete, so hat, seitdem in den letzten dreißig Jahren das Nationalitätsprinzip außerordentlich geschärft, das Nationalbewußffein in den Völkern zur stärksten Triebfeder geworden, dieses die europäischen Völker in eine große politische Spannung gebracht. An die Stelle der Territorialkriege, welche der Absolutismus unaufhörlich geführt hatte, sind die Narionalkriege getreten und bedrohen Europa mit steter Gefahr. Der Haß der Völker gegen einander, der gerade die thatkräftigsten und mächtigsten Culturstamme beherrscht, der Haß der Ruffen und Franzosen gegen die Deutschen und umgekehrt, der Italiener gegen Oesterreich, so lange dies noch

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