Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1880)
- Date
- 1880-03-30
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227299--37925-3307109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
198 Der lebhafteste Beifall lohnte den Redner, doch wäre unser Bericht unvollständig, wenn wir nicht einer Episode in dieser Rede Molnär's erwähnten, welche das Verdienst derselben bedeutend abschwächt. Als er von dem jüdischen Gymnasium sprach, ergriff der Redner die Gelegenheit, seine ganze calvinistische Herbheit gegen die Juden und noch mehr gegen das Judenthum zum Ausdruck zu bringen. Er beschuldigte die Juden eines Partikularismus, der bei der großen Befähigung und Gewandtheit der Juden für - das Land nicht ungefährlich sei, und der vernichtet werden müßte. Und worin besteht für ihn dieser Partikularismus? Im Judenthumc. Das Judenthum will er vernichtet haben, die Juden sollen ihr ganzes religiöses Eeremoniale aufgebcn! Das heißt doch nichts Anderes, alle Juden sollen ihre Religion aufgcbeu und sich sammt und sonders, natürlich zum Calvinismus, bekehren! Wir erkennen die Offenheit dieser Aussprache an, aber wir müssen uns gegen eine solche Ansicht energisch erklären. Wir verachten eine Freiheit, die mit Aufopferung der heiligsten Uebcrzcugung und mit der Beschränkung jeder Individualität erkauft werden soll. Wir halten eine Nationalität für sehr schwach, welche nur mit der Hingabe der Religion soll bestehen können, und wenn diese Molnär von den Juden verlangt, um die ungarische Nationalität zu stärken und zur einzigen Potenz zu machen, warum nicht auch von den Calvinisten, die doch auch nur eine Minorität im Ungarlandc bilden? Wenn diese Herren über den israelitischen Landesschulsonds debattircn, wiffen sie, daß dieser einer Strafcontribution seinen Ursprung verdankt, welche den Juden auferlegt worden, r eil sie an den ungewissen Nationalbestrebungen einen lebhaften, in den Augen des österreichischen Feldherrn strafbaren Antheil genommen hatten. Und in demselben Augenblicke werfen sic den Juden vor, der ungarischen Ratio' nalität fern zu stehen und verlangen von ihnen, ihre viertausendjährige Religion auszugeben! Glaubt man denn, daß in einem solchen Falle man an einem religionslosen Hausen wirklich einen Gewinn für das Vaterland hätte? Nun, der Fall wird trotz aller solcher Reden nicht eintrctcn. Vorläufig aber macht, wie man uns schreibt, dieser Theil der Rede Molnärs einen üblen Eindruck gegen die Juden, mehr als die Fanfaronaden Jstoczys. Wir wundern uns daher über zweifaches: zuerst, daß kein Abgeordneter jüdischer Religion gegen diese Expectorationen das Wort ergriffen und zur Aufklärung der Sache etwas gethan, und dann, daß dem ungeachtet der Lehrkörper des Rabbincnscminars dem Abg. Molnär seine Huldigungen dargebracht hat. . . Werfen wir nun noch einen Blick aus die Debatten der beiden folgenden Tage. (Schluß folgt.) Literarischer Wochenbericht. Alles in neuem Gewände. III. Der V. Band der Legislation civile du Talmud von!>,. Israel Michel Rabbinowicz bringt ausgewählte Texte (in französischer Uebersetzung) aus den 30 Tractaten von Nesikin, Kodoschim und Taharoth. Sie betreffen die Medicin, wie wir bereits besprochen haben, das Berhältniß der Heiden, und zwar hinsichtlich ihres Antheils am ewigen Leben, ihre Stellung in der talmudischen Rechtspflege, ihr Berhältniß zum israelitischen Cultns und den Handelsverkehr mit ihnen; alsdann den Proselytismus, die heidnischen Sklaven; die Gesetzgebung und die Moral; den Bann und die gute Lebensart. Es lag in der Beschaffenheit der Tractate, ans welchen hier die Texte ausgewählt wurden, daß der Inhalt etwas bunt unter einander gerathen ist. Die Einleitung des Berfaffers sucht insofern Ordnung hineinzuschaffen, als sie die Hauptpunkte für jeden Gegenstand gesondert hervorhebt. Es war auch nicht zu vernieiden, daß hier Dinge berührt werden, die schon in den früheren Bünden behandelt sind. Wir wünschen deshalb sehr, daß unser Autor seinem letzten, dem sechsten Bande, ein ausführliches Inhaltsverzeichnis hinzufüge, aus welchem leicht ersichtlich sei, an welchen Stellen seines Werkes jeder Gegenstand zur Sprache kommt. Wir fügen auch gern die Bemerkung hinzu, daß namentlich dieser V. Band sehr reichlich mit Anmerkungen versehen ist, welche über die Texte das uöthige Licht verbreiten, und Erläuterungen geben, die oft sehr zutreffend sind, wenn auch bisweilen, wie dies nicht anders sein kann, noch discutabel. Herr Rabbinowicz giebt dieses Werk im Selbstverlag (Paris, vue de Seine, 63) heraus, und so wünschen wir dringend, daß er die uöthige Unterstützung finde, um mit der Herausgabe des VI. Bandes das ganze verdienstvolle Werk zum Abschluß zu bringen. Es wird dies die beste Anerkennung sein, die einem so ausdauernden Fleiße, einer so treuen Hingebung gebührt. — Neben diesen, die talmudische Halacha betreffenden Arbeiten ist nun in der jüngsten Zeit auch der Midrasch zum Gegenstand schriftstellerischer Thätigkcit gemacht worden. Wir haben bereits im vorigen Jahre S. 795 berichtet, daß Herr l>v. A. Wünsche in einer .Bibliotheea Rabbiniea“ eine deutsche Uebcrtragung der Midrasch -Rabboth veröffentlichen wolle. Nunmehr liegen zwei Lieferungen dieses großen Unternehmens vor. Die erste enthält etwas über die Hälfte des Midrasch-Äohcleth, die zweite den Anfang des Midrasch-Bereschith, für welchen ungefähr 5 solcher Lieferungen (von 6 Druckbogen gr. 8.) erforderlich sein werden, für den Midrasch ] auf die ganze Thora ungefähr 13, für die ganzen 5 Megilj loth etwa 5 Lieferungen. Man sicht, daß dieses literarische