Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1880)
- Date
- 1880-03-23
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Ree's nicht urtheilen; aber die von Tr. angeführte Stelle streitet gerade gegen ihn selbst. Es heißt da: „Haben sie (die spanischen Juden) irgendwo etwas von ihrer spanischen oder portugiesischen Nationalität ausgegeben, so haben sie sich vielmehr dem sie umgebenden Volksleben, als dem Thun und Treiben ihrer deutschen Glaubensbrüder angeschloffen, weshalb sie auch immer, und zwar mit Recht, eine viel beffere sociale Stellung als jene hatten^' Ree hat vorsichtig einen Vorbehalt gemacht; er sagt: „haben sie irgendwo etwas von ihrer spanischen oder portugiesischen Nationalität aufgegeben," und dieser Vorbehalt beseitigt von vornherein die Folgerung, die Tr. daraus zieht. Auch legt Ree das Hauptgewicht darauf, daß die spanischen Juden ihre Trennung von den deutschen Juden sesthalten und mit diesen nicht in Gemeinschaft treten wollten, eine Absonderung, die ihren allmäligen Verfall herbeiführte. Der Ausspruch Ree's beweist also für Treitschke gar nichts. Schließlich darf man nicht übersehen, daß die spanischen Juden ausschließlich in Holland und England lebten, wo ihnen ein viel freierer Spielraum Jahrhunderte hindurch, während welcher die deutschen Juden noch der drückendsten Ausschließung unterworfen waren, gegeben war. Herr Tr. will offenbar mit diesen „Notizen" die Niederlage verdecken, die er in so eclatanter Weise erlitten hat. Literarischer Wochenbericht. Altes in neuem Gewände. H. Lange Zeiten hindurch glaubten die Juden im Talmud die Quelle alles Wiffens zu besitzen. Es waren dies die Zeiten der Absperrung und Ausschließung, und nicht blos die unwissende Menge hegte diese Meinung in ihrer unbeschränkten Verehrung des Talmuds, sondern auch die jüdischen Gelehrten theilten aufrichtig diese Ansicht. Nicht allein die Anfänge der Wissenschaften, sondern auch ihre Vollendung setzte man in-diesem großen überlieferten und heilig gehaltenen Schriftwerke voraus. Es wurde deshalb die selbstverständliche Aufgabe der neueren Forschung,, diesen Glauben nach dem wahren Gehalte dessen, was der Talmud für die Wissenschaften bietet, zu untersuchen. Wir brauchen nicht erst hervorzuheben, daß für uns der Talmud seine wesentliche Bedeutung, außer seinem literar- und culturhistorischen Werthe, und seiner Zeugnißgebung für die jüdische Geistesthätigkeit, in seinem religiösen Systeme und in seiner Entwickelung des Rechts und der Sitte im Judenthum nach allen Richtungen hin besitzt, was von seinen sonstigen Verdiensten für die Wissenschaften ganz unabhängig ist. Immerhin war jene Frage nicht ohne Wichtigkeit. Es konnten hier mehr oder weniger Schätze für die Geschichte der Wissenschaften enthalten sein, wenn man auch von vornherein nicht voraussetzte, daß hier Dinge offenkundig gemacht werden würden, welche noch heute die gegenwärtigen Wissenschaften bereichern könnten. Hierhin ist das Werk von I. Derenbourg „Histoire de la Palestine depuis Cirus jusqua Adrien d’aprfcs les Talmuds et les untres sources rabbiniques. (Paris 1867),“ zu rechnen, sowie Adolph Neubauer's La Geographie du Talmud (Paris 1868), das ausführliche Werk S. I. Wunderbar's: Die biblischtalmudische Medizin (Riga 1850—1860). Wir haben nun heute zwei hierhergehörige Werke zu besprechen: Studien über die naturwissenschaftlichen Kenntnisse der Talmudisten von Dr. Joseph Bergel, (Leipzig, Friedrich, 1880), und La Medicine du Thalmud ou tous les passages concernant la Medicine extraits des 21 Traites du Thalmud de Babylone par le Dr. Israel -Michel Rabbinowicz. (Paris chez l’Auteur, rue de Seine, 63.) Letztere Schrift bildet einen Theil des fünften Bandes der Legislation civile du Thalmud des sehr verdienten Verfassers, auf welchen wir weiterhin zurückkommen werden. Welches ist nun vom objektiven Standpunkte aus das Ergebniß aller dieser und ähnlicher Untersuchungen? Selbstverständlich bietet der Talmud für die gleichzeitige Geschichte der Juden viele erhebliche, unentbehrliche Notizen,wie für die Geographie Palästinas und Mesopotamiens nützliche, oft fteilich sehr schwierige Winke. Dagegen hatten die Talmudisten keinen Sinn für die eigentliche Geschichte und Geschichtsschreibung und ebensowenig für eine wissenschaftliche Auffassung und die Wissenschaft selbst. Sie waren keine Feinde der Wissenschaft, wie dies so häufig bei anderen Religionsgenossenschasten vorgekommen, aber sie hatten keine Ahnung von wahrer und strenger Wissenschaftlichkeit. Die Erklärung dieses geschichtlichen Moments wird nicht schwer fallen, wenn man die Lage Palästinas und Babylons in Betracht zieht und erwägt, daß bereits zur Abfassungszeit der Mischna, noch mehr aber als oie Gemara niedergeschrieben wurde, auch am griechischen und römischen Stamme die Blüthe der Wissenschaft längst verwelkt und die Früchte vertrocknet waren. Immerhin hatte sie jedoch in Hellas und Rom bestanden, während sie in Judäa niemals eine Pflegestätte gehabt hatte. Auf dem naturwissenschaftlichen und medizinischen Gebiete hatten die Talmudisten vier Ausgangspunkte zu Specialforschungen: die Schechita und Bedika zur Bestimmung von Käscher und Trefa, die Schwangerschaft und Menstruation, der Aussatz und die Kalenderberechnung. Nur für den ersten und den letzten Punkt haben sie Erkleckliches geleistet, obschon sie bei den Bestimmungen über die Krankheiten des Viehes sich mehr an die äußeren Symptome hielten, während ihnen die lieferliegenden Krankheitserscheinungen entgingen. Immerhin aber haben sie hier i > *