Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1880)
- Date
- 1880-03-16
- Page
- Seite 168 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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168 Matrosen die hochländischen Clans und die Söhne der Smaragdinsel vereinigten'? . . . Wir haben aber noch ein schlagenderes Beispiel in der Schweiz, denn das schweizerische Volk besteht aus den deutschen, französischen und italienischen Elementen, die nicht etwa blos geographisch verbunden'sind, sondern ein kräftiges nationales Bewußtsein haben, so daß wede-. der französische Theil nach Frankreich, noch der italienisch - Theil nach Italien gravitirt und durchaus kein Verlangen fühlt, sich jenen ungleich größeren Nationen anzuschließen. Deshalb ist es gekommen, daß Frankreich immer mehr Gelüste nach Belgien und nach dem linken Rhcinufer als nach den ftanzösischen Schweizerkantonen gehabt, und daß die Italia irridenta nach Trient und Triest, nicht aber nach Tessin schreit. Wie wollen daher ernsthafte deutsche Schriftsteller entschuldigen, wenn sie die kleine Zahl durch das ganze Reich zerstreuter Juden, die seit zwei Jahrtausenden in Deutschland ihr Vaterland haben und alle traurigen und glücklichen Geschicke und alle Phasen der Entwickelung mit ihm durchgemacht haben, als nicht zur deutschen Nationalität gehörig, ihr fremd, ja feindlich ausgeben, und ihr Gesicht in die Falten großer Besorgniß über die Einwirkung dieses Häufleins auf ihre Nationalität legen? Ja, die Frage aufwerfen, wie man sich ihrer zu erwehren habe? Es ist dies ebenso unvernünftig, wie unwürdig. Warum wollen sie durchaus einen Heine und Börne ausschließen, weil diese nicht ganz in das Schema eines Platen und Treitschke paffen? . .. Wir hoffen, daß nach kurzer Zeit man sich dieser Extravaganzen schämen wird. Berlin, 5. März, (Privatmitth.) Wenn Ihr Pariser Correspondent jüngst unter anderen Beweisen, mit welcher Unparteilichkeit die ftanzösische Regierung Verdienste, welche sich Juden erwerben, anerkenne und belohne, auch die Ertheilung der Ehrenlegion erwähnte, so sind gerade hinsichtlich der Ordensdecorationen die deutschen Juden unter dem Kaiser Wilhelm nicht schlechter gestellt. Ich hatte diese Tage das Namensverzeichniß der Mitglieder der hier seit beinah 90 Jahren bestehenden, noch von Joseph Mendelssohn gegründeten „Gesellschaft der Freunde" zu gegenseitiger Unterstützung für das letzte Jahr vor mir. Die Gesellschaft zählt jetzt 469 Mitglieder, und darunter sind 60 Ritter verschiedener, auch hoher Orden. Die Gesellschaft zählt nur einige wenige christliche Mitglieder und nicht viele, die außerhalb Berlins wohnen. Die obige Zahl der Decorirten ist also gewiß zufriedenstellend und erweist die Unparteilichkeit unsres greisen Monarchen. Bekanntlich war es Friedrich Wilhelm IV., der zuerst, jedoch nur selten, Orden an Juden verlieh, und zwar mit einer besonderen Decoration, welche in einer Sonne statt des Kreuzes bestand. Selbstverständlich ist das eiserne Kreuz auszunehmen welches in den Jahren 1813—1815 einer verhältnißmäßig nicht geringen Zahl von Juden verliehen worden. Diese No'izen haben für uns nur einen Werth, indem, sie einerseits die Gerechtigkeit unsres Monarchen, andererseits das verdienstliche Streben in den Reihen unsrer Glaubensgenossen bezeugen. Tic gedachte Gesellschaft, deren ältestes Mitglied jetzt wohl der greise Zun z ist, welcher bereits 1820Mi"g*ied wurde, hat gegenwärtig einen Fcnd von c. 460,000 M. und ihre Wittwen- und Waisenkaffe über 187,00) M>, wozu noch ein Reservefond von 23,000 M. kommt. Im verflogenen Jahre gewährte sie über 26,000 M. Unterstützungen, die Wittwen- und Waisenkaffe, 11,475 M. und der Reservefond 600 M. Bonn, 5 März. (Privatmitth.) Die in Leipzig unter Redaktion des Prof. Dr. Luthardt erscheinende „Allg. Evang.- lutherische Kirchenzeitung" enthält von Zeit zu Zeit judenfeindliche Artikel, die wir jedoch, weil sie an sich unbedeutend sind und die Gesinnung des genannten Blattes hinlänglich bekannt ist, meist mit Stillschweigen übergehen. Weiß man es doch längst, daß sich die evangelischen Kirchenzeitungen in ihrem Judenhaffe durchaus nicht von der ultramontanen Preffe unterscheiden und nicht ein Fünkchen Gerechtigkeit und Duldsamkeit mehr als diese besitzen. In Nr. 8 (vom 27. Febr.) beginnt das gedachte Blatt abermals eine Serie von Artikeln „Zur Judenftage", und wir reflektiren auf diesen ersten, weil er mehrfach gegen uns polemisirt. Das Blatt führt aus, daß das Wort „Judenhetze" von dem gegenwärtigen Streite gar nicht gebraucht werden könne, da ja noch gar kein Tumult gegen die Juden stattgefunden. „Der Streit ist ein Zeitungs- und Brochürenstreit." Weiterhin gesteht es selbst zu, daß nur „bis jetzt" solch' ein „trauriges Borkommniß„ noch nicht stattgefunden, „denn daß im deutschen Volke noch Roheit genug vorhanden ist, um eine wirkliche blutige Judenhetze in Scene zu setzen, wer wollte das in Abrede stellen?" Wir bestreiten dies der edlen Kirchenzeitung; denn daß die Wortführer in diesem Streite uicht schuld daran sind, daß dergleichen noch nicht „in Scene gesetzt" worden, wird Niemand „in Abrede stellen." Somit ist es eben nur die Liebe zu Gesetz und Ordnung und der Mangel an rohem Haffe im Volke, welche bewirken, daß es jenen Verführern das Ohr nicht leihet. Die „K. Z." macht eben hier den auf gewisser Seite beliebten Unterschied zwischen den intellektuellen Urhebern und den Thätern, von welchen jene sich verbergen, sobald diese vom Arm des Strafrichters getroffen werden sollen. Weiterhin stellt der Art. die Helden dieses Streites als ganz unschuldig da, sie „schreiben ruhig, sachlich, behaupten nicht ohne historische und statistische Nachweise." „Irrungen in Einzelheiten" find entschuldbar. Nun, hierüber lassen wir das Publikum urtheilen. Marr, Glagau, Stöcker, Treitschke und Genossen schreiben höchst leidenschaftslos, vielleicht sogar freundlich, liebevoll — denn die K. Z. spricht sich selbst darüber aus, daß „Liebe" oft in ganz irriger Weise verstanden und angebracht wird. Als einen Beweis