Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1880)
- Date
- 1880-03-23
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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182 selben nach freundlichster und herzlichster Begrüßung dem Kaiser zuführte, um ihn vorzustellen." Das „B. T. Bl." fügt hinzu, daß auch der Kaiser und die Kaiserin Herrn Straßmanu in „huldreichster Weise begegneten." Aachen, im März. (Privatmitth.) Eine Beobachtung, die hinsichtlich der jüdischen Armenpflege nicht ohne Bedeutung ist, laßt sich in neuerer Zeit, wenn man die Jahresberichte jüdischer Armenvereine durchmustert, machen und verdient hervorgehoben zu werden. In den Gemeinden nämlich, wo die Armenpflege eine beffere Organisation erlangt hat, mit dem besonderen Zwecke, der gewohnheitsmäßigen Bettelei von Haus zu. Haus entgegenzuwirken, zeigt es sich, daß die Unterstützung der Ortsarmen bedeutend gewinnt, während diese früher durch den Hausbettel der fremden vagabondirenden Bettler zurückgedrängt und vernachlässigt war. Bekanntlich verordnet auch unser altes Ritualgesetz die Ortsarmen eher zu berücksichtigen als die Fremden. Dies war aber in früherer Zeit außer Uebung gekommen, und die Orchim überhaupt und die zudringlichen Bettler insbesondere nahmen die Wohlthätigkeit so in Anspruch, daß für die Bedürftigen des Platzes wenig übrig blieb. Dieses ändert sich aber überall, wo die Armenpflege angemessen organisirt wird. Einen Beweis hierfür liefert der Berwaltungsbericht des hiesigen Israelitischen Armen-Unterstützungs-Vereins sür das Jahr 1879. Als derselbe im Jahre 1850 gestiftet wurde, gab er 315 Thlr. aus, wovon auf die Armen der Stadt und Umgegend nicht mehr als 49 Thlr. 21 Sgr. kam, während die Passanten 265 Thlr. 9 Sgr. erhielten! Im Jahre 1879 dagegen wurden 4626 M. verausgabt, von denen die Armen der Stadt und Umgegend 2745 M. und die Passanten und Badegäste nur 1280 M. erhielten. Die Passanten (612) erhielten pro Kopf 1 M. 83 Pf. Es waren darunter 246 Deutsche und 356 Ausländer. Dieses Beispiel, das sich an vielen Orten wiederholt, ist sehr lehrreich und muß da zur Nachahmung aneifern, wo der alte Schlendrian noch vorhanden ist. Sperenberg, 3. März. Vor Kurzem meldeten einige Blätter, daß hier bei einem jüdischen Leichenbegängniß ein evangelischer Geistlicher im Ornate an der Seite des Rabbiners dem sehr geachteten Verstorbenen die letzte Ehre erwies, und hoben dies als einen Beweis der gegenseitigen Toleranz und des confesfionellen Friedens hervor. Aber unsre Zeit ist eben'nicht dazu angethan, solche Beweise in ihrer vollgültigen Kraft zu belassen. Die „Frommen" im Lande, wir meinen die christlichen, nahmen Anstoß daran, und es ist charakteristisch , welche Erklärung der hiesige Pfarrer Mücke in der „Kreuzzeitung erläßt: „Auf die einmal in die Oeffentlichkeit gedrungene Nachricht, daß hierfelbst ein evangelischer Geistlicher im Ornat einem jüdischen Leichenbegängniß von Anfang bis zu Ende beigewohnt hat, sehe ich mich den hervorgetretenen Mißverständnissen und Verwechselungen gegenüber zu der öffentlichen Erklärung genöthigt, daß ich selbst jenem absonderlichen Vorgang gänzlich fern geblieben bin und vielmehr einer meiner Amtsvorgänger, welcher in einer Nachbarparochie der Diöcese wirkt, dies dem unkirchlichen Liberalismus und den modernen Reformern willkommene, seltene Schauspiel und merkwürdige Beispiel von Toleranz an der linken Seite seines jüdischen Collegen u. s. w., durchaus ohne mein Wissen und Wollen gegeben hat. Wenn ich ja auch einem evangelischen Geistlichen die civile Betheiligung an einer jüdischen Leichenfeier unter Umständen nicht verargen will, so muß ich doch ein solches amtliches Auftreten tief beklagen." Ob die Sache noch weitere Folgen haben wird, muß abgewartet werden. Stuttgart, 6. März. (Privatmitth.) Der hiesige Synagogen-Gesangverein gab am 4. d. M. im Saale des Bürgermuseum eine musikalische Unterhaltung mit sehr reichhaltigem Programm und erntete bei der zahlreichen Zuhörerschaft allgemeinen Beifall. Am heutigen Geburtsfeste Sr. Maj. des Königs von Württemberg hielt Herr Rabbiner Dr. Wassermann die Festpredigt in der Synagoge über Ps. 119, 173: „Herr, laß mir deine Hilfe beistehen, denn ich habe erwählt deine Befehle" und wies auf die in Folge der vielfachen Verwirrung und Verwicklung der Begriffe und Verhältnisse unter den Völkern stets größer und schwieriger sich gestaltende Aufgabe der Fürsten hin. Zur Bewältigung derselben bedürfen die Mächtigen der Erde des göttlichen Beistandes in höherem Maße, als gewöhnliche Menschen. Beim Gehorsam gegen Gottes Gebote, der schönsten aller Herrschertugenden, werde er ihnen auch nicht fehlen. — Der „fitttliche Ernst," wird oft behauptet, sei nur inr Christenthume zu finden. So auch anläßlich der Schultheißenwahl in Laupheim, wo ein großer Theil der Einwohner israelitischer Konfession ist. Der dortige Rabbiner Kahn erließ dagegen eine öffentliche Erklärung, in welcher er ausführte, daß der sittliche Ernst nichts anderes sei als der in Gesinnung, in Wort und That zum Ausdruck gelangende Eifer für Wahrheit, Recht und gute Sitte. Dieser sittliche Ernst sei älter als das Christenthum und gehöre wohl zu den Dingen, welche das Christenthum von seiner Mutter, dem Judenthume, geerbt habe. Karlsruhe (Baden), 3. März. Die Schw. Krön, schreibt: Vorgestern Abend hielt der deutsch-katholische Sprecher Schill aus Heidelberg im Eintrachtssaale vor einer meist aus Israeliten bestehenden Zuhörerschaft einen Bortrag über „das Judenthum im Dienste der Menschheit." Der Redner wies an der Hand der Geschichte nach, wie die besonderen jüdischen Eigenthümlichkeiten der Israeliten in der Religion und Naturanlage derselben begründet und durch den langen Druck, der auf dem jüdischen Volke lag, entwickelt worden seien. Uebrigens finde man den Wucher zu allen Zeiten auch