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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-03-30 · Heft 13 (30.3.1880) · p. Seite 194

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 13 (30.3.1880)
Date
1880-03-30
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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194 wenn man uns am härtesten verfolgte, hat uns Gott nicht ' verlassen, sondern hat uns an das Ufer irgend eines rothen Meeres gestellt, wo wir die unendliche Rettermacht Gottes gewahrten (2 Mos. 14, Öl). Nein, in diesem Sinne sind wir keine „hirtenlose Heerde", und können es gar nicht sein. — Der andere Sinn wäre: daß wir Juden keinen „Hirten" liättcn, keinen als solchen erkennen, nicht in unsrem innersten Genrüthe fühlen, keinen, von dessen Hand wir die Fülle der Wohlthaten erhoffen, deren der Mensch von Athemzug zu Athemzug bedarf, und zu dem wir flüchten in Bedrängniffen und Nöthen des Lebens, zu unsrer Seele Heil und zu unsrer Schuld Versöhnung . . . Tahin freilich möchten unsre Gegner uns gebracht haben. Aber dies ist gerade der größte Irrthunl, in welchen sie verfallen können. Wir stehen noch heute, wo der Psalmist stand, als er im 23. Ps. ausries: „Der Ewige ist mein Hirt, mir mangelt nichts." Und noch früher - wir stehen noch heute, wo unser Urahn Jakob betete: „Gott, der mich geweidet hat von meinem Dasein an bis zu diesem Tage" (1 Mos. 48, 15). Wir rufen mit Affaph den Ewigen an: „Hirt Israels, der Du wie Schafe Joseph führst" ,Ps. 80, 2) und: „Weide uns in Ewigkeit" (Ps. 28, 9). In uns lebendig ist das Wort des Propheten Jeremias geblieben: „Der Israel zerstreute, wahret es wie seine Heerd' ein Hirt" (Ps. 31, 10), und das Wort Ezechiel's: „Denn also spricht der Herr der Ewige: Sieh, ich selbst, ich will meine Schafe suchen und besorgen. Wie ein Hirt seine Heerde besorgt, zur Zeit, da er unter seinen zerstreuten Schafen ist: also will ich meine Schafe besorgen, wohin sie zerstreut worden, am Tage des Gewölks und der Wetterwolke" (Ps. 34, 11. 12). — Ja, Gott ist unser Hirt, Gott allein - und wie mären wir da eine hirtenlose Heerde! Unsre frommen Gegner mögen daher ihre „erbarmende Liebe" sich für andere Objecte aufsparen, haben s i c etwa einen anderen Hirten als Gott? Fühlen sie sich mit diesem Hirten eine „hirtenlose Heerde"? Denn schließlich ist ihnen doch Christus auch Gott. Und wenn sie etwa eines Hirten von Fleisch und Blut bedürfen, so mögen sie sich vom Protestantismus lveg zur katholischen Kirche wenden. Wir Juden erkennen einen solchen nicht an: mir schauen zu dem Vater im Himmel, zum einzigen unendlichen Gotte empor, der die Allgüte und Barmherzigkeit ist. Wir erkennen noch heute das Gebot Gottes: „Werdet heilig, wie der Ewige heilig ist" als höchste Vorschrift, als höchstes sittliches Gesetz, als Leitstern, als den Stab unsres Hirten an, der uns zum rechten Ziele leitet! Verhandlungen im ungarischen Äbgeordneteuhause. Wir haben bereits in Nr. 11 über Petitionen berichtet, die betreffs des israelitischen Landesschulfonds von den „orthodoxen" Gemeinden an das Abgeordnetenhaus um Bertheilnng jenes Fonds zwischen ihnen und den „Congreß"-Gemeinden ergangen sind, daß hierauf von der isr. Landeskanzlei um Abweisung dieser Petitionen und um ein Organisationsgesetz gebeten wurde, und endlich Gesuche der „Statusquo-Gemeinden" die Abweisung aller dieser Forderungen und die Vertheilung der Erträgniffe des Fonds an die israelitischen Volksschulen von Seiten der Regierung verlangten. Es mußte also dieser Gegenstand zu Verhandlungen im Abgeordnetenhause führen. Wir brauchen hier die oft skizzirte Geschichte dieses ungarisch-israelitischen Landesschulsonds nicht noch einmal zu geben. Es sei nur angeführt, daß Feldmarschall Haynau nach Unterdrückung des Aufstandes den ungarischen Juden eine besondere Strafkontribution aufcrlegte, daß 18.50 der Kaiser diese Kontribution erließ, dagegen die Zahlung von l Million Fl. verlangte, welche als ein untheilbarer Fond zu israelitischen Schulzwecken bestehen sollte. Im Jahre 1852 wurde dieser Fond als ein Staatsfond gesetzlich erklärt und am 29. März 1856 erließ der Kaiser die Bestimmung, daß die Zwecke des Fonds in der Errichtung eines Rabbiner- Seminars, Gründung von Musterschulen, Unterstützung von Volksschulen und Dotirung von Stiftungsplätzen für taubstnmme und blinde israelitische Kinder bestehen sollten. Hiernach wurde bisjetzt dieser Fond vom Unterrichts-Minister verwaltet. Wiederholte Anregungen Seitens der „Orthodoxen" führten im Abgeordnetenhause zu keinem Beschluffe. Das Rabbiner-Seminar wurde 1877 eröffnet. Der ganze Fond besteht gegenwärtig in mehr als 2 Millionen fl. Die obigen Petitionen gingen an die Petitions-Commission. Diese wies in ihrem Berichte das Verlangen der othodoxen Gemeinde zurück. Der Hauptpaffus hierüber lautet: „Wenn nun auch nicht schon bei der Gründung des israelitischen Landes-Schulfonds durch allerhöchste Entschließung ausgesprochen worden wäre, daß derselbe als ein unter der Verwaltung der Regierung stehender untheilbarer Fond anzusehen sei, würde deffen Auftheilung, wie dies die Petition des orthodoxen Komit4s wünscht, unter den vorwalteuden Umständen nicht nur schädlich, sondern auch undurchführbar sein; — denn nicht nur die Kongreß- und die orthodoxe Partei stehe einander gegenüber, sondern es sind noch zahl- ’ reiche Gemeinden — wie dies aus den Petitionen ersichtlich - ist —, welche, von beiden Parteien fernstehend, auf Grund . der alten Lokalstatule organisirte Statusguo-Gemeinden sind.! Ja es giebt gegenwärtig außer diesen dreierlei Kultus-Organismen noch einige Glaubens-Gemeinden, welche sich zur Sefard-Konfession bekennen. Bon diesen Parteien verlangen blos die Orthodoxen die Auftheilung des Fonds, allein diese Auftheilung gerechter- , weise zu vollziehen, ist nicht möglich, denn es kommt.häufig ° vor, daß eine und dieselbe Kultusgemeinde heute das Statut

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