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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-03-16 · Heft 11 (16.3.1880) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 11 (16.3.1880)
Date
1880-03-16
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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162 unübersteigbaren Differenzen zwischen seiner Lehre und dem Amte, das man ihm an der Heidelberger Universität übertragen wollte, im Voraus erkennend, die Annahme ablehntc. Dies vollkommen würdigend, kann es uns jedoch nicht verargt werden, wenn wir die Resultate des Proseffors Cohen und seine Darstellung derselben einer Prüfung, unsren Kräften gemäß, unterziehen. der Deismus sich verflüchtigt. In diese Irre führt uns Herr Cohen, da er uns sachlich gar keinen Aufschluß giebt. Nein, dahin kann der „israelitische Monotheismus" nicht folgen, und es wird wohl noch lange bei der „Aufgabe der Juden", bei dem treuen Festhalten des „israelitischen Monotheismus" verbleiben müssen! Der Verfasser betont zu oft „den israelitischen Mono- Cohen citirt zuerst den Ausspruch Kant's, der die Ber-; theismus", als daß er nicht dessen Verschiedenheit von dem schiedenheit der Religionen perhorrescirt und „nur eine ein-! christlichen Monotheismus, von dem islamitischen Monotheiszige für alle Menschen und in allen Zeiten gültige Relimus, von dem pantheistischen Monotheismus voraussetzen gion" anerkennt. Unser Autor verfolgt diesen absonderlichen sollte. Er charakterisirt nun den israelitischen Monotheismus Gedanken, der den dunkelsten Fetischismus mit dem reinsten! „durch die beiden Ideen der Geistigkeit Gottes und der Deismus identificirt, nicht weiter, aber er gründet darauf die j messianischen Verheißung. Die eine betrifft das Wesen der Frage, ob nicht deshalb Juden und Christen „zu einer rei- Gottheit, die andere die geschichtliche Aufgabe, das sittliche neren Form der Religion sich zu verbinden hoffen dürfen?" Nun, diese Hoffnung haben bereits die Propheten ausgesprochen, indem sie verkündeten, daß dereinst auf der ganzen Erde der Einzige Gott (~nN '-) erkannt und angebetet werden würde. „Dereinst", unser Berfaffer sieht aber, wenigstens zum Theil, diese Zeit schon gekommen. Ihm decken sich Nationalität und Religion, deshalb deutsche Nationalität und deutsche Religion, deutsche Religion ist ihm der Protestantismus. Nun bekennt er sich in ernstester Weise zum „Israelitischen Monotheismus" und theilt den Juden die Aufgabe zu, diesen israelitischen Monotheismus aufrecht zu erhalten, bis das Christenthum „zu einer reineren Form" gelangt sei, aber im Grunde glaubt er, daß diese im Protestantismus bereits gefunden sei, und daß das protestantische Christenthum sich vom israelitischen Monotheismus gar nicht mehr unterscheide (S. 5.), daß die Protestanten sich dem letzteren, die Juden sich dem ersteren so weit genähert hätten, daß sie eigentlich nicht mehr differireu. Wir sehen, der Autor sieht sich bereits in der völligen Unisication. Jndeß wir gestehen offen, daß wir ihm so schnell nicht folgen können. Zunächst hätte er uns doch sagen müffen, worin nach seiner Ansicht das protestantische Christenthum bestehe, und w o dies zu finden sei? Sollen wir nach ihm bei den Reformatoren selbst suchen, bei Luther, Calvin, Zwingli, Melanchthon, Heinrich VIII.? oder bei den Lutheranern, Reformirten, oder anderen protestantischen Seelen, etwa bei den Ilnitariern? bei Semler oder Schleiermacher? bei Tholuck und Hengstenberg, oder bei Bretschneider und Marrheinike? Bei der lutherischen Conferenz und der Generalsynode oder bei dem Protestantenverein u. s. w.? Wir urgiren dies nicht einmal, aber so viel geht doch daraus hervor, daß wir, wenn wir das protestantische Christenthum mit dem israelitischen Monotheismus für gleich ansehen sollen, doch immer mehr in einen engeren und kleineren Kreis geführt werden, der sich alsbald wieder in die freireligiösen Gemeinden, zu Strauß und Anderen verliert und unter der Hand verschwindet, so daß selbst Ideal des Menschengeschlechts." Wir wollen nun mit dem Verfasser nicht rechten, daß er diesen Satz aus der Schrift nur durch sehr dürftige Anführungen belegt: aber das sieht man leicht ein, daß in dieser Charakterisirung eine große Lücke vorhanden. Denn wie man von der „Geistigkeit Gottes" sofort „zum sittlichen Ideal des Menschengeschlechts" komme, ist nicht ersichtlich. Wenn wir von der „Geistigkeit Gottes" zu folgern berechtigt werden, daß die Welt der Wesen, die Welt des Werdenden und Vergehenden, die Welt der wahrnehmbaren Erscheinungen nicht identisch mit Gott, sondern das Werk Gottes, die Schöpfung Gottes ist, ein Dogma, das uns das Judenthum nicht als Folgerung, sondern als breite, Grund legende Lehre giebt — so ist von hier bis zum sittlichen Ideal des Menschengeschlechts als einer geschichtlichen Ausgabe noch ein weiter Sprung. Das Judenthum weiß von dieser Lücke nichts; es stellt auf seinen ersten Seiten neben Gott den Menschen als das höchste Schöpfungswerk Gottes auf Erden, als geschaffen im Ebenbilde, in der Aehnlichkeit Gottes, als geschaffen aus Staub, der Erde gewesen, und Geist, den Gott gegeben. Und wenn cs den Menschen so psychologisch gezeichnet, so macht es die ethische Anwendung, indem es als sittliches Ideal des Menschen die „Heiligung" lehrt, die wiederum nach ihm in der Liebe zu Gott („mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen") und in der Liebe;um Nächsten („liebe deinen Nächsten wie dich selbst") ihre Grundzüge hat, der „Heiligung wie Gott heilig ist", was dann populär (im 5. Buche Moses) als „in den Wegen Gottes wandeln" ausgedrückt wird (sich anlehnend an 1. Mos. 9, 6. 17, 1.) Erft nachdem dem Menschen dieses sittliche Ideal gegeben war, konnte es dem Menschengeschlechte aus seinem großen Entwickelungsgange zur geschichtlichen Aufgabe gestellt werden, dieses sittliche Ideal immer mehr und dereinst in seiner Gesammtheit zu verwirklichen. Wir sehen deshalb „die messianische Verheißung" erst bei den Propheten auftreten. Wie wir daher stets gegen die banale Phrase protestirten, daß das Judenthum nur das eine Dogma von der

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