Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1880)
- Date
- 1880-03-30
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Niederlage im Abgeordnctenhause so wenig wie durch die gegen ihn erschienenen Broschüren abschrecken lassen wird, seine Rolle weiter zu spielen, ließ sich voraussetzen. Ter Mann hat erreicht, was er wollte: er hat sich einen Namen gemacht und Anhänger erworben, welcher Art diese auch seien. Ja, er kann selbst meinen, sür sein Genre von Religiosität durch den Judenhaß einige Propaganda zu machen. Hierzu weiß er geschickt Alles zu benutzen, was über und gegen ihn geschieht; Alles giebt ihm die Handhabe, seine Person in den Vordergrund zu schieben. Zunächst verwendet er die „Abende der christlich-socialen Arbeiterpartei", um seine „Judensrage" wieder in Fluß zu bringen. Die Sache ist bereits in ihrer Nngesährlichkeit erkannt, aber die hiesigen Zeitungen geben doch, zumal um Stöcker zu characterisiren, ausführliche Berichte darüber, und aus demselben Grunde gebe ich hier den Bericht der „Nationalzeitung" mit den Bemerkungen, die sie hinzufügt: „Die am Freitag Abend im großen Saale der „Berliner Flora" (Friedrichstraße 2lNj stattgehabte Versa mm lung der christlich-sozialen Arbeiter-Partei war überaus zahlreich besucht. Mehrere Pastoren und Lehrer und viele Israeliten waren anwesend. Am Borstandstische hatten neben Hofprediger Stöcker und Pastor Distelkamp, Missionsdirektor Dr. Wangemann und Prediger Hapke Platz genommen (!!). Den Vortrag des Abends hielt Hofprediger Stöcker über: „König Hiskias, die Volksschule und der Berliner Fortschritt." Redner kam zunächst aus die betreffende Abendsitzung des Abgeordnetenhauses vorn 11. Febr. und seine „Abschlachtung" oder „moralische Vernichtung" durch den Abgeordneten Hänel zu sprechen und fand von diesen parlamentarischen Vorgängen den Uebergang zu der „gemeinen Posse", die in der vorigen Woche, also in unserer Passionszeit", der Verein „Eulenspiegel" vor einem glänzenden Kreise, der fast nur aus reichen, sogenannten gebildeten Inden und Jüdinnen bestand, aufgcführt habe. (Rufe: Es waren auch Christen dabei'.» Leider Gottes waren auch einzelne Christen in dieser Gesellschaft. Ein gottvergessener Mensch hat im Tatar und Päffchen 'einen evangelischen Geistlichen dargestellt, eine Kapuzinade gehalten, in welcher Worte Christi spöttisch angeführt sein sollen und dazwischen ans einer Schnapsflasche hin und wieder getrunken. (Rufe: Pfui!) Das waren die feinen Juden und Jüdinnen von Berlin. (Pfui!) Dieser Vorfall gab Herrn Stöcker Veranlassung zu höchst leidenschaftlichen Auslassungen gegen Juden und Judenthum und er kam „nach dieser nothgedrungenen Einleitung" endlich zum Thema des Abends, dem Könige Hiskias. „Es schien mir bezeichnend, so sagte er, daß von einer biblischen Geschichte, welche im Bertram'schen Lehrbuch für die Oberstufe der Berliner Elementarschulen erzählt ist, kein einziges Kind irgend etwas wußte. Die Geschichte ist im Abgeordnetenhause am 11. Februar Abends, wie sie wissen, dem Gelächter preisgegeben, — zu meinem großen Bedauern, denn ich halte dieselbe sür eine der ernsthaftesten, wichtigsten, majestätischsten Geschichten des ganzen alten Testaments. Die Geschichte vom König Hiskias ist das gewaltigste Zeugniß von der Macht des Gebets. Ich habe über diesen Gegenstand eine Menge von Postkarten, Briefen, Telegrammen voll Spötte reien und Kindereien erhalten, lauter Beweise, daß es eine Menge von albernen Menschen in unserem Volke giebt. Da neben habe ich auch die Genugthuung, daß sehr Viele diese schöne Geschichte nachgelesen haben und daß König Hiskias in unserem an Bibelkenntniß so armen Volke wieder bekannter geworden ist. Gleich am folgenden Morgen ging im Abge ordnetenhause die einzige Bibel, welche dort in der Bibliothek ist, von Hand zu Hand. Ich vermutye, daß es auch in andern Häusern vielfach so geschehen ist. Unserem Könige Friedrich Wilhelm IV. war die Geschichte der Genesung Hiskias ein ungemeiner Trost. Ich sagte in jener Abgeordnetenfitzung vom 11. Februar: „Die Klassiker gehören nicht in die Volksschule." Lessing und Herder sind viel zu schwer für die zweite Klasse einer Elementarschule; jede Minute, die darauf verwandt wird, ist Zeitverlust. Gut lesen, rechnen, schreiben, zeichnen, richtig sprechen, tüchtig in Bibel und Katechismus bewandert sein, das ist das Wichtigste. Nimmt man die Elemente der Geometrie und Naturkunde noch dazu, so ist dies das Höchste, was sich in einer Volksschule leisten läßt Zu nichr reicht weder die Zeit noch die Kraft der Kinder aus. Der Redner schloß mit einer längeren Kritik eines Leitartikels der „Vossischen Zeitung". Eine Stimme aus der Versammlung: Ich bitte ums Wort! Moritz Jsaacksohn! (Gelächter.) Vors. Stöcker: Meine Herren! Ich kann nicht wiffen, ob die Unterbrechungen von Mitgliedern oder Gästen ausgehen, ich muß Sie aber dringend ersuchen, auch jeden Gegner ruhig anzuhören. — Herr Jsaacksohn: Ich muß zunächst erklären, daß der junge Mann, der im Verein „Eulenspiegel" den Geistlichen nachahmte, kein Jude, sondern ein Katholik ist. (Heftiger Widerspruch. Ruf: Ein Jude war es!) Jsaacksohn: Es steht fest, jener junge Mann ist Katholik. Herrn Hofpredigcr Stöcker ist dies aber sehr gleichgültig, er benutzt dieses Vorkommniß als Waffe gegen die Juden. Aus solcher Basis beruhen alle Angriffe, die Herr .Hofprediger Stöcker gegen die Juden geschleudert hat. (Großer Lärm, Rufe: Raus! raus! Weitersprechen!) Hofprcdiger Stöcker: Ich muß Sic daraus ausmerksani machen, Herr Jsaacksohn, daß die Jndenfrage heute nicht zur Debatte steht. Ich habe die Judenfrage nur ganz leise gestreift, im Uedrigen habe ich nicht behauptet, daß jener junge Mann im Verein „Eulenspiegel" ein Jude gewesen ist. Wenn Sie also nickt zum vorliegenden Thema sprechen wollen, so kann ich Ihnen das Wort nicht weiter gestalten. — Jsaacksohn: Das Judenthum ist nicht blos heut, sondern in fast allen Ihren Versammlungen