Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1880)
- Date
- 1880-03-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. i Diese Zeitung erscheint wöchenttich ‘ einmal in 2 biis 2*/» Bogen. Preis I Vierteljährig 3 Mart. Inserate werden i mit 2t> Pf. für die Petitzeile oder deren | Raum berechnet.; Alle Postämter (Postzeitungsliste Nr. 95) und Buchkiandlungen netimen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. In redacrioncllen Angelegenliciren : s wende mau sich an vr. £. ptnlippi'on in I Bonn; hinsichtlich der Jmerate au R. l Mo sic i» Leipzig und desien Filialen in Berlin. Breslau :c. i Znstrair, welche bis Donnersra« eingelicn,! ,inden in der darauffolgenden Nummer Berücksichtigung. Beilagen werden niit 12 Mark berechnet. 44. Jahrgang. Leipzig, den 30. März 1880. X, 13. Inhalt. Leitende Artikel: „Die Hirtenlose Heerde." — Verhandlungen im ungarischen Abgeordnetenhause. Literarischer Wochenbericht. Alles im neuen Gewände. III. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Vom Rhein, Dresden. — Oesterreich Ungarn: Aus Ungarn. Pest. — Bonn: Notizen, Literarische Notizen. — Feuilleton: C,-l l<• t;ine;i: 3. Selbftbestrafuiig. Ber mischt es: Ferdinand Hiller über Synagogengesänge. Xcl Bonn, 24. März. „Die hirtenlose Heerde.^ An Peßach. In dir. 11 haben wir S. 168 einen Angriff des Prof. Luthardt in seiner „Evang.-lutherischen Kirchenzeitnng" zurückgewiesen. Der Mann versicherte dabei „seine erbarmende Liebe gegen die zerstreute Heerde ohne Hirten, die in der Einöde verschmachtet". Wir würden aus diese Phrase weder antworten, noch zurückkommen, wenn sic von Prof. Luthardt allein gebraucht würde. Jndeß ist sie eine Redewendung, deren sich die Pietisten und Missionäre sehr oft bedienen, und die wir daher einmal auf ihren wahren Werth zu prüfen für nicht unnöthig erachten. Daß wir uns gerade in derselben „Einöde" befinden, wie alle unsre Mitbürger, und daß wir gerade soweit „schmachten" oder gar „verschmachten" wie alle unsre Mitmenschen, die Herren Pietisten mit ein geschlossen, brauchen wir nickt erst zu versichern. Rein, wir fühlen uns weder verschmachtend, noch in einer Einöde und sehen in diesem Ausdruck lnehr was unsre Gegner uns wüuschen, als was sie wirklich von uns und unsren Verhältnissen Hallen. Ebenso wenig wißen wir etwas von der „erbarmenden Liebe" dieser Leute „gegen" uns. Wenn wir die Art und Weise betrachten, wie sie gegen uns verfahren, die Schmähungen, die sie, aus uns hänfen, die Absickten, die sie unverhohlen gegen uns hegen, um uns womöglich der Gleich bercchtigung wieder zu berauben, und uns mittelalterlicher Mißhandlung wieder auszusetzen, so wissen wir wahrlich genug von der „erbarmenden Liebe", die sie „gegen" uns haben und bethätigen. Das eben Gesagte ist so offenkundig, und -Pros. Luthardt selbst bethätigt es derart, daß Niemand behaupten wird, wir sprächen so aus irgend einem Äoinrtheil heraus. Doch um alles Dies handelt es sich nicht. Das Haupt gewicht der Phrase liegt in den Worten: „die zerstreute Heerde ohne Hirt." Zerstreut ist allerdings der jüdische Stamm. Aber „ohne Hirt" nimmermehr! DaS Wort kann zwiefach ausgelegt werden. Einerseits: Gott, die göttliche Vorsehung, die göttliche Weltordnung habe die Juden ausgegeben, ver stoßen, kümmere sich nicht um sie, sondern habe sie der Laune des Zufalls überlassen. Aber können dies jene Männer wirklich glauben? Kann denn Gott seinem Wesen nach irgend ein Geschöpf ansgcben, verstoßen, verlassen und könnte dies dann bestehen bleiben? Wo singe dann das Reich des Zu falls an und hörte die göttliche Vorsehung aus? Tie Leine des Judenthums verneint solche Ansicht durchaus, und die Thatsachen beweisen die Richtigkeit dieser Lehre. Tenn seil unserer Zerstreuung sind fast zwei Jahrtausende verflossen und wir bestehen noch, bestehen so lebenskräftig und stark, daß unsre Gegner nicht müde werden, uns anzugreisen und an uns herumzunörgeln. Was haben wir nicht in dieser Zeit untergehen, erstehen und wieder vergehen, sich geltend machen und seine Herrschaft wieder verlieren sehen? Gerade, 13