Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1880)
- Date
- 1880-03-30
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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204 entschieden nicht zur Kirche! Der hoffnungsvolle Sprößling beharrt noch ungeachtet aller Vorstellungen und Drohungen der Eltern bei seinem Entschluß; und ohne über die Vorwürfe seiner Lehrer wegen ungenügender Leistungen viel Kummer zu empfinden, beschäftigt sich der halbwüchsige Sekundaner mit einem Dutzend Schriften nichtverjudeter Autoren über die bekanntlich nichtsemitische Äffentheorie und verwandte Ideale. Als höchstes Ziel seines Ehrgeizes hat er sich die Abfaffung einer Broschüre gegen die Semiten und — die geistlichen und weltlichen Semitenverehrer der Kirche gesetzt. Seit einiger Zeit aber haben die Eltern die Expectorationen über „Semitenthum und Berjudung" eingestellt; nur hin und wieder sprechen sie über die Erhabenheit der Psalmen und Aehnlichcs, wobei das kluge Söhnchen höchstens über die Semitenverhcrrlichung der Eltern mitleidig lächelt. — In einer andern Familie hatte sich eine confessioncll gemischte Gesellschaft zusannnengesundcn, die sich unter Andern: Ansicht, nicht allein über das betr. musikalische Werk, sondern über die alten Synagogenmelodien, ausgesprochen von einem solchen Meister und ausgezeichneten Kenner der Musikgeschichte, ist von hohem Interesse. Hiller sagt: „Ein Prachtwerk in jeder Beziehung! Und ein schönes Zeichen unserer befreienden Zeit. Die viel geschmäheten Gesänge der durch Jahrhunderte verachteten Synagoge liegen uns hier vor, in einer Ausgabe, die durch Schönheit, Klarheit, Vornehmheit, schon dem flüchtigsten Blicke imponirt. Welcher Fortschritte in der Denk- und Gefühlsweise der gebildeten Welt bedurfte es, um Derartiges möglich zu machen! Und wie erfreulich ist es zu hören, daß ein schwedischer Reichstagsabgcordneter, Dt. Hedlund, der Hauptförderer der Veröffentlichung war, die an 6000 Mark kostete und von Breitkopf & Härtel so hergestellt wurde, wie man eS von diesem berühmten Hause stets zu erwarten berechtigt ist. Zahlreiche Collegcn des Verfassers haben es vielfach auch über die Broschüren gegen die Juden unterhielt. Der | ausgesprochen, daß die Leistung desselben eine ganz außer- Hausherr, lutherischer Confession, bemerkte zu großer Befrie-! ordentliche sei — ebenso anerkennenswerth durch den Fleiß, digung aller Anwesenden, Rohling gelte bei ihm als zuverlässiger Gewährsmann. In eben dem Augenblicke stellt sich dem galanten Familienhaupt sein Neffe, ein sehr geachteter Arzt in einem Nachbarorte, vor und schließt sich auf seine Einladung der Gesellschaft an. Der Hausherr lenkt das Gespräch auf die Bestrebungen des Papstes, und rühmt dessen Duldsamkeit. „Mit Verlaub, lieber Onkel", entgegnet der Arzt, „über diesen Punkt denke ich anders; Papst Leo hat dem Jesuitenmcntor Rohling ein ehrendes Handschreiben zugehcn lassen, der in seinem Buch über den „Antichrist" wörtlich schreibt: „Wohin der Protestantismus seinen Fuß setzt, verdorrt das Gras, geistige Leere, Verwilderung der Sitte, schauerliche Trostlosigkeit der Herzen sind seine Früchte; ein Protestant, der nach Luthers Recepten lebt, ist ein Ungeheuer; Vandalismus und Protestantismus sind identische Begriffe". Schließest du etwa von jener Auszeichnung eines Mannes wie Rohling auf die Duldsamkeit des Papstes?" Tableau! Das Leben wiederlegt die Unwahrheit oft ssegreicher als — Gegenbroschüren. der dazu gehörte (er hat 15 Jahre daran gearbeitet!) als durch die Kenntnisse, das Urtheil, den Geschmack, den sie erforderte. Sie stimmen darin überein, daß dieser „praktische Borbeter" unter allen bis jetzt erschienenen Gesängen für die Pflege und Beibehaltung des traditionellen Gesanges und der in den Synagogen eingeführten Riten, unbestritten den höchsten Werth besitze. Ter geübtere Cantor findet darin die deutsche uud polnische Vortragsweise streng und correct* auseinander gehalten und consequent durchgeführt, der ungeübtere aber eine sichere Anleitung, eine Schule von unschätzbarer Bedeutung. Von der Großartigkeit des Werkes wird es eine Idee geben, wenn man hört, daß an 1500 Gesänge darin enthalten sind — mit den Anmerkungen und dergl. umfaßt es 358 Folioseiten. Neben dem specisischen Nutzen, der dieser Sammlung beiwohnt, ist sie aber für den Tonkünstler eine Quelle auserlesener Genüsse, stets neuer erfrischender Anregung. Viele I der hier vorliegenden Gesänge sind von so rührendem Ausl druck, andere von so kindlich reinem Charakter, wieder andere - i von so großartiger Kraft, daß sie ergreifend wirken, wenn : man auoj, wie cs meistens der Fall sein wird, von den vermischtes. Textesworten nichts zu enträthseln vernrag. Sie scheinen oft Melodien, wie sic sich, improvisirt dem Herzen entreißen Ferdinand Hiller über die -synagogengesängc. unfc man begreift kaum, wie sich solche Tonergießungeu lieber den Werth eines alten Besitzthums wissen oft; durch lange Jahrhunderte fortpflanzen konnten, ohne je aufdiejenigen am wenigsten zu urtheilen, denen es angehört. So geschrieben worden zu sein. Und nun die Originalität einer auch betreffs unsres ererbten synagogalen Melodienschatzes, großen Anzahl derselben! Unsere musikalische Denkweise ist Wir halten es daher für angethan, eine Kritik Hiller's über heutigen Tags so vollständig beherrscht von unserer modernen den Baal T'Fillah von A. Baer in Gothenburg wiederzu- Harmonie, daß wir uns, ohne derselben entzogene Grundgeben, die in Nr. 52 der „Gegenwart" enthalten war. Die lagen, kaum mehr eine Melodie vorftellen können. Hier