Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1880)
- Date
- 1880-03-30
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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199 Unternehmen schon nach seinem Umfang bedeutend ist, daß es aber, falls die erforderliche Unterstützung seitens des Publikums nicht fehlt, doch in nicht gar ferner Zeit zu Ende geführt werden kann, da der Verleger (Otto Schulze in Leipzig) jede zwei Monate eine Lieferung herauszugeben verspricht; in welchem Falle die ganzen Midrasch Rabboth ungefähr drei Jahre ge brauchen würden. Wir haben schon so oft Gelegenheit gehabt, > uns über den Charakter und die Bedeutung der Midraschliteratur auszusprechen, daß wir dies heute unterlassen können. Wer durch diese Uebersetzung zuerst in den Stand gesetzt wird, diesen zweiten großen Zweig der nachbiblischen jüdischen Geistesthätigkeit kennen zu lernen, der wird erstaunen über die Fülle des Materials für freie Auslegung der h. Schrift, das hier aufgehäuft ist; der wird sich angezogen fühlen, einerseits von der Naivität, von der Unbefangenheit der Interpretation, die neben dem Peschat, d. i. dem einfachen Wortsinn mit reinster Gläubigkeit sich in das Labyrinth willkürlicher Auslegung versenkt, andererseits von dein außerordentlich reichen Schatze religiösen, moralischen und poetischen Stoffes, der hier aufgespeichert worden. Nicht zum wenigsten wird der Unkundige hier gewahren, welch' eine große Zahl gedankenreicher und gefühlvoller Männer der jüdische Stamm in den Jahrhunderten, während derer die in dieser Samm- \ lung zusammengestellten Exegesen entstanden, hervorgebrachl j hat, und wie bei aller Mannichfaltigkeit der Geister doch derj selbe Genius sie beherrschte. Der neueren Zeit lag cs nahe,! ihre Aufmerksamkeit dem agadischen Theil der talmudischmidraschischen Literatur zuzuwcnden, während dieser in den vergangenen Jahrhunderten vor der Beachtung und Bearbeitung der Halacha zurückgesetzt worden. Religiöse und moralische Dogmatik, Geschichte und Bolkspoesie haben an sich und als freiere Bewegung des Geistes für uns höhere Bedeutung erlangt als das in der Bearbeitung erschöpfte Material der Halacha, deren umfänglicherer Theil die praktische Verwendung längst verloren hat. Allerdings fällt es unserer Gewöhnung, an den rationellen Wortsinn des Schriftwortes scstzuhalten, oft schwer, die Auslegungsweise des Midrasch zu goutiren und zu würdigen. Besonders muß man beachten, daß der Midrasch selbst in seiner Ausdrucksart nicht immer wörtlich, sondern nur figürlich, allegorisch zu nehmen ist, wie es dem orientalischen Wesen eigenthümlich ist. Was dann dem ersten Blick bisweilen auffällig, ja abstoßend oder thöricht erscheint, gewinnt einen liefern Sinn nnd einen besondern Reiz. Insbesondere hat man den stutzen des Midrasch für die jüdische Homiletik erkannt, und es giebt jetzt jüdische Prediger genug, die bei eigener Dürftigkeit den Reiz ihrer Reden aus dem Midrasch durch häutige Citate holen. Für diejenigen, welchen der Text weniger zugänglich ist, wird daher diese Uebersetzung eine reiche Fundgrube eröffnen. Tie Ueber tragung des Midrasch hat zwar in sprachlicher Beziehung weniger Schwierigkeiten zu überwinden, als der Talmud, da jener doch zuerst in reinerem Hebräisch spricht, und die in ihm vorkommenden Strabismen, Gräcisnien und Latinismen für den jetzigen Linguistiker leichter zu lösen sind, hin gegen die vielen technischen Ausdrücke des Talmuds fehlen. Dafür bietet die schlechte Beschaffenheit des Midraschtextes, dessen Kritik noch sehr vernachlässigt ist, dem Uebersetzer viele i Hindernisse. Wir können nur anerkennen, daß 1U. Wünsche mit vielem Studium, mit Einsicht und Geschick übersetzt hat, und feine Uebertragung sehr lesbar und verständlich ist. Der Verfasser hat in verdienstlicher Weise das Lerständniß durch Anmerkungen erleichtert, die allerdings bisweilen noch ausgedehnter hätten sein können. Daß sich über viele Stellen noch streiten ließe, versteht sich bei einem solchen Werke von selbst, noch dazu, da bis jetzt Uebersetzungen des Midrasch nur in geringfügiger Weise vorhanden sind. In der ersten Lieferung giebt der Verfasser eine Einleitung, in der er alles Wissenswerthe betreffs der Midraschliteratur überhaupt und der Rabboth insbesondere zusainmensteür. Tie wichtigsten Fragen auf diesem Gebiete sind noch zu lösen, wenn sie überhaupt noch lösbar sind. Wir hoffen, daß die Theilnahme für dieses Unternehmen in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen lebhaft genug sein werde, um Autor und Verleger in den Stand zu setzen, das begonnene Werk zu vollenden. — Wie es sich öfter fügt, daß, wenn ein Bcdürfniß vorhanden, dieses Mehreren zu gleicher Zeit zum Gefühle kommt, und sie an > dessen Befriedigung die Hand anlegen, so auch hier. Wie wir hören, beschäftigt sich Herr Rabb. l'r. I. Fürst in Mainz mit einer Uebersetzung und Erläuterung des etwas jüngeren Midrasch Thanchnma, und wünschen wir, daß derselbe recht bald zur Veröffentlichung dieser Arbeit gelange. l'i 11 icj >1 Deutschland. Berlin, 10. März. (Privatmitth.) Die „Bossische Ztg." schreibt: Die Vertretung der hiesigen jüdischen Gemeinde läßt gegenwärtig eine statistische Aufnahme ihrer cijlct i. Mitglieder nach den verschiedenen Berufszweigen aufnehl men, ohne daß die einzelnen davon Mühe haben. Bei Gelegenheit der Beitragseinziehung haben die Steuererheber näm j lich die erforderlichen Notizen zu machen, wofür ihnen Anj leitung gegeben ist. — Daß sich Herr Stöcker durch seine