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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-03-23 · Heft 12 (23.3.1880) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 12 (23.3.1880)
Date
1880-03-23
Page
Seite 178 (sequence 2)
Language
German
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178 ernste Geschichtsschreiber, die diese Gelegenheit ergriffen, ihre ernste Würde zu compromittiren. Seitdem das deutsche Reich gegründet worden, hat es in Deutschland immer einen Angeklagten, einen Sündenbock gegeben, dem man alles Unglück zuschreibt und den man mit Verwünschungen überhäuft. Dieser Sündenbock war zuerst der Katholik, diesen ersetzte der Socialist; jetzt ist es der Jude, der auf der Anklagebank sitzt. Er wird als der Erbfeind Deutschlands denuncirt u. s. w." „In Frankreich," sagt er weiterhin, „hat man Mühe zu begreifen, daß es in Deutschland eine „Judensrage" gebe, und daß diese Frage sonst gesunde Gehirne erhitzen und zu einer giftigen Polemik den Stoff bieten könne. Dem Himmel sei Dank giebt es in Frankreich viele Dinge, die auf immer geregelt find und die man vergeblich wieder in Frage zu stellen versuchen würde." Er vergleicht nun den Gang der Gleichstellung in Frankreich und in Deutschland und betont, wie man ln Deutschland des Juden gar nicht zu vergeffen vermag. Bei kleinen und großen Dingen, bei Vergehungen undbei Verdiensten füge man stets das Wort „Jude" hinzu, und zwar bei verdienstlichen Handlungen mit dem Nebensinn: „er bleibt doch ein Jude". „Man konnte glauben, daß seitdem Deutschland feine Träume von Größe und Einheit verwirklicht hat, seitdem es ein weites furchtbares Reich geworden, wird es eine wahrhaft kaiserliche Denkungsart angenommen haben, und indem es seine alten Institutionen über Bord warf, hätte es auch seine Borurtheile von ehemals dahin versenkt. Kommt es nicht den Mächtigen zu, den Geist frei zu haben, und dem Riesen, die Dinge aus der Höhe zu betrachten? Aber es geschieht bisweilen, daß große Erfolge, anstatt die Herzen zu öffnen und mild zu stimmen, sie zusammenziehen und stößig machen (raeornisserit)." Von hier aus ironisirt Valbert die Teutomanie nnd die Extravaganzen der Judenfresser, denen er zuruft: „vergeffet nicht, daß man das nur kaufen kann, was sich verkaufen will." Wenn sie den Juden vorwerfen, daß sie der deutschen Nation die Ideale entzögen, so citirt Valbert, was er in einem Pamphlet gelesen haben will: „ein wahrer deutscher Schuhmacher, wenn er ein Paar Schuhe anfertigt, legt nicht allein sein Gewissen hinein, sondern etwas von seiner Seele und selbst etwas Poesie. Ach! seitdem die deutschen Schuhmacher sich durch die beklagenswerthe Propaganda der Söhne Abrahams haben verderben lassen, sehen sie in einem Paar Schuhe nur noch ein Geschäft, denn für den Juden giebt es in der Welt nur Geschäfte und Berechnungen!" Er erinnert Herrn von Treitschke, wie dieser gerade seit 1870 den Realismus in der Politik gepredigt, und versichert habe, daß Deutschland aus seinen idealistischen Träumereien heraus und auf den Boden der Wirklichkeit getreten sei. Doch wir können hier dem Herrn Valbert nicht weiter folgen. Wenn den deutschen Juden der Patriotismus abgesprochen wird, so tritt er mit warmem Eifer und schöner Beredtsamkeit für sie ein. Er bemerkt unter Anderem: „Verdankt Ihr nicht die schönsten Verse seit Goethe's Tod einem Juden?" Er kommt zu dem Schluffe, daß die Teutomanen die Furcht vor den Juden nur heucheln können, da es doch unmöglich sei, die deutsche Nation ftir so ohnmächtig zu halten, vor den paar Juden zu erliegen. Gegen den Schluß sagt er: „Schließlich, was die Juden über die Zukunft beruhigen kann, ist, daß ihre wüthendsten Gegner, nach den größten Ausgeburten von Angriffen, böswilligen Insinuationen und Beleidigungen sehr in Verlegenheit find, wenn es heißt, den Schluß zu ziehen. Sie rufen den Himmel zum Zeugen an, daß der Fall ein ernster und dringender, daß die Krankheit eine tödtliche sei, aber sie wissen kein Mittel anzugeben, um sie zu bekämpfen." Weder Treitschke noch Stöcker weiß es, und was die Pamphletisten niedriger Art aushecken, ist so unvernünftig und lächerlich, daß es wie eine Satyre auf sich selbst aussieht. „In Frankreich," sagt er, „haben die Protestanten eine Wichtigkeit erlangt, die mit ihrer numerischen Stärke in größtem Mißverhältniß steht; Niemand beklagt sich darüber, außer einigen Fanatikern, denen man kein Gehör schenkt. Der Graf von Onate sagte einst zum Kaiser Karl V: „Sire, ich bin klein, aber ich wiege viel." Es ist gut, daß in einer Gesellschaft es kleine Dinge giebt, die viel wiegen, und kleine Parteien, mit denen Jedermann zu rechnen genöthigt sei; die Freiheit befindet sich wohl dabei." Zum Schluffe feiert Valbert den deutschen Kronprinzen, der, während „die preußischen Liberalen schwiegen und Israel die Sorge überließen, sich zu vertheidigen, gegen die Teutomanen und „ihre hungrige Meute" wiederholt seinen Unwillen über diese ganze Agitation aussprach.- Nichts wirft ein helleres Schlaglicht auf diese Auslassungen des ftanzösischen Schriftstellers als die „Notizen zur Judenfrage", welche Treitschke im Februarheft seiner „Preußischen Jahrbücher" gegeben hat. Wir wollen zu ihnen unsre Notizen machen, denn mehr, etwa einen besonderen Artikel „Wider Treitschke III", sind sie nicht werth. Jener Notizen Tr.'s sind zwei, und zeigen sie so recht, wie die Rechthaberei den Verstand verdunkelt und die Sophisterei befördert. Die erste betrifft den Synagogen-Borstand zu Linz, der eine Berichtigung gegen die Anschuldigung Treitschke's in die „Nationalzeitung" hat einrücken lassen, diese aber auch dem Redacteur der Pr. I. zugeschickt, um sie auf Grund des Preßgesetzes zu geben. Nichts wäre einfacher gewesen, als daß Tr. zugestand, die Zeitungsnachricht, seine Quelle, wäre unrichtig gewesen. Das bringt aber ein solcher Mann nicht über's Herz. Tr. hatte gesagt (Pr. I. Januar, S. 87): „Ein Lehrbuch der biblischen Geschichte, das dem Neuen Testamente gemäß erzählt, wie Christus von den Juden unschuldig gekreuzigt wurde. Alsbald beschwert sich der Synagogen-Borstand bei der Regierung ünd verlangt Beseitigung

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