Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1880)
- Date
- 1880-03-30
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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203 lich daselbst während des Gottesdienstes derartige Ruhestörungen und Ungehörigkeiten vor, daß auf erhaltene Anzeige sich das Kreisamt zu der erwähnten Maßregel veranlaßt sah, wofür die israelitische Gemeinde den Polizeidiener besonders honoriren muß. Wegen des gegebenen Aergernisses meiden viele Israeliten die dortige Synagoge jetzt gänzlich. — In der vorigen Woche wurde das gepachtete Betlokal der Kultusgemeinde Altsohl von frevelhaften Händen erbrochen und aus der Bundeslade zwei Thorarollen, eine silberne Hand und zwei Betmäntel entwendet. Bei dem Umstande, daß der Tempel nur am Samstag besucht wird, ist es nicht möglich zu konftatiren, in welcher Nacht der Diebstahl ausgeführt wurde. Die Veröffentlichung dieses Falles dürste vielleicht auf die Spur des Thäters führen. Man schreibt uns aus Moringen 15 März: Der Banquier Jonas Loeb Hierselbst hat bei der Hochzeitsfeier seiner Nichte der hiesigen Stadt die Summe von fünfzehntausend Mark nebst der Bestimmung geschenkt, die Zinsen jährlich zur Hebung der Handwerke und Unterstützung der sie Betreibenden zu verwenden. Bonn, 21. März. (Literarische Notizen.) Soeben erschien (Leipzig, Beit & Comp. 1880:) „Geschichte des Preußischen Staatswesens vom Tode Friedrichs des Großen bis zu den Freiheitskriegen. Bon Martin Philippson. 1. Band. Dieses Werk ist bestimmt, eine recht fühlbare Lücke auszufüllen durch die, aus den maffenhaften archiva- .lischen Schätzen geschöpfte Darstellung des inneren Staats¬ und Volkslebens Preußens in einer bis jetzt mehr in den äußeren politischen Berhältniffen gewürdigten Periode. Die gedachte Zeit ist aber um so intereffanter, als es gilt, die Entwickelung treu zu zeichnen, welche der preußische Staat von dem „aufgeklärten Despotismus" bis zur constitutionellen Berfaffung dicht heran nahm. Um den Geist zu bezeichnen in welchem dieses Werk verfaßt ist, mögen wir hier einige Worte aus der Borrede anführen, und zwar um so eher, als sie mit dem übereinstimmen, was wir jüngst gegen die Aeußerungen Treitschke's hinsichtlich des Geschichtsunterrichts in der Simultanschule äußerten: „Der Verfasser hat geglaubt, nichts beschönigen und vertuschen, sondern die Vergangenheit des Vaterlandes nach bester Ueberzeugung und Erkenntniß darstellen zu müssen; er ist kein Freund jenes Patriotismus, der sich in einseitiger Behandlung der geschichtlichen Dinge gefällt. Wenn die Geschichte eine Wissenschaft sein soll — und das ist doch sicherlich Meinung und Wunsch aller derjenigen, die sie um ihrer selbst willen betreiben, und sie nicht i zur Magd politischer, sozialer oder religiöser Bestrebungell! erniedrigen wollen — so muß die Wahrheit, die offene und! rückhaltlose Wiedergabe der durch unparteiische Forschung ge- > wonnenen Resultate ihr eigenes Ziel und ihre ausschließliche! Bestimmung sein." Und weiterhin: „Was soll aber aus der -Geschichte werden, wenn jede Nation, jede Partei sie ausi schließlich von ihrem Standpunkte und in ihrem Interesse! darstellen will? Wir sinken dann tiefer als je in das Chaos zurück, aus den uns die historische Kritik dieses Jahrhunderts glücklich erlöst hatte." Der vorliegende Band erstreckt sich ungefähr bis 171)0. Es ist in demselben auch ein Kapitel der Lage der Israeliten unter Friedrich Wilhelm II. gewidmet. (S. 373 ff.) Durch die Freundlichkeit des Berf.'s waren wir im Stande, dieses Kapitel bereits 1878, S. 2O3ff. mitzutheilen. — Soeben erschien: „Semiten und Arier." Zweiter Brief an Herrn Adolph Stöcker von Moses Oppenheimer (Mannheim, Selbstverlag.)" Wir haben des sehr wackern ersten Briefes seiner Zeit gedacht, und dieser zweite steht dem ersteren an Klarheit der Beweisführung und an Bündigkeit des Ausdrucks nicht nach. Er ist gegen die Auslassungen Stöckers im Abgeordnetcnhause in der Sitzung vom 11. Februar gerichtet, und sucht besonders das Falsche, Erfundene, weder wissenschaftlich noch biblisch. Begründete, biblisch am wenigsten — in dem Gegensatz von Semiten und Ariern nachzuweisen. Dies ist freilich schon öfter geschehen; aber diese Leute lassen immer einen solchen Gemeinplatz nicht wieder fahren, so lange er ihnen einen Schein einer Waffe darbietet. — Keuilleton. Collectanea von Dr. Aroner, Rabbiner in Brandenburg a. d. H. 3. Selstbestrafung. Die Wahrheit des salomonischen Spruchs: „Wer Unrecht säet, wird Unthat ernten, (22,8.) kann wohl nicht augenfälliger illustrirt werden als durch folgende Genrebilder aus der jüngsten Zeit des Judenhasses: Eine Familie kannte nichts Angelegentlicheres, als über „Semitenthum und Berjudung" weidlich zu schimpfen, und die Eltern waren überglücklich, von ihrem Sohne, einem sehr mäßig begabten Gymnasiasten, darin überboten zu werden. Eines Sonntags, als sich die Familie zum Besuch der Kirche anschickte, sagte der Knabe, der sich — zur Freude der ihn „zum Geistlichen geboren" wähnenden Eltern - sonst eifrig daran betheiligte, den erstaunten Angehörigen, daß er zu Hause bleiben werde. Nach dem Grunde gefragt, antwortete er: So lange unsere religiöse Literatur verjudct ist, so lange in der Kirche die Psalmen des Semiten David gesungen und andere Semiten dort verherrlicht werden, gehe ich 13'*